Tisch mit Aussicht (I)

Was so alles schief gehen kann.

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Es hätte der größte Erholungspark der Kanaren werden können, wenn alles glatt gelaufen wäre. Wenn man alles beachtet hätte, wenn man miteinander geredet hätte, wenn man vorausgedacht hätte. Es hätte so schön sein können…

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Aktualisierungen siehe unten

Das Projekt „Parque Las Mesas“ wartet seit 13 Jahren auf seine Vollendung. 1 860 000 Quadratmeter Freizeitgelände können nicht in Betrieb gehen, weil sie die Vorschriften für Barrierefreiheit nicht erfüllen. Dies ist jedoch nur der letzte Zwischenfall in der sagenhaften Geschichte des Erholungsgebiets bei Los Campitos in Santa Cruz. Stichwortartig die wichtigsten Ereignisse:

Es beginnt mit einem Ideenwettbewerb 2002, den ein Architektenteam mit dem Plan „Der ganze Berg“ gewinnt. Es beeindrucken die geschwungenen Wege, die Betonelemente und das moderne Besucherzentrum mit Panoramarestaurant.

  • Das Raumplanungsamt des Cabildo (Inselregierung) vergibt 2009 den mit 3,8 Mio Euro veranschlagten Auftrag an ein Firmenkonsortium (im folgenden Baufirma), die Bauzeit wird mit 26 Monaten veranschlagt.
  • Die Baufirma stellt fest, dass Teile des Gebiets in Privatbesitz sind und weist das Cabildo mehrfach darauf hin, doch das Raumplanungsamt setzt kein entsprechendes Verfahren in Gang.
  • Eine Hochspannungsleitung überquert das geplante Besucherzentrum, die unterirdische Verlegung erfolgt nicht. Die Baufirma stellt die Arbeiten ein, weil sie zu gefährlich wurden.
  • Es gibt weder eine Trinkwasserversorgung noch eine Abwasserleitung, um die geplanten sanitären Anlagen anschließen zu können.
  • Änderungsentwürfe des Cabildo werden von der Baufirma nicht akzeptiert, weil sie die reklamierten Defizite nicht beseitigen. Das Cabildo stellt der Baufirma ein Ultimatum für die Fertigstellung des Projekts innerhalb eines Monats und ohne Zusatzkosten. Die Baufirma verlangt daraufhin die Auflösung des Vertrags sowie eine entsprechende Aufwandsentschädigung. Der Sachverständigenrat der Kanaren entscheidet in einem Gutachten, dass das Cabildo dem Verlangen der Baufirma nachzugeben habe.
  • Der halb fertige und teilweise benutzbare Park wird 2010 wieder geschlossen.
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Foto: El Diario

  • Das Cabildo kündigt den Vertrag im Januar 2014 , weil Zahlungen nicht erfüllt wurden. Doch ein weiteres Gutachten kommt zu dem Schluss, dass die einseitige Auflösung des Vertrags von Seiten der Inselverwaltung nicht rechtmäßig war.
  • Das Cabildo vereinbart mit der Baufirma, dass ein Mehrwertsteuersatz von 0% anzuwenden sei, weil es sich um ein öffentliches Bauprojekt handelt. Das Finanzamt jedoch verlangt von der Baufirma die Abführung von 7% Steuer, welche diese wiederum vom Cabildo zurückfordert.
  • Die Baufirma reicht eine Beschwerde beim Abgeordneten für Gemeinwesen ein, dieser weist das Cabildo auf seine rechtlichen Pflichten hin und gibt die Angelegenheit weiter an das kanarische Parlament.
  • Der Fall landet vor dem Gericht. Die Baufirma fordert 1,5 Mio Euro Verlustentschädigung. Das Verwaltungsgerichts annulliert 2016 in seinem Urteil die Kündigung des Vertrags von 2014, weil das Cabildo gegen das Gesetz für öffentliche Bauverträge verstoßen hat und verlangt eine korrekte Abwicklung.
  • Während die Arbeiten weiter ruhen, beauftragt das Cabildo 2015 die Ausschreibung der Beendigung des Projekts mit 714 474 Euro, dieser Betrag wird 2016 nochmals um 200 000 Euro aufgestockt. Die Trinkwasserversorgung, welche die Baufirma ursprünglich ohne Zusatzkosten einrichten sollte, wird mit 122 000 Euro ausgeschrieben. Die Fertigstellung des Besucherzentrums, in das bereits 539 000 Euro investiert wurden, ist jedoch in diesen Beträgen nicht enthalten. Die erforderlichen Maßnahmen zur Erfüllung der Vorschriften für die Barrierefreiheit sind ebenfalls noch nicht ausgeschrieben.
  • Im Januar 2017 erklärt Carlos Alonso, Präsident der Inselregierung, in einer Pressekonferenz, dass „der Parque Las Mesas ein sehr großes Projekt ist, das bedeutende Investitionen erfordern würde, um komplett zur Verfügung zu stehen. Deshalb werden wir einen Plan entwickeln, um einige Aktionen noch in diesem Jahr durchführen zu können.“ Eine weitere Investition von 217 000 Euro soll es nun ermöglichen, wenigstens einen Teil des Parks wieder zu eröffnen.

Doch ein halbes Jahr später bleibt der Parque Las Mesas weiterhin geschlossen, Aktionen sind nicht erkennbar, und die 13 Jahre alte Idee, einen großartigen Erholungspark für die Hauptstadt zu schaffen, bleibt weiterhin ein Traum.

Es wäre wirklich ein großartiger Park, denn die Aussicht von dort oben ist fantastisch. Die Anlage verläuft im Halbrund um einen Bergrücken herum. Nach Süden geht der Blick weit über die Küste bis nach Güímar. Direkt unterhalb liegt dem Betrachter die ganze Stadt zu Füßen, man sieht das Stadtzentrum, das Auditorio und den Hafen. Nach Norden blickt man bis nach San Andrés und auf die Bergkette des Anaga. Überall das blaue Meer und in der Ferne die Berge von Gran Canaria.

Auf schön geplanten Terrassen stehen Bänke, Tische und Spielgeräte für Kinder. Viele große Eukalyptusbäume spenden Schatten. Es gibt eine Terrasse, wo ein nettes Café sein könnte, und ein Häuschen mit Sanitäranlagen. Doch in diesem gibt es kein Wasser, auch findet man im ganzen Gelände keine Wasserstelle. Die Bänke werden langsam von Gebüsch und Unkraut überwuchert. Die gepflanzten Bäumchen verkümmern, denn in den Bewässerungsschläuchen fließt kein Wasser.

Gleich am Eingang des Geländes könnte der beste Aussichtspunkt der ganzen Hauptstadt sein, aber die halbfertige Anlage ist abgesperrt, Stahlträger verrosten und der Beton zerbröselt.

Überhaupt,… mit Beton wurde nicht gespart. Hier hat man ein anschauliches Beispiel dafür, was „Betonarchitektur“ bedeutet. Bei allen Gebäuden sieht man kahle, graue Wände. Selbst die Picknicktische und die Bänke drumherum sind aus Beton. Ob das von den Sonntagsausflüglern als bequem und schön empfunden worden wäre, ist zweifelhaft.

Die Zufahrtsstraße ist ebenfalls in einem schlechten Zustand. Sie beginnt auf dem Sattel zwischen den Ortsteilen Los Campitos und Valle Jiménez. Es weist lediglich ein kleines Schild darauf hin, dass es dort zur „Emisora“ geht, der Sendestation auf der Spitze des Bergrückens. Die Straße endet am Tor der Sendestation. Kurz davor zweigt die Straße in den Parque las Mesas ab, ebenfalls durch ein Tor für den Autoverkehr abgesperrt.

Trotzdem kommen immer wieder Leute, um dort zu feiern, denn die Schranke am Eingang ist kein wirkliches Hindernis. Im Juni 2017 musste der für die Region zuständige Aufseher eine Gruppe von 80 Personen höflich bitten, die Anlage zu verlassen. Sie hatten nicht nur ihren Müll hingeworfen, sondern auch Grillfeuer gemacht, was ein großes Brandrisiko darstellte, denn es gibt noch keine richtigen Feuerstellen und kein Wasser zum Löschen. Überall liegen Zeugnisse von vielfältigen Aktivitäten herum, Präservative, Spritzen, Glasscherben, verdorbenes Essen. Selbstverständlich ist das Gelände nachts völlig ohne Beleuchtung und an den meisten Terrassen fehlen Sicherheitsabsperrungen. Hier könnten auch Unfälle passieren.

Vor und hinter dem Tor treffen sich regelmäßig größere Gruppen von Jugendlichen zu Besäufnissen und wilden Parties. Weiter hinten im Park sind sie völlig ungestört. Die Polizei hat regelmäßig ein größeres Problem damit. Es bleibt nicht beim höflichen Bitten, Strafen und Verhaftungen sind notwendig.

Hier ein Video aus besseren Zeiten:

Und der Zustand heute:


Los Campitos ist ein Dorf mit ca. 970 Einwohnern und nur 4km vom Stadtzentrum entfernt. Es wird zu recht auch der „Balkon von Santa Cruz“ genannt. Dort gibt es ein anderes unvollendetes Bauwerk. Anfang der 1960er Jahre wurde ein Staudamm gebaut, es sollte ein Stausee zur Wasserversorgung werden. Aber leider stellte man nachträglich fest, dass der Gesteinsuntergrund nicht dicht genug ist. Und so ging das Projekt nie in Betrieb, und hinter der Staumauer ist seit 50 Jahren nur ein hässliches Loch in der Erde. Aber das ist eigentlich eine ganz andere Geschichte…

Mapa

Ein schöner Aussichtspunkt, von dem aus man ganz Santa Cruz überblickt, liegt auf halber Höhe an der Straße nach Los Campitos (TF-111).

Gehe zu Google Map:

Aktualisierung 18.03.18

Der Rat des Cabildo genehmigte diese Woche einen Teil des Projekts Las Mesas, der es ermöglicht, den Park unter Sicherheitsgarantien wieder für die öffentliche Nutzung zu öffnen. Diese Arbeiten erfordern eine Investition von 635.649 Euro. Die Aktion ist Teil eines komplexeren Plans zur Reform und Erweiterung dieses Raumes und besteht in der Erneuerung von Maßnahmen zur Sicherheit. Danach wird der Stadtrat die nächsten Aktionsphasen festlegen.

Diese erste Phase umfasst die Schaffung von physischen Barrieren und Bepflanzungen zum Schutz vor Abstürzen, die Verbesserung des bestehenden Parkplatzes und den Ersatz von Elementen, die durch Vandalismus gestohlen wurden. Die Arbeiten werden drei Monate in Anspruch nehmen.

Die Absicht des Stadtrates von Santa Cruz ist, dass er noch in diesem Jahr für die Öffentlichkeit zugänglich sein wird. Las Mesas Park ist der einzige städtische Freizeitpark in der Hauptstadt, daher ist es wichtig, ihn so schnell wie möglich den Einwohnern wieder zur Verfügung zu stellen.

Aktualisierung Juli 2019

Die Anwohner von Los Campitos beschweren sich erneut bei der Stadt und dem Cabildo, dass immer noch nichts passiert. „Seit 10 Jahren sagen sie uns immer wieder ein Datum, wann der Park wieder eröffnet werden soll. Sie sagen, dass man nicht weiter arbeiten könne, weil es dort so viele Zerstörungen gibt.“

Cabildo und Stadt schieben sich gegenseitig die Schuld zu. Die Inselregierung wartet darauf, dass die Stadt einen Vertrag ausarbeitet, in dem sie nach der Fertigstellung die Verwaltung des Parks übernehmen wird. Doch die Stadt will dies erst tun, wenn der Cabildo die Sanierung der Grillpätze abgeschlossen hat, was dieser nicht tut, bevor die Stadt nicht den Vertrag….

Immerhin will die Inselregierung nun in einem „Notfallplan“ für eine wirksame Absperrung des Geländes sorgen.

Aktualisierung Oktober 2010

Der Cabildo von Teneriffa hat nun ein provisorisches Projekt genehmigt, das den Abschluss der umstrittenen Arbeiten zur Umgestaltung des Parks Las Mesas ermöglicht. Mit diesem Projekt, das für einen Zeitraum von 20 Arbeitstagen in einer öffentlichen Ausstellung zu sehen ist, sollen alle Probleme gelöst werden, die die Öffnung dieses Raumes für die Öffentlichkeit verhindert haben.

Die Absturzgefahr, die im ursprünglichen Projekt nicht in Betracht gezogen wurde, wird durch die Schaffung physischer Barrieren mit Mauern und durch die Bepflanzung dieser Bereiche beseitigt; der elektrische Anschluss wird ausgeführt; der Asphalt wird verbessert; der Parkplatz wird konditioniert; ein Kinderspielplatz wird eingerichtet, und alle Elemente, die während dieser ganzen Zeit gestohlen oder zerstört wurden, werden ersetzt. Ebenso werden die Cafeteria, die Toiletten, die Gartengestaltung sowie die öffentliche Beleuchtung fertiggestellt. Die Kosten für die Arbeiten belaufen sich auf 725.000 Euro.

Es wird angenommen, dass die Ausführung dieses Projekts zur Beendigung der ewigen Arbeit im Park Las Mesas im Laufe des nächsten Jahres ausgeschrieben werden kann. Nach der Vergabe der Arbeiten hat das Gewinnerunternehmen drei Monate Zeit, sie auszuführen.

Die Herausgeber des Projekts haben es auch für notwendig erachtet, „unter Berücksichtigung der Geschehnisse eine kontinuierliche Überwachung der Arbeit durchzuführen, weshalb wir den entsprechenden Posten in das Budget für Gesundheit und Sicherheit aufgenommen haben“. „Was wir angesichts des derzeitigen Mangels an Überwachung nicht garantieren können, ist, dass es zwischen dem Zeitpunkt der Abfassung dieses Dokuments, der Ausschreibung und der Vergabe des Auftrags keine neuen Diebstähle oder Vandalismusakte mehr geben wird.“


Einen ganz anderen „Aussichtstisch“, zu dem man schön wandern kann, findest du hier: Tisch mit Aussicht (II). Und ein anderes gescheitertes Projekt in La Laguna, ebenfalls auf einem Aussichtsberg, ist im Artikel Tisch mit Aussicht (III) beschrieben.


Artikel-Nr. 26-13-81

Ein Gedanke zu “Tisch mit Aussicht (I)

  1. Hola Gerardo,

    ooh nein, was ein Jammer.
    Es lässt sich doch eindeutig erkennen, was dieser Park für eine hübsche Oase hätte werden können. Da bleibt nur zu hoffen, dass da auch wirklich noch etwas passiert und das Gelände nicht komplett verwahrlost, und dem Zerfall überlassen wird.

    Auch wenn ich, wie du, solche verlassene Orte sehr faszinierend finde, so finde ich so etwas doch immer unheimlich schade. Orte mit einer langen und lebhaften Vergangenheit und Geschichten, die durch die Menschen geschrieben wurden schaue ich mir lieber an, als solche Orte, die nie die Chance hatten sich in ihrem eigentlichen Sinn zu etablieren.
    Was eine Verschwendung. Aber auch ein gutes Beispiel dafür, dass übertriebene, lähmende Bürokratie kein ausschließlich deutsches Problem ist.

    Mal wieder ein toller Beitrag mit gut recherchiertem Hintergrund.
    Trotzdem hoffe ich doch insgeheim, dass sich noch jemand diesem Lost Place annimmt und ihn vielleicht doch noch in den lebhaften Park verwandelt, der er hätte werden sollen. Wenn es soweit ist, freue ich mich schon auf deinen Beitrag 😉

    Liebe Grüße
    Kathrin

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