Das Hotel El Médano.
Wie ein Boot, das gerade an Land gezogen wurde, liegt das Hotel direkt am Strand. Es gilt als das Wahrzeichen des Ortes und seine Silhouette ist nicht wegzudenken. Doch beinahe wäre es abgerissen worden. Nur durch einen Trick konnte es gerettet werden. Das erste Hotel im Süden Teneriffas besticht auch heute noch durch seine einzigartige Lage.

Seine Geschichte beginnt genau genommen irgendwann zwischen 1910 und 1915. In dieser Zeit war der Tomatenanbau im Süden der Insel die wichtigste und einzige wirtschaftliche Aktivität. Man baute am flachen Strand der Bucht eine Verpackungs- und Verladestation für die Tomatenkisten, die mit Booten nach Santa Cruz transportiert wurden. Eine Straße gab es noch nicht, und der Ort bestand aus nicht mehr als einer Handvoll Häuser für die Fischer und landwirtschaftlichen Arbeiter.



Erst als etwa 1940 die Hauptstraße (heute TF-28) nach Granadilla und San Miguel kam und man die Tomaten auf Lastwagen verladen konnte, endete die Aktivität am Verladekai von El Médano. Dieser wurde zu einem Tanzsaal umgebaut.
Anfang der 60er Jahre kam dann ganz langsam der Aufschwung im Tourismus mit den ersten Flügen zum Flughafen Nord. Von dort waren es immer noch fünf beschwerliche Stunden mit dem Auto bis in den Süden.





Francisco García Feo, genannt Don Frasco, war ein landwirtschaftlicher Großgrundbesitzer und beschäftigt im Tomatenimperium Fyffes. Er hatte die glorreiche Idee, hier im Süden, wo noch nie ein Tourist zu sehen war, ein Hotel zu bauen und verfolgte seinen Plan mit festem Willen. Man schrieb über ihn: „In dieses Gebäude hat der Mann all seine Hoffnungen gesetzt. Ein Mann, der sich aufopferte, der sich voll und ganz dafür einsetzte, den Weg einzuschlagen, den El Médano gehen muss, wenn es das Zentrum des Tourismus auf den Kanarischen Inseln werden will.“

Auf den Pfeilern der Tomatenverladestation ließ er das erste Hotel weit und breit errichten. Entworfen wurde das Gebäude von dem einflussreichen Architektur-Studio Marrero, ansässig in Granadilla. Für die einen scheint es mit seinen geschwungenen Konturen ein altes Schiff mit kurzen Gangways zu imitieren, in jenem rationalistischen Stil, der auf den Inseln einen so starken und wichtigen Einfluss hatte, mit einer maritimen Ästhetik, für die es auch in der Hauptstadt Santa Cruz Beispiele gibt. Für andere ist es ein außergewöhnlicher Aussichtspunkt, der nach den Vorbildern der für Südengland typischen „Piers” oder Holzstegpromenaden gebaut wurde.
Am 8. Oktober 1963 wurde es feierlich eröffnet, und die Presse lobte es fortan als Vorreiter und Vorbild für die touristische Aufwertung des Südens der Insel und als Denkmal für diese Zukunft, als Tor zum Wohlstand und Reichtum Teneriffas.
Nach fünfjähriger Bauzeit und mit für die damalige Zeit beträchtlichen Kosten (22 Millionen Peseten) entstanden 74 Zimmer – mit insgesamt 130 Betten – in einem Hotel der ersten Kategorie, das mit allen damaligen Annehmlichkeiten ausgestattet war: Alle Zimmer mit Bad, Wäsche- und Bügelservice, eine Bar-Restaurant „im modernen Stil” mit Festsaal, eine große Terrasse als Wohnzimmer, ein Solarium sowie eine unsichtbare Infrastruktur bestehend aus Notstromaggregaten, einem eigenen Wasserspeicher mit 3.600 Kubikmetern Fassungsvermögen.





Nicht umsonst erklärte García Feo selbst in einem Interview über das Hotel: „Wir haben versucht, das Beste zu geben…”. Auch architektonisch war es ein Meisterstück mit den runden Formen und dem abgestuften Baukörper wirkt es leicht und luftig und fast ein bisschen wie ein Boot, das am Land gezogen wurde.





Was folgte, war eine beispiellose Beschleunigung der Entwicklung im südlichen Teil der Insel. 1969 wurde der Platz von El Médano gebaut, 1971 kam die Autobahn, eine Infrastruktur, die die Mobilität auf der Insel verändern sollte, 1973 wurde die Urbanisierung des Stadtzentrums abgeschlossen und 1978 wurde der Flughafen im Süden eingeweiht.
Die ersten Touristen im Hotel kamen aus Schweden, wegen der Sonne und der Ruhe. Viele Anwohner begannen, in Bars und Restaurants zu investieren, um die Familien zu verpflegen. Ganz langsam fasste der Tourismus Wurzeln. Es gab ein einziges Telefon im Ort, im Haus von Claudina, und bei Sturm wurde immer noch der große Platz hinter dem Strand überflutet.



Der große Aufschwung von El Médano kam dann mit den Surfern und mit ihnen ein etwas anders geartetes Publikum. Junge, anspruchslose Leute, Sportler und Aussteiger, die nicht nur kurze Zeit hier blieben und die natürlich nicht im luxuriösen Hotel nächtigten. Dem Ort hat diese Umschichtung nicht geschadet, und die strategische Nähe zum Flughafen hat ihn gefördert.
Doch dem Hotel standen harte Zeiten bevor. Im Jahr 2005 erklärte die Küstenbehörde die Konzession für abgelaufen auf Grund mehrerer konstruktiver Unregelmäßigkeiten: Zu hohe Bebauung, nicht genehmigte Anbauten, illegale Nutzung. Es sollte abgerissen werden, und im Jahr 2006 kündigte die Umweltministerin an, den Abrissprozess in die Wege zu leiten. Dieser wurde 2010 angeordnet und 2015 vom Obersten Gericht bestätigt, da das Gebäude nicht im Einklang mit dem Küstenschutzgesetz von 1988 stehe. In diesen Jahren wurden mehrere Dörfer an der Küste dem Erdboden gleich gemacht, z.B. Cho Vito in Candelaria oder El Puertito in El Sauzal.

Dass nun das symbolträchtige Hotel El Médano an der Reihe sein sollte, ein Fixpunkt des Tourismus in 50 Jahren, löste allenthalben Unverständnis und Wut aus. Sein Umriss und sein Schatten hat sich in das Gedächtnis der Anwohner eingebrannt, die sich weigerten, dieses steinerne Schiff von seinem Standort auslaufen zu sehen, und zwar nicht nur aus Nostalgie für persönliche Erinnerungen, für ihr kollektives Gedächtnis, sondern auch, weil die Lage des Hotels so sehr in der intimen Geografie von El Médano verankert ist, dass dieses Gebäude zu einem „natürlichen” Windschutz geworden ist, zu einer perfekten Symbiose zwischen menschlichem Werk und Natur.
Jetzt musste ein Wunder her, oder entschlossenes Handeln. Der Stadtrat von Granadilla de Abona verabschiedete am 18.12.2017 einstimmig einen Antrag, das Hotel Médano in den kommunalen Katalog als architektonisches Kulturerbe dieser Stadt aufzunehmen. Mit dieser Maßnahme soll der historische und architektonische Wert des emblematischen Gebäudes, das 1962 eingeweiht wurde, gewürdigt werden.







In dem Antrag, der vom ehemaligen Dekan der Architektenkammer Ramiro Cuende im Namen einer Gruppe von Bürgern eingereicht wurde, wird hervorgehoben, dass das Hotel „zu einem Symbol der Gemeinde und insbesondere der Küste von El Médano geworden ist und seit mehr als 50 Jahren Teil des kulturellen Erbes der Anwohner und Reisenden ist, die diesen besonderen Winkel der Insel besuchen“.

Das Dokument hebt den „unbestreitbaren landschaftlichen Wert” des Gebäudes hervor sowie „seine historische Bedeutung für die Anfänge und die Entwicklung des Tourismus im Süden“. Es wird auch betont, dass das Haus seit seiner Eröffnung vor 55 Jahren unverändert geblieben ist, wie die Erinnerungen der Einwohner des beliebten Küstenortes und Fotos von seiner Errichtung bis heute belegen.
In der Initiative wird festgestellt, dass das Hotel die Merkmale eines denkmalgeschützten Objekts gemäß den städtebaulichen Vorschriften des Generalplans von Granadilla de Abona aufweist. Mit diesem raffinierten Schachzug konnte der Abriss letztlich verhindert werden. Das Hotel wurde renoviert und den modernen Anforderungen angepasst. In der ***-Kategorie bietet es einfachen, aber ausreichenden Komfort auf fünf Stockwerken. Fast alle Zimmer haben Meerblick. Der Hausberg Montaña Roja grüßt am anderen Ende der weiten Bucht. Es gibt mehrere geräumige Sonnenterrassen, von der untersten führt eine Treppe direkt ins Meer. Dort kann man auch die Pfeiler der alten Verladeanlage sehen, auf denen das Gebäude bis heute noch ruht.





Es ist ein ganz besonderes Erlebnis, im ersten Hotel des Südens zu übernachten und sogar unter ihm hindurch schwimmen zu können.

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Wer einmal die Montaña Roja besteigen will, findet hier den Artikel dazu: Der Rote Berg (II). Ein Spaziergang ist das allerdings nicht.
Lies auch den Artikel Strand ohne Sand.
Artikel-Nr. 12-0728E40D
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