Die Sintflut

Teneriffas Untergang.

Es war die größte Naturkatastrophe, die die Insel in historischer Zeit je getroffen hatte. Kein Vulkanausbruch und kein Erdbeben. Unvorstellbar viel Wasser kam vom Himmel, Dörfer und Felder wurden zerstört, und das Leben und die Lebensgrundlage vieler Menschen. 200 Jahre ist es her.

Am 7. und 8. November 1826 wurde der Kanarische Archipel von einem der verheerendsten Wetterereignisse seiner Geschichte heimgesucht: einem Sturm mit zyklonartigen Ausmaßen. In den Geschichtsbüchern finden sich kaum Hinweise auf diese Katastrophe. Tatsächlich wissen nur wenige Menschen etwas über diese zwei höllischen Tage, die die Inseln erlebt haben.

Eines der wenigen Elemente, die für die Nachwelt erhalten geblieben sind und als eindrucksvolles Zeugnis dienen, ist eine Markierung an einem Haus in San Juan de La Rambla, wo eine Inschrift im zweiten Stock anzeigt, wie hoch das Wasser gestiegen war.


EL 7 DE NOVIEMBRE 1826 … EL BARRANCO SE LLEVÓ ESTA ESQUINA SIENDO LEVANTADA DE NUEVO EN DICIEMBRE.

Der Sturm, begleitet von sintflutartigen Regenfällen und orkanartigen Winden, verwüstete während 11 Stunden des Schreckens einen Großteil der Infrastruktur und der Ernten. 298 Tote sollen es gewesen sein, aber vielleicht auch 1000, denn damals gab es noch nicht viele Statistiken. Damit gilt der „Sturm von San Florencio“ als die größte Naturkatastrophe, die seit der spanischen Eroberung auf den Kanarischen Inseln verzeichnet wurde. Damals wurden die Stürme noch nach den christlichen Heiligen benannt.

In einem Dokument, das im Original in der Pfarrei Santiago Apóstol in Los Realejos archiviert ist, beschreibt der Benefiziat dieser Kirchengemeinde die Folgen und zählt in einer Tabelle die Schäden auf. Danach waren es alleine im Norden der Insel 243 Tote.

Das als „Sintflut“ bekannte Ereignis betraf mehrere Inseln des Archipels, wobei Gran Canaria und Teneriffa am stärksten betroffen waren. Untersuchungen, wie die 2010 von den Forschern José Bethencourt-González und Pedro Dorta Antequera von der Universität La Laguna veröffentlichten, deuten darauf hin, dass während dieses Sturms in einigen Gebieten Teneriffas innerhalb von zwei Tagen Niederschlagsmengen von über 500 Litern pro Quadratmeter gemessen wurden, was zu massiven Abflüssen und überlaufenden Schluchten führte.

Die durch das Unwetter verursachten Schäden waren unermesslich. Auf Teneriffa wurden mehr als 600 Häuser zerstört und über 30 % der fruchtbaren Böden vom Wasser weggespült. Auch die Viehzucht erlitt große Verluste, da Tausende von Tieren ums Leben kamen. Chronisten der damaligen Zeit berichteten, wie noch mehrere Tage nach der Katastrophe Leichen in den Schluchten trieben oder an den Stränden gefunden wurden, und dass diese nicht ordentlich beerdigt werden konnten.

Viele örtliche Geschichtsschreiber berichteten damals aus ihren Dörfern und Städten. Der Süden Teneriffas wurde von dem Unwetter schwer getroffen. Schätzungen zufolge kamen in der gesamten Region zwischen 30 und 40 Menschen ums Leben. Bemerkenswert ist, dass die Flutwelle 15.000 Feigenbäume im Süden Teneriffas zerstörte.

Der offizielle Chronist von Güímar und La Candelaria, Octavio Rodríguez Delgado, beschrieb die Folgen in den am stärksten betroffenen Gemeinden. In Güímar wurden drei Menschen in der Schlucht von Herques mitgerissen, während zwei weitere mit ihren Häusern im Stadtteil La Hoya de Güímar ums Leben kamen, sodass die Gesamtzahl der Todesopfer bei 5 lag. Außerdem kamen mehr als 100 Tiere ums Leben. Aus Dokumenten aus dieser Zeit geht hervor, dass 498 der 695 Steuerzahler der Gemeinde wirtschaftliche Verluste in Höhe von 196.476,33 Pesos meldeten.

Candelaria war mit acht Todesopfern die Gemeinde im Süden mit den meisten Todesfällen. Zu den materiellen Verlusten, die der Sturm auf den Kanarischen Inseln verursachte, gehörte die Zerstörung des Castillo de San Pedro, einer 1686 erbauten Festung, die das ursprüngliche Bildnis der Virgen de Candelaria schützte. Die Jungfrau wurde ins Meer gespült und nie wieder gefunden. Lies dazu den Artikel Der Tag, an dem die Jungfrau verschwand.

Das Orotava-Tal war am meisten betroffen. Allein in der Stadt beklagte man 118 Tote, 804 verschwundene Tiere und 225 zerstörte Häuser. Es entstanden zwölf neue Schluchten, die es vorher nicht gab. In Los Realejos zählte man 39 Tote, in Puerto de la Cruz 32 Tote, 15 davon waren Seeleute des französisches Schiffs „La jeune Gabrielle“, das im Hafen versank.

An jenem Morgen des 7. November war es dunkler als gewöhnlich, und im Laufe des Vormittags verdunkelte sich der Himmel noch mehr. Bedrohliche Wolken hingen über dem Meer als ein schrecklicher Vorbote des Unglücks, das der Regen wenige Stunden später bringen würde. Den ganzen Tag über waren Geräusche zu hören, deren Ursprung den Einwohnern unbekannt war. Einige sagten, sie kämen vom Meer, andere, es sei einfach nur der Wind. Im Laufe des Tages setzten starke Winde ein, die in der Nacht zum 8. November den Himmel öffneten und so viel Wasser fallen ließen, wie man noch nie gesehen hatte. Gegen ein Uhr morgens zwangen Blitze, starker Wind und Regen die Bewohner des Nordens dazu, in ihren Häusern Schutz zu suchen.

Wettervorhersagen wie heute gab es damals noch nicht, und niemand war darauf vorbereitet. Die Menschen konnten nur beobachten, was sich da am Himmel abspielte. Der Luftdruck fiel innerhalb von drei Stunden um 20 hp, das Unheil nahte mit hoher Geschwindigkeit.

Der britische Wissenschaftler Francis Coleman Mac-Gregor sammelte 1831 in seinem Werk „Las Islas Canarias según su estado actual y con especial referencia a la topografía, estadística, industria, comercio y costumbres” (Die Kanarischen Inseln in ihrem gegenwärtigen Zustand unter besonderer Berücksichtigung der Topografie, Statistik, Industrie, des Handels und der Bräuche) die Beobachtungen und Notizen einiger Physikprofessoren wie Jean Pierre Auber in La Orotava:

„Am 6. November war der Himmel den ganzen Tag über leicht bewölkt und die Luft so klar, dass man Objekte in großer Entfernung erkennen konnte; außerdem war die Akustik besonders gut, da man das Brechen der Wellen an der fernen Küste lauter und deutlicher als gewöhnlich hören konnte. Die Lichtbrechung war ebenfalls sehr stark, und die Objekte schienen sich über den Horizont hinaus mehr als natürlich zu erheben. Es wehte ein leichter Wind aus Südwesten. Am Nachmittag bedeckten schwarze Wolken den Himmel. Diese Dämpfe konzentrierten sich an den Hängen der Berge, die das Tal von La Orotava halbkreisförmig umgeben, und bedeckten es mit einem dunklen Schleier. Bei Sonnenuntergang begann es zu regnen, und bald darauf rauschte der Regen in Strömen den Berg hinunter. Der Wind hatte sich nach Nordwesten gedreht und es kam zu einem Sturm, der von Stunde zu Stunde schlimmer wurde. Um Mitternacht drohten die Fluten die Stadt zu überschwemmen. Der Wind verursachte ein schreckliches Geräusch, als er gegen die Ecken und Vorsprünge der Häuser schlug. Das heisere Brüllen der Wellen, die sich an der fernen Küste brachen, das Geräusch der Felsbrocken und Materialien, die das aus den Bergen herabfließende Wasser mit sich riss, all dies trug dazu bei, die Bevölkerung in Angst und Schrecken zu versetzen. Am 7. November, gegen zwei Uhr morgens, beobachtete ich in der Atmosphäre ein Leuchten, das dem der Nordlichter ähnelte, wie man es manchmal in Nordfrankreich sieht, nur etwas stärker. Die Lichtstrahlen schienen von einem Zentrum an der Küste nördlich meines Hauses auszugehen und hatten eine Höhe von 45º erreicht. Um den Mond beobachtete man einen dreifachen Ring in den Farben des Regenbogens. (…) Um sechs Uhr regnete es immer noch in Strömen, und der Wind, der mehrmals die Richtung gewechselt hatte, wehte weiterhin mit derselben Heftigkeit. Dennoch wagte ich mich aus dem Haus, getrieben von der Neugier, ob auch andere Menschen die Meteoriten gesehen hatten. Einige Landsleute, die nur knapp dem Ertrinken entkommen waren, versicherten mir, dass sie beim Durchwaten des Wassers, um das Ufer der Schlucht zu erreichen, einen Schein gesehen hätten, der aus dem Wasser selbst zu kommen schien, ein Phänomen, das mit Sicherheit auf elektrische Materie zurückzuführen ist.“

Im Morgengrauen des 8. November bot sich in einigen Gemeinden Teneriffas ein trauriges Bild. In den Schluchten stürzte das gesamte Wasser bergab und nahm alles mit sich, was sich ihm in den Weg stellte. Der Barranco San Felipe zwischen Punta Brava und Puerto de la Cruz wurde zu einem 350 m breiten Fluss. Auf der handgezeichneten Karte von damals sieht man auch noch andere „Flüsse“ in den sonst so trockenen Schluchten.

In dem Bericht aus der Pfarrei in Los Realejos liest man: „Die beiden Schluchten, zwischen denen sich Puerto de la Cruz befindet, haben so viel Material mitgerissen, dass das Meer den westlichen Teil um 250 Varas und den östlichen um 200 Varas zurückgedrängt hat, wo eine Festung zerstört wurde, deren Wiederaufbau viertausend Pesos kosten würde. Die westliche Schlucht, die über den als „del Fraile“ bezeichneten Hügel hinunter zum Hafen führt, hat sich am Fuße des Hügels so stark ausgeweitet, dass sie, wo sie früher 50 bis 60 Varas breit war, nun 422 Varas misst.“ (Anm: 422 Varas = „Stöcke“ ≈ 350 m) Anwohner, die oberhalb der Schlucht wohnten, konnten nur hilflos zusehen, wie das tosende Wasser alles unter sich begrub. Mauern wurden mitgerissen und Felder verschwanden für immer.

Erst im Laufe des 9. Novembers ließ der Sturm langsam nach, und das volle Ausmaß der Katastrophe wurde sichtbar. Einige Gemeinden beklagten Verluste von 30 % der Ackerfläche, und ganze Dörfer verloren ihre Einwohner, die abwandern mussten, weil kein Land mehr zur Bewirtschaftung zur Verfügung stand.

Anekdoten und Geschichten am Rande sind auch überliefert. Eine davon erzählt, wie ein junger Mann aus La Guancha seine zukünftige Frau und deren Eltern rettete, kurz darauf jedoch selbst einem durch das Unwetter ausgelösten Hochwasser zum Opfer fiel. Als die Braut sah, was geschehen war, stürzte sie sich ihm hinterher ins Wasser.

Auch die Wälder waren betroffen. In einem Dorf oberhalb von La Guancha soll nur eine einzige Kiefer stehen geblieben sein.

Die Jahre vor der Katastrophe waren ausgesprochen trocken. Im Jahr 1824 herrschte eine Dürre, bei der die Ernten im April und Mai fast vollständig ausfielen. Damals wurden auf Anordnung von Bischof José Martinón in allen Pfarreien öffentliche Gebete abgehalten, „um den Regen zu erflehen, den die Felder so dringend benötigten“. Die Gebete wurden erfüllt, doch anders als man es sich erhoffte.

Die oben erwähnten Studien von Bethencourt und Antequera unterstreichen, dass solche extremen Wetterereignisse auf den Kanarischen Inseln zwar selten, aber nicht unmöglich sind. Im Dezember 1645, Januar 1713, Oktober 1722, November 1922 oder Januar 1954 gab es ähnliche Stürme und Regenfälle, aber keine waren so stark wie 1826. Der Tropensturm Delta im November 2005 setzte die Stadt Santa Cruz unter Wasser und war wieder eine Erinnerung daran, dass die Inseln nicht vor dem Einfluss tropischer Wetterphänomene gefeit sind. Hurrikane wie Vince und Gordon und tropische Systeme wie das von 1975 zogen nahe an den Inseln vorbei, was zu einer weiteren Katastrophe hätte führen können.

Der Klimawandel hat Debatten über die mögliche Zunahme solcher Phänomene ausgelöst. Klimatologische Forschungen deuten jedoch darauf hin, dass zerstörerische Ereignisse tropischen Ursprungs bereits früher aufgetreten sind, ohne dass sie notwendigerweise mit der modernen globalen Erwärmung in Zusammenhang standen. Sie legen nahe, dass sich diese Phänomene wiederholen können, insbesondere im Herbst, wenn die atmosphärischen Bedingungen für die Bildung von Stürmen im Atlantik günstig sind. Die Zugbahnen einiger Wirbelstürme, die normalerweise in Richtung Karibik ziehen, weichen manchmal in Richtung Kanarische Inseln ab, wenn auch mit geringerer Intensität.

Doch eine höhere Wassertemperatur im Meer rund um die Kanaren ist nachgewiesen und der Anstieg des Meeresspiegels ist nicht mehr wegzudiskutieren. Das Umweltministerium hat bereits im April 2025 einen Sonderplan erarbeitet, in dem 46 Orte auf den Kanaren genannt sind, die in absehbarer Zukunft vom Meer bedroht sind. Zahlreiche Gemeinden beginnen schon ihre Uferpromenaden zu festigen oder andere Maßnahmen einzuleiten.

Einer der am meisten gefährdeten Orte ist Las Galletas im Süden der Insel, wo immer wieder die Promenade durch Wellen angegriffen wird. Dort gibt es auch schon Pläne, den Strand deutlich zu verbreitern und die Zufahrtstraße zum Ort weiter landeinwärts zu verlegen. An der Nordküste haben die Herbststürme 2025 gezeigt, dass Hafenmauern nicht mehr genug Schutz bieten und Gebäude direkt am Meer extrem gefährdet sind. Die Wellen im Sturm „Therese“ im März 2026 haben an der Promenade von Los Cristianos beträchtliche Schäden verursacht.

Im Winter 25/26 hat es so viel geregnet wie schon seit Jahrzehnten nicht, doch es gab keine Katastrophe. Die Plaza del Charco in Puerto de la Cruz stand wieder einmal unter Wasser. Wer heute über den Platz geht, kann sich nicht mehr vorstellen, dass vor 200 Jahren solche Überschwmmungen an der Tagesordnung waren. Die Plaza del Charco hat nicht umsonst ihren Namen. Früher hieß sie auch Plaza de los Camarones, weil die Eltern ihr Kinder hinausschickten, um in der „Pfütze“ nach Garnelen zu suchen.

Ein Hurrikan wie 1826, der sich im Atlantik verirrt und Richtung Kanaren zieht, kann jederzeit wieder auftreten. Die Wahrscheinlichkeit dafür ist größer als nie zuvor.

In vielen Orten gedenkt man im Jahr 2026 dieser Katastrophe mit Aktionsprogrammen. In La Orotava gibt es die Vereinigung für die Erinnerung an die Sintflut (AMA, Associación por la Memoria del Aluvión 1826), die extra gegründet wurde, um dieses historische Ereignis der Bevölkerung bewusst zu machen. Auf ihrer Website www.aluvion1826.es sind viele Informationen zusammengetragen. Am 7. November gibt es eine Veranstaltung im Plenarsaal des Rathauses, bei der auch ein Dokumentarfilm gezeigt wird. Im Hof des Rathauses wird eine Skulptur „Memoria del Agua“ aufgestellt und es wird eine informative Ausstellung geben.

In Candelaria spülten die Überschwemmungen die Statue der Jungfrau, der Schutzpatronin der Kanaren, ins Meer. Schau dazu dieses Video an

und lies den Artikel Der Tag, an dem die Jungfrau verschwand.

Stadt unter Wasser beschreibt eine „kleine“ Katastrophe in Santa Cruz.



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2 Gedanken zu “Die Sintflut”

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