Vergangenheit und Zukunft des Nachtlebens.
Die beliebte Avenida Anaga war einst einer der wichtigsten Orte des Nachtlebens in Santa Cruz, wenn nicht sogar der einzige. Doch der Glanz verblasste, die Atmosphäre verschlechterte sich, der zunehmende Verkehr und die Jahre langen Bauarbeiten gaben dem Nachtleben den Rest. Wie durch ein Wunder regt sich nun ein neuer Geist. Neue Lokale und ein neues Publikum scheinen die alten Zeiten wieder lebendig zu machen.

Die Jahre zwischen 2007 und 2012 waren kritisch. Niemand glaubte daran, dass die Küstenstraße etwas anderes ein könnte als eine lästige und laute Stadtautobahn. Der Bau des Straßentunnels an der Plaza de España und die Tieferlegung der Hafenstraße vergraulten alle Gäste, viele Lokale mussten schließen. Die ehemals beliebte Vergnügungsmeile der Hauptstadt war tot.

Eigentlich heißt die Straße Avenida Francisco La Roche y Aguílar, aber niemand nennt sie so. Natürlich ehrt die Stadt damit einen ihrer berühmtesten Bürger (*1886 – †1948). Er war Professor für Deutsch, Geographie und Geschichte an der Handelsschule, wurde 1920 Stadtrat und von 1924 bis 1936 Bürgermeister von Santa Cruz. La Roche war zweimal Inselpräsident, übte viele andere Ämter aus und war für sein soziales Engagement bekannt und beliebt. Er schickte gratis 337 Tonnen Wasser nach Lanzarote und Fuerteventura, um die dortige Trockenheit zu mildern. Für seine weit gefächerten guten Werke bekam er mehrere Verdienstorden. Doch die nach ihm benannte Straße kennt heute jeder nur als Avenida Anaga.
In den 90er Jahren war dort richtig was los. Die Avenida erlebte ihre Blütezeit und prägte den Charakter der Stadt und einer ganzen Generation. Man musste in doppelter oder dreifacher Reihe parken, oder ganz frech auf dem Mittelstreifen der Straße. In den Pubs der Calle de La Marina etwas trinken und dann zur Avenida de Anaga hinuntergehen, bei Da Gigi zu Abend zu essen, wo man auf Spieler des CD Tenerife oder Persönlichkeiten des gesellschaftlichen Lebens von Santa Cruz treffen konnte, um sich anschließend in der Tasca Tosca mit Freunden zu treffen.






Um die Verwandlung der Avenida de Anaga zu verstehen, muss man noch bis in die 70er Jahre zurückreisen. Die Freizeitgestaltung der Hafenarbeiter und Anwohner begann eine wichtige Rolle zu spielen und lockte die Menschen in das beliebteste Viertel von Santa Cruz. Auf der einen Seite das Manhattan, auf der anderen das Montecarlo. Zwischen diesen beiden angesagten Lokalen spielte sich alles ab, vom Bugatti zog man ins Nooctúa, von dort ins Camel oder in die Fool Company. Überall gab es Musik. Direkt über dem Nooctúa befanden sich die Studios der „40 Principales“ der Cadena Ser. Wer tanzen wollte ging in den Keller des Manhattan.
In der Calle La Marina gab es etwas ganz Besonderes, was aus Spanien „importiert“ wurde: Die Litergläser, genannt Litronas. Für 2000 Pesetas konnte man zehn Gläser Bier auf einmal trinken, alleine oder mit zehn Freunden.
Schon viel früher, nämlich 1983, importierte eine Gruppe von Unternehmen etwas, was man seither auf der Insel nur aus Film und Fernsehen kannte: Fast Food. Manolo Martín Gamero hatte Kontakte in Barcelona zu „Kentucky Fried Chicken“, erwarb die Lizenz und eröffnete mit einigen Freunden das erste Fast Food Lokal der Kanaren in der Nummer 45 der Avenida Anaga.



Natürlich war es ein Boom, der aber nicht allzu lange dauerte. Die Zwiebelringe kamen gut an, und die Hühnerflügel mit der geheimnisvollen, leckeren Panade. Und es war etwas ganz Neues, das Essen in den braunen Papiertüten mit nach Hause nehmen zu können. Doch das Lokal war eigentlich zu groß, die Miete zu teuer, und unter der Woche kamen einfach zu wenig Gäste. Viele wollten auch nicht 600 Pesetas für ein Fast Food Menü ausgeben, wo man doch woanders ganz traditionell um dasselbe Geld essen konnte. Nur ein paar Stunden Boom am Wochenende waren für den Geschäftserfolg zu wenig. Da es auch nur ein Lizenzbetrieb war, mussten die Geschäftsführer leider nach sechs Jahren die Entscheidung treffen, das Lokal wieder zu schließen. Pech für sie, denn die Goldene Zeit der Avenida Anaga stand ja gerade vor der Tür. In den Räumen eröffnete dann das Restaurant Falúa, das später für seine politischen Diskussionsrunden bekannt wurde.

Ende der 90er Jahre kam dann die Krise der Goldenen Meile. Die unangenehmen Nebenwirkungen nahmen überhand, Lärm, Schlägereien, übermäßiger Alkoholkonsum und der immer unerträglicher werdende Verkehr, vor allem an den Wochenenden, brachten das Nachtleben an seine Grenzen. Als dann die Bauarbeiten am Tunnel begannen, war der Spaß endgültig vorbei. Die Kunden blieben weg, und die Lokale machten dicht. Die Avenida de Anaga wurde zu einer lauten und lästigen Stadtautobahn.
Doch erstaunlicherweise erwacht das totgesagte Nachtleben seit einigen Jahren wieder. Ein Grund dafür war sicher die Umgestaltung der Plaza de España mit der Anlage des kleinen Sees, und dass der Verkehr zumindest in diesem Bereich unter der Erde verschwand. Abends und nicht nur am Wochenende spaziert man – wie schon vor 200 Jahren – von der Plaza de España kommend durch das Tor mit den drei Bogen über die Alameda und geht an der Avenida entlang.







Dann setzt man sich in eine der zahlreichen Kneipen-Terrassen. Abends wird es früh schattig dort. Dass die Busse keine zwei Meter neben dem Tisch vorbeirauschen, stört nicht. So ist das Stadtleben eben.









American Food gibt es natürlich auch wieder. Die Lokale sind bunt und schrill, und die Musik-Kneipen und Diskos öffnen bis in den frühen Morgen.










Die Stadtverwaltung von Santa Cruz hat ehrgeizige Projekte zur Umgestaltung und Verschönerung der Avenida de Anaga umgesetzt, um eine zu 100 % nachhaltige Straße zu schaffen und die Fußgängerzone bis zum Muelle Norte zu renovieren. Bürgermeister Bermúdez betonte 2023 nach der Genehmigung des Ausschreibungsprojekts für die Bauarbeiten, dass „die Avenida de Anaga komplett umgestaltet wird, um die Stadt für die Bürger und Kreuzfahrtpassagiere mehr zum Meer hin zu öffnen”. Für die „ästhetische und ökologische Renovierung“ waren Kosten in Höhe von rund 3,5 Millionen Euro vorgesehen, von denen 1,5 Millionen aus europäischen Mitteln finanziert werden sollen. Es entstanden neue Aufenthaltsbereiche mit LED-Beleuchtung, Räume für Gastronomie, Grünanlagen und ein breiter Fahrradweg. Die gewünschte „Öffnung zum Meer“ bleibt aber begrenzt, denn zwischen Meer und Promenade liegt leider eben der Hafen, in dem sehr häufig die 12-stöckigen Kreuzfahrtschiffe den Weitblick versperren. Und zwischen der Promenade und dem Nachtleben verläuft immer noch die vierspurige Avenida Francisco La Roche y Aguílar.
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Artikel-Nr.26-0F869D56
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