Strand ohne Sand

Strand ohne Touristen?

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Der Präsident des Umweltobservatoriums von Granadilla OAG (Observatorio Ambiental Granadilla), Antonio Machado, hat erklärt, dass zwischen dem Bau des Hafens von Granadilla und dem aktuellen Sandverlust an den Stränden von El Médano kein Zusammenhang bestehe. Er sehe aktuell keine Verbindung zwischen dem Abnehmen der Sandmenge und dem neuen Hafen, dessen Fertigstellung in diesem Jahr abgeschlossen sein wird.

Diese Erklärung war die Reaktion auf eine Feststellung eines Stadtrats von Granadilla de Abona, Arquipo Quintero, der betonte, dass die Strände von El Médano in einem desolaten Zustand seien, und daran erinnerte, dass die Hafenverwaltung von Granadilla Maßnahmen ergriffen hat zur dauerhaften Einbringung von Sand von Nord nach Süd, um die Auswirkungen des Hafens abzuschwächen. „Nicht einmal die Ältesten können sich an einen solchen Sandverlust wie zur Zeit erinnern“, meinte Quintero.

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Trotzdem hat der Präsident des Umweltobservatoriums darauf hingewiesen, dass das Meer „den Sand bringt und wegnimmt“, und dass das derzeitige Fehlen von Sand „nichts mit dem Hafen zu tun hat“, weil es noch viel zu früh sei, als dass diese neue Infrastruktur eine solche Beeinträchtigung hervorgerufen haben könne.

Andererseits hat Machado darüber informiert, dass geplant ist, jährlich 2000 m³ Sand pro Jahr anzuliefern, um die Effekte der Hafenanlagen zu reduzieren, die auf lange Sicht das Verlagern des Sands von Tajao zu den Stränden von El Médano verhindern werden.

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Er führte weiter aus, dass es sich um eine ausgleichende Maßnahme handele und erklärte außerdem, dass derzeit untersucht wird, wie die Meeresströmungen durch die neuen Anlagen verändert werden, um dann exakt sagen zu können, wohin der Sand geht. Dadurch werde man auch wissen, an welcher Stelle der Sand eingebracht werden müsse, damit er sich auch an den Stränden von El Médano verteilt.

Machado erwähnt aber nichts von der schon im Februar 2012 veröffentlichten Studie seines eigenen Instituts, in der bereits Theorien über die Veränderung der Sedimentströme aufgestellt wurden. Schon damals wurde berechnet, dass durch die Meeresströmung jedes Jahr zwischen 4300 und 11800 m³ Sedimente aus dem Nordosten in den Bereich der ökologisch wertvollen Küstenzonen (ZEC) weiter im Süden verfrachtet werden. Die große Schwankungsbreite dieser Menge lässt sich erklären durch die sehr unregelmäßigen hydrologischen Verhältnisse im Süden Teneriffas. Es können Jahrzehnte vergehen, ohne dass aus den Barrancos nennenswerte Sedimente ins Meer transportiert werden, und wenn dann Wasser fließt, kommt alles Material auf einen Schlag ins Meer.

Die Studie zeigt außerdem ganz klar, dass es im Nordosten der Hafenanlagen zu einer Ablagerung von Sand kommen wird, während die Transportkraft der Strömung im Südwesten der Anlage abnehmen wird.

Modellhaft lässt sich die Sedimentverlagerung in der ZEC (Zona ecológica costera) im SW Teneriffas so beschreiben:

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Ohne den neuen Hafen lautet die Gleichung:
E + B + M = S + V
Dabei ist
E = Eintrag durch die Meeresströmung ( 4300-11800 m³/Jahr)
B = Eintrag durch die Barrancos (652-1956 m³/Jahr)
M = Lokal produziertes bioklastisches Material (400-500 m³/Jahr)
S = Durch Tiefenströmung abtransportiertes Material
V = Durch Wind abtransportiertes Material Richtung Playa Tejita
Die Werte von S und V sind unbekannt.

Durch den Bau der Hafendeiche würde sich diese Gleichung verändern zu:
E‘ + B + M = S‘ + V
Dabei blieben B, M und V konstant. Der Wert von E‘ wäre aber niedriger:
E‘ = 0,82 E – D
D.h. der Eintrag verringert sich um 18% und zusätzlich um D, das sind die Sedimente, die am südlichen Deich abgelagert werden.

Die Studie der OAG kommt zu dem Schluss, dass „anhand dieses Szenarios ein Prinzip der Vorsicht“ anzuwenden sei und „ein Konzept zur Verfrachtung und Ersatz des Sands“ zu entwickeln sei, sowie „in einem Zeitraum von 5 bis 10 Jahren die Situation neu zu bewerten“.

Hier ist die Studie des OAG aus dem Jahr 2012.

Die damals prognostizierten und berechneten Effekte das Hafenbaus scheinen nun tatsächlich einzutreffen – und alle Beteiligten, selbst die Wissenschaftler, zeigen sich überrascht. Jetzt wachen Politiker auf und fordern Maßnahmen.

Wird der beliebte Surfer-Strand ein Opfer des Hafens? Welche lokalen Auswirkungen sind zu befürchten, wenn wegen des fehlenden Sands auch irgendwann die Touristen ausbleiben? Ist es technisch überhaupt möglich, den Sand richtig einzubringen?

Fragen, die die Zukunft beantworten wird. Mehr über den Hafen gibt es hier: Das grösste Schiff der Welt.

Fotos: La Opinión, El Día, OAG


Artikel-Nr. 12-3-44

Ein Gedanke zu “Strand ohne Sand

  1. Hallo Gerhard, dein Bericht ist Journalismus in Bestform. Die Fakten sind gut aufbereitet und übersichtlich präsentiert. Hat mich beeindruckt. Gruß Günter

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