Der Künstler Julio Nieto und seine Werke.
Seine Figuren gehen von Teneriffa aus in die Welt. Auf internationalen Ausstellungen, im öffentlichen Raum oder in Privatbesitz, Julio Nieto ist mit seinen Kreationen aus Metall überall präsent. Und auch wer meint, von ihm noch nie gehört zu haben, hat vielleicht eine seiner Skulpturen schon unbewusst auf der Insel gesehen.

Bronze, Eisen und Edelstahl sind die bevorzugten Materialien, mit denen Julio arbeitet. Obwohl sie schwer sind, gelingt es ihm ganz besonders, sie leicht und luftig zu präsentieren. Seine enorme Phantasie und seine Fähigkeit, Gedanken und Erlebnisse zu visualisieren, helfen ihm dabei, die Statuen lebendig zu machen. Sie sind durchsichtig und schwebend, sie fordern den Betrachter heraus und erzählen immer eine Geschichte.
Auf der Plaza de España in Santa Cruz steht der 450kg schwere, und doch so leichte Baum mit dem Titel „Lo llevo bien“ (Ich nehme es leicht, ich ertrage es gut). Julio sagt: „Der Baum symbolisiert den Optimismus eines Menschen, der trotz all seiner Komplikationen und Gedanken gut vorankommen will. Daher auch der Titel.“ Er ist Julios Interpretation des Atlas, der aber statt des Himmelszelts die menschlichen Gedanken und Wünsche auf seinen Schultern trägt. Zuerst hieß diese Skulptur einfach „Atlas“, danach „Baum der Emotionen“.




„Ich habe diese Skulptur 2014 provisorisch auf der Plaza aufgebaut. Viele Menschen waren davon so begeistert, dass sie dafür sorgen wollten, dass sie bleibt. Über Facebook wurde ein Spendenaufruf gestartet. Einmal war ich zufällig dort und beobachtete zwei Teenager, die vor der Skulptur standen. Sie kramten in ihren Geldbörsen tatsächlich einige Münzen zusammen, um sie zu spenden. Das hat mich damals sehr berührt. Sie haben ihr spärliches Taschengeld für meine Kunst gegeben“, erzählt Julio Nieto.

Doch das Geld reichte nicht aus, und der Atlas ging sieben Jahre lang auf Weltreise nach Barcelona, Baltimore, Miami, Krefeld und New York. Seit Dezember 2021 steht er nun auf der Plaza de España und regt die Spaziergänger zu positiven Gedanken an. Am Sockel sind heute auch die Namen der ehemaligen Spender zu lesen. Doch gekauft wurde der Baum vom Sohn des berühmten Rennfahrers Juan Fernández, der zehnmal spanischer Meister wurde. Sein Sohn spendete als Andenken an seinen Vater dieses Werk der Insel Teneriffa.
Im August 2024 ging „Lo llevo bien“ zusammen mit „Coreografía“ wieder auf eine lange und schwierige Reise in die USA. Die beiden gigantischen Werke waren erneut in Baltimore zu sehen.


Auch eine Miniaturausgabe, etwas anders gestaltet, gibt es, die in jeder Wohnung Platz finden könnte. Es ist ein kleiner Baum aus Edelstahl, auf dessen Ästen Gedanken und Wünsche wachsen.


Alle Werke aus der Reihe „Piel de Metal“ (Haut aus Metal) schweißt Julio aus Edelstahl zusammen. „Das ist eine mühsame Arbeit“, erklärt Julio. „Ich schneide die Einzelteile zurecht, die oft nur ein paar Zentimeter groß sind. Ich befestige eine Handvoll davon an der Figur und stelle fest, dass sie doch nicht ganz passen, und fange von vorne an.“ An den großen Statuen arbeitet er meist mehrere Monate, wie z.B. an der zwei Meter hohen Karnevalsmaske mit dem Hasengesicht oder der Katze Alice. Kein Wunder, dass solche Werke dann auch einen stolzen Preis haben, der mehrere zehntausend Euro betragen kann.








Eine besondere Geschichte hat der Ikarus. Er steht heute, schwebend über dem Abhang, direkt neben der Autobahn bei La Matanza. Für den Transport musste der Ikarus zerlegt werden, und die Einzelteile wurden an einer Tankstelle in der Nähe ausgeladen. Doch plötzlich waren die vier Meter langen Arme des Ikarus verschwunden. Das war am 14. September 2012. Julio zeigte den Verlust oder Diebstahl an und bekam einige Tage später einen anonymen Anruf, er solle sich mit einer bestimmten Person in Verbindung setzen. Ein Mann hatte die Metallteile mitgenommen und zu einer Schrottverwertung gebracht. Dort informierte man ihn, dass ein Künstler die Arme seiner Figur suchte. Den „Schrott“ fand Julio dann schließlich im Hofe des Mannes, der behauptete, die Teile in einer Schlucht gefunden zu haben, wo er immer zur Jagd geht.





So konnte zum Glück der Ikarus wie geplant aufgestellt werden. Nun steht er auf seinem schmalen Sockel, als ob er – wie geplant – gleich zu seinem Flugversuch abheben würde.

Julios Skulpturen aus Bronze sind etwas massiver. Die bekannteste ist sicherlich die Fischersfrau im Hafen von Puerto de la Cruz, die frisch gefangene Fische und Meerestiere anbietet. Sie wurde vom Lions Club in Auftrag gegeben. Wer hat noch nicht ein Foto mit ihr zusammen gemacht? Aber wer weiß, dass sie auch eine Schwester hat, die weniger freundlich aussieht? Sie bietet die Fische nicht nur an, Julio hat sie gleich ganz als Fisch gestaltet (fishplayinghuman), sie hat den Kopf eines Fisches und ihre Kleider bestehen ganz aus Fischen. Diese Skulptur befindet sich heute in Privatbesitz auf einer Finca in La Matanza.


Auch die beiden spielenden Mädchen in Santa Cruz sind aus Bronze. Sie spielen an der Promenade gegenüber der Plaza de España. Im April 2021 wurden zwei Mädchen, Anna und Olivia, von ihrem Vater entführt und getötet.



Julio erklärt sein Werk: ,,lch habe diese beiden Mädchen ganz bewusst als fröhlich spielende Kinder dargestellt. Diese traurige Geschichte hat uns damals alle tief getroffen. Aber wenn die Erinnerungen daran verblassen, bleiben zwei spielende Kinder zurück, die das darstellen, was die Kindheit sein sollte: eine unbeschwerte, fröhliche Zeit des Heranwachsens“.
Für viele Skulpturen stellt Julio zuerst einmal kleine Modelle her oder entwickelt mit Zeichnungen seine Ideen. Das „Luft-Kamasutra“ ist eine ganze Reihen von Liebespaaren aus Bronze in phantasievollen Positionen und unterschiedlichen Größen.


Der Mensch mit all seinen Erlebnissen und Gedanken ist immer wieder ein Thema für Julio. Der Kopf eines Menschen, der ganz von Handy-Bildschirmen umgeben ist, symbolisiert den Zwang zum ständigen Einschalten und das Nicht-mehr abschalten-Können. Er ist Teil der Reihe „Connected or desconnected“, die im März 2023 in Museum Bellas Artes in Santa Cruz begann. Auf den Handys laufen Aufnahmen von typischen, alltäglichen Situationen, wie z.B. eine Suche in Google Maps, einen Scroll in Instagram oder eine Whatsapp-Konversation. Die Beherrschung durch das Handy kommt auch in einem anderen Werk aus Edelstahl zum Ausdruck.


Die überdimensionale Sardinendose in Tacoronte ist eine Hommage an den berühmten Surrealisten Óscar Domínguez, der aus Tacoronte stammt. Lies dazu den Artikel Surrealist Nummer drei.


Doch Julio stellt auch praktische Dinge her. Möbel zum Beispiel. Natürlich sind sie auch aus Metall, aber immer ist auch Glas dabei im Spiel, um sie leicht und durchsichtig zu machen. Der „Augentisch“ und andere Kreationen sind Möbelstücke, die ihren Platz in einer extravaganten Wohnumgebung suchen.



Die Stadt La Victoria de Acentejo ist die Gemeinde in Spanien, in der am meisten Werke von Julio Nieto im öffentlichen Raum zu sehen sind. So z.B. die Eingangstore am Centro Social.


Gleich daneben steht die Frauenfigur mit dem Namen „Evolution“, in diesem Fall aus Eisen, die ganz bewusst dem Rost und dem Verfall preisgegeben ist.




Oder auch die große Türe zum Friedhof ist massives Metall, aufgelockert durch einen Stern aus farbigem Glas. Und wer genau hinschaut, erkennt in diesem Stern auch eine menschliche Figur oder vielleicht einen Engel. Julio Nieto ging hier von einem anderen Gesichtspunkt aus, nämlich dem, dass der Besuch eines Friedhofs nicht traurig sein muss und dass es dort etwas Schönes geben kann, das dieses Gefühl durchbricht. Im Friedhof selbst leitet das Geländer aus schwungvollen Bögen und Glaselementen hinauf zum oberen Stockwerk, hinauf zu luftigen Höhen mit einem schönen Panorama über die Nordküste.






Ein paar Meter weiter dient ein großes Weinblatt seit August 2021 ganz praktischen Zwecken. Es füllt sich nach und nach mit Plastikdeckeln, die die Bürger von La Victoria dort zum Recycling hinein werfen dürfen. Weitere Objekte in La Victoria sind in Arbeit. Im Mai 2024 ist die Türe an der Casa de las Castañas dazu gekommen.

Die Idee der Stadtverwaltung ist es, eine offene Ausstellung der Werke des Künstlers zu konzipieren und auszubauen, die Teil des Kulturerbes von La Victoria sind und gleichzeitig dazu dienen, die Reichtümer der Gemeinde bekannt zu machen, „die einzigartig und exklusiv sind“. Über einen QR-Code, der mit einem Mobiltelefon gescannt werden kann, erfährt man, was ihn bei jedem Werk inspiriert hat, welche Materialien er verwendet hat und in welchem Jahr es entstanden ist.
Die Auftraggeber kommen aus ganz unterschiedlichen Kreisen, es können Gemeinden oder Städte sein, oder Kunstliebhaber aus aller Welt. Denn Julio verfügt über weit reichende Kontakte. Meist fertigt er seine Werke nach Auftrag an, nach den Vorstellungen der Kunden, die mit seinen Möglichkeiten und vor allem seiner künstlerischen Imagination abgestimmt werden. Doch manchmal hat er selbst eine Idee und bastelt einfach etwas zusammen. Es kann durchaus vorkommen, dass ein Interessent einfach bei ihm vorbei kommt, schaut, und kauft.
Wenn in seiner Werkstatt nicht einige Kunstwerke herumstünden, könnte man meinen, bei einem Schmied oder einem Elektriker zu sein. Julio arbeitet mit einfachen Methoden und fast schon altertümlichen Geräten, er verwendet keine komplizierten Maschinen. Alles ist Handarbeit. Hunderte von Einzelteilen müssen passgenau zurecht geschnitten und gebogen werden. Oft kommt es vor, dass nach dem Anschweißen das Objekt doch nicht so aussieht oder nicht so passt, wie er es sich vorgestellt hatte. Dann wird es wieder getrennt und ersetzt. Zum Schluss werden alle Einzelteile zusammengesetzt und schließlich auf Hochglanz poliert und geschliffen.



Julio stammt aus der Provinz Vizcaya und kam im Alter von 22 nach Teneriffa, schuld daran war seine damalige Freundin. Und er ist geblieben. Seine Werkstatt hat er in La Orotava. Julio kann mit Metall und seiner Verarbeitung gut umgehen. Er ist eigentlich gelernter Industriemeister, hat sich aber schon bald für die Kunst entschieden und sich das künstlerische Schaffen selbst beigebracht.
Julio kann nicht genau sagen, wie oder warum er zur Kunst kam. Es ist einfach passiert. Er fing an, Dinge zu schaffen, die es nicht gab, und Objekte, die die Leute plötzlich nachzufragen begannen. Nach dem Orientierungskurs an der Universität meldete er sich für eine Berufsausbildung im Bereich Elektronik an, landete irgendwann in einer Keramikwerkstatt, wo er sich mit Ton vertraut machte. Von diesem Moment an geschah alles, ohne dass er es sich ausgesucht hätte, er sagte nie: „Ich werde von der Kunst leben“. Aber jetzt kann er es.
Ausführliche Informationen über Julio Nieto und sein Schaffen gibt es auf seiner Website:
www.julionieto.com.
Mehr von Kunst und Künstlern findest du hier: Kunst und Kultur.
Artikel-Nr. 20-0BEC112E
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Pingback: Ein Spaziergang in Tacoronte | Mein Teneriffa - Mi Tenerife
Vielen, vielen Dank für diesen Hinweis. Wir sind wieder für 3 Monate in unserer „zweiten Heimat“ in La Orotava. Ich staune immer wieder über Kunstbeflissenheit, Verständnis für das, was eine Gemeinde auch verschönt und lebenswert macht, und bereit ist dies für die Bürger zu investieren, nicht nur für den Tourismus. Und dies vor allem auch in kleineren Gemeiden, denen man so etwas eigentlich gar nicht zutrauen möge. Ganz anderst als in Deutschland, wo für vieles gar kein Geld mehr und häufig auch immer weniger Empfinden für solche kulturellen Reichtum vorhanden ist.
Nochmals muchas graçias
Klaus
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