Tod eines Engländers

Ein Mord in Puerto de la Cruz

2003002_2

Die Geschichte ist schon eine ganze Weile her. Aber sie erzählt von einem denkwürdigen Ereignis in der Geschichte der Stadt Puerto de la Cruz, die wie keine andere von der Präsenz britischer Handelsleute geprägt war.
In Puerto de la Cruz wurde nicht nur das erste Gran Hotel Spaniens eröffnet, sonder auch der erste Friedhof für Ausländer, der „Cementerio Inglés“. Dort liegt ein Mann begraben, der auf tragische Weise in die Geschichte der Stadt einging. Er war das erste Mordopfer, das in dieser Stadt zu beklagen war.

Reid BankingDie Geschichte beginnt mit dem Unternehmen Swatson, Miller & Co, 1821 in Las Palmas gegründet, das im Export von Holz und Cochenille tätig war. Thomas Miller aus Schottland trennte sich 1845 von dieser Firma und importierte Stoffe, Dünger, Werkzeuge und Kohle aus Wales. 1850 kam der Onkel von Thomas Miller nach Las Palmas und eröffnete 1854 in Puerto de la Cruz eine Filiale. Er hieß Peter Spencer Reid und kaufte 1865 das Unternehmen Ventoso auf, das wegen Krankheit verkauft werden musste. Die Ventosos lebten im Palacio de los Blanco, heute als Palacio Ventoso bekannt, wo sie das erste Hochhaus der Insel gebaut hatten. (Lies hier den Artikel dazu: Zimmer mit Aussicht)

Peter Reid wurde der reichste Mann der Stadt und gründete später die erste und einzige Bank in La Orotava. Er holte im Jahre 1873 seinen Neffen, James Williams Crighton Morris Wilson nach Puerto de la Cruz. Dieser war ein Jahr zuvor in Las Palmas angekommen und arbeitete zunächst in Begleitung seines angeheirateten Onkels Thomas Miller. Reid besorgte ihm eine Stelle als Vertrauensmann und Kassierer in seinem Unternehmen in Puerto de la Cruz .

Der damals 29 Jahre alte James Morris war alleinstehend, ein Frauenheld, ein Angeber und stellte seine wichtige Position als Schatzmeister des Unternehmens Reid gerne zur Schau. Die Schlüssel zum Tresor trug er immer bei sich, ebenso wie eine goldene Uhr, und spielte ganz offensichtlich damit herum, wenn er in der Stadt spazieren ging. Alle wussten, dass er das große Vermögen seines Unternehmens verwaltete und sahen die Schlüssel zu diesem Schatz.

Auch ein gewisser Schreiner namens Manuel Brito Rodríguez aus dem Ranilla-Viertel, 38 Jahre alt und Vater von vier Kindern beobachtete Mr. Miller in der Stadt. Manuel wollte nach Cuba auswandern, konnte sich aber die Überfahrt für seine Familie nicht leisten. Zusammen mit seinem Freund Pedro Armas López, 45 Jahre alt, schmiedete er einen Plan. Pedro wohnte in der Calle La Hoya und war als Maurer zwar wirtschaftlich nicht schlecht gestellt, lebte aber über seine Verhältnisse und seine Familie war ständig in Geldnot. Und so kamen die beiden auf den Gedanken, dem angeberischen Mr. Miller den Schlüssel zu rauben, den Tresor auszunehmen und das Vermögen unter sich zu teilen.

Sie wussten von den Abenteuern und Liebesaffären des Herrn Morris und stellten ihm eine Falle. Sie sagten ihm, dass eine schöne Frau bei Sonnenuntergang in der Nähe des Strandes bei der Burg von San Felipe, unterhalb des Friedhofs von San Carlos auf ihn warten würde. Es war Montag, der 25. November 1878, ein wolkiger, kühler und dunkler Abend. Einer der beiden verkleidete sich als Frau, der andere lockte ihn zu dem besagten Ort. Etwa um halb acht abends griffen sie ihn, töteten ihn und raubten die goldene Uhr mit der Kette, einen Revolver und die so begehrten Schlüssel.

Dann gingen sie zu der Handelsfirma, die sich in der Calle del Sol befand, heute Calle Dr. Ingram, öffneten den Raum und den Tresor und nahmen das Geld heraus. Danach kamen sie zum Ort des Verbrechens zurück und schafften den Leichnam in den nahe gelegenen Friedhof und verscharrten ihn dort in einem offenen Grab. Dieses hatten sie vorher schon ausgesucht, es war das Grab von Doña María, Herzogin von San Andrés, die 1853 verstorben war. In der Hektik zerkratzten sie den Grabstein, was später eine wichtige Spur bei der Aufklärung des Verbrechens war.

Der Raub wurde am nächsten Tag entdeckt, die Angestellten fanden den Tresor offen vor, alle Papiere auf dem Boden verstreut, und das Geld von 22638 Reales war verschwunden. Es ist nie wieder gefunden worden.

Auch Mr. James Morris, der immer sehr pünktlich zur Arbeit erschien, war verschwunden, und so fiel natürlich der erste Verdacht auf ihn. Man suchte ihn in der ganzen Stadt, aber es war ganz offensichtlich, dass er mit dem Geld abgehauen war. Niemand hatte ihn gesehen, kein Pferd und keine Kutsche fehlte, ganz offensichtlich hatte er sich zu Fuß auf den Weg gemacht, vielleicht nach Santa Cruz, um schnell mit den Schiff wegzukommen. Was für ein Skandal für das solide Unternehmen des Herrn Reid!

1704055_1Ein paar Tage später, am 28. November, starb die neunjährige Rosalia Eulalia Martín García nach einer Lungenentzündung, und ihre Eltern brachten sie zum Friedhof. Doch sie hatten noch nicht die notwendige Sterbebescheinigung, und der Bestatter schickte den Vater wieder weg, er solle zuerst beim Rathaus das notwendige Dokument besorgen. Währenddessen wartete die Familie am Friedhof, wo ein blinder Begleiter auf einen seltsamen Geruch an einem bestimmten Grab aufmerksam wurde. Doch der Bestatter versicherte, dass seit Wochen keine Beerdigung mehr stattfand. Aber der Blinde bestand auf seiner Wahrnehmung, und schließlich entdeckten sie nicht nur den beschädigten Grabstein, sondern auch eine Menge Fliegen, die aus der Erde kamen. Und das, obwohl die Herzogin von San Andrés schon seit 25 Jahren dort lag. Schnell wurde der Bürgermeister davon in Kenntnis gesetzt, der sich sofort zum Friedhof begab. Als der Richter dazu kam, ordnete dieser die Öffnung des Grabs an, und sie fanden einen Mann, auf dem Bauch liegend, mit seiner Jacke über dem Kopf und einem nackten Rücken voller Blut. Und tatsächlich war es der seit drei Tagen vermisste Mr. Morris.

Die nachfolgende Autopsie ergab, dass sein Tod etwa 68 Stunden vor dem Auffinden eingetreten sein müsse. Sein Hals zeigte deutliche Würgemale, ein Auge war aus dem Kopf ausgetreten und die Zunge hing mehrere Zentimeter aus dem Mund. Die Ärzte stellten auch viele tiefe Stichwunden am Körper fest, von vorne und von hinten, und mehrere Schnittwunden, die alle von einem langen, schmalen Messer oder Dolch stammen mussten. Man schloss daraus, dass die Mörder ihn zuerst würgten, dass er sich womöglich heftig gewehrt hatte, und sie ihn schließlich mit aller Gewalt erstochen haben.

James Morris wurde danach im englischen Friedhof beerdigt, wo man heute noch sein Grab sehen kann. Dort gibt es auch einige Gräber der Familie Reid. Hier gibt es mehr darüber: La Chercha.

Die Justiz begann ihre Ermittlungen, Mr. Morris war an der Ecke Calle San Juan und Quintana gesehen worden, andere behaupteten, ihn an der Plaza del Charco oder in der Calle San Felipe gesehen zu haben. Und wie es eben in einem kleinen Ort so ist, spricht es sich schnell herum, wenn jemand mehr Geld als üblich ausgibt. Sechs Personen wurden zunächst als Verdächtige festgenommen, vier Männer und zwei Frauen, Pedro Armas López, Manuel Brito Rodríguez, Manuel Armas Bethencourt, Sohn von Pedro, Estanislao Castro, Dominga Cruz Castro und Francisca Carballo.

Es wird auch vermutet, dass jemand einen anonymen Brief an die Behörden geschickt hat, in dem er auf Pedro Armas López hinwies, welcher schließlich seinen Komplizen Manuel Brito Rodríguez beschuldigte. Während der Untersuchung wurden sie in das Gefängnis in La Orotava gebracht, wo sie auf Vorschlag des Richters vom Gefängnisdirektor strengstens in Isolationshaft gehalten wurden. Nach einer Beschwerde des englischen Konsuls wegen mangelnder Sicherheit im Gefängnis La Orotava – es gab schon mehrere Ausbrüche – wurden sie am 26. Mai 1880 in das Gefängnis von Santa Cruz verlegt. Mehr als ein Jahr später, am 30. Juni 1881 wurden sie erneut unter Begleitung von vierzig schwer bewaffneten Soldaten in das Gefängnis von La Orotava gebracht. Am nächsten Tag um halb sieben Uhr morgens wurden sie mit zwei von den Streitkräften der Provinzwache schwer bewachten Pferdewagen nach Puerto de la Cruz zum alten Kloster Nuestra Señora de las Nieves gebracht, wo ihnen das Urteil des Obersten Gerichtshofs vollständig vorgelesen wurde. Am selben Tag wurde am Nachmittag das Schafott auf der Esplanade zwischen dem Friedhof von San Carlos und der Burg San Felipe errichtet, ganz in der Nähe des Tatorts. Dazu musste extra ein Podest gebaut werden.

ejecucion

Am 2. Juli 1881 verließen die Gefangenen um zehn vor acht Uhr morgens die Kapelle des Klosters, um mit dem Schafott hingerichtet zu werden, begleitet vom Gerichtsvollzieher, dem Stadtschreiber, den Priestern und allen öffentlichen Kräften, die sie eskortierten. Am Hinrichtungsort waren schon alle Bewohner des Ortes versammelt, niemand wollte sich dieses einmalige Schauspiel entgehen lassen. Es war das erste Mal, dass es auf den Kanarischen Inseln ein Mord und eine Hinrichtung gab. Der Henker musste extra aus Sevilla anreisen, um die Hinrichtung durchzuführen, denn auf den Kanarischen Inseln gab es noch keinen zuständigen Exekutierer. Während des ganzen Aktes läuteten die Kirchenglocken. Nach Abschluss der Hinrichtung stellten zwei Ärzte fest, dass die Hingerichteten tatsächlich tot waren und sagten dies dann vor dem Richter aus.

Die beiden Leichname wurden ohne Trauerfeier und ohne Begleitung ihrer Familien auf dem Friedhof von San Carlos begraben.
Quelle: Bernardo Cabo Ramon, El crimen de Mr. James William Morris, 25.07.2012, http://bernardocabo.blogspot.com/

Hier ist noch ein weiterer, spannender Kriminalfall: Tatort La Matanza.


Artikel-Nr. 23-9-164

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s