Teobaldo Power und sein Werk.
Kanarische Folklore ist lebhaft und lustig, lädt zum Tanzen ein und ist auf allen Festen zu hören. Die Kanarischen Gesänge von Teobaldo Power sind düster und schwer, aber weit über die Kanaren hinaus in der klassischen Musikwelt bekannt. Der Komponist selbst ist eher weniger bekannt, obwohl man seinem Namen hier auf Teneriffa öfters begegnen kann.
Die Cantos Canarios wurden am 5. August 1880 feierlich vorgestellt, anlässlich der Einweihung des Sitzes der Philharmonischen Gesellschaft Santa Cecilia, dem heutigen Sitz des Parlaments der Kanarischen Inseln. Das Orchester wurde von Teobaldo Power selbst dirigiert.

Ein wichtiger Teil des monumentalen Werks ist der Arrorró, ursprünglich ein traditionelles kanarisches Wiegenlied. Es handelt sich um einen melodiösen, langsamen Gesang, der sich durch seine Monotonie auszeichnet und je nach Insel und selbst innerhalb derselben Insel Variationen aufweist. Das Wort selbst stammt aus dem Tamazight (ⴰⵔⵔⴰⵡⵔⴰⵡ, arrawraw) und bedeutet dort neugeborenes Kind. Teobaldo Power passte das Wiegenlied an die klassische Musik an und seine Version ist heute die am häufigsten gehörte.
Seit 2003 bilden eine Variation der Melodie des Wiegenliedes von Teobaldo Power und der von Benito Cabrera verfasste Text gemeinsam die Hymne der Kanarischen Inseln, die durch das Gesetz offiziell anerkannt wurde.
In der erste Strophe heißt es: «Soy la sombra de un almendro, soy volcán, salitre y lava. Repartido en siete peñas late el pulso de mi alma». Darin ist von sieben „Felsen“ die Rede. Seit 2018 ist aber die Insel La Graciosa offiziell als achte anerkannt. Erst 2025 beschloss das kanarische Parlament, im Lied das Wort siete durch ocho zu ersetzen, seit August 2026 ist die Änderung rechtskräftig.
In den Cantos kommen auch viele andere traditionelle Elemente vor, wie z.B. die Folía, die Malagueña oder die Isa.

Ein anderes monumentales Werk ist seine Sinfonía en la menor („Sinfonie in a-Moll“). Sie ist eine Umgestaltung seiner 1883 uraufgeführten „Drei charakteristischen Stücke“, bestehend aus einem Präludium, einem Andante espressivo und einem Scherzo. Diese drei symphonischen Sätze wurden zu einer Sinfonie umgewandelt, indem ein vierter Satz hinzugefügt wurde, der das Thema des Präludiums zyklisch wiederholt, um dem Werk mehr Einheit zu verleihen, wie es viele Komponisten der Romantik taten.
Die „Sinfonie in c-Moll“ wird in Santa Cruz in handschriftlicher Form aufbewahrt. Sie wurde nie veröffentlicht, weshalb man davon ausgehen kann, dass sie nie aufgeführt wurde. Ihre Instrumentierung ähnelt der seiner „Polonaise de concierto“. Es wird angenommen, dass er sie 1884 kurz vor seinem Tod komponierte.
Vor dem Museo de Bellas Artes in Santa Cruz steht eine Büste von Teobaldo Power. In Santa Cruz gibt es auch oberhalb des La Granja Parks eine Plaza de los Cantos Canarios. Dort wird der begabte Musiker mit einem Denkmal geehrt. Aus einem weißen Kunststein gehauen, steht er dort zwischen zwei quaderförmigen Stelen, die Reliefe von Frauenfiguren zeigen und Szenen aus seinem musikalischen Repertoire darstellen, wie beispielsweise die des Arrorró. Am Platz gibt es auch eine Schule, die seinen Namen trägt.





Auch in La Orotava gibt es ein kleines Denkmal zu seiner Erinnerung, gleich neben dem Konzertsaal, der seinen Namen trägt, in der Calle Cantos Canarios.




In mehreren anderen Orten der Insel sind Straßen nach ihm benannt. In Tacoronte gibt es auch eine Brücke mit seinem Namen. Sie ist im April 2025 nach einem schweren Regen eingestürzt, glücklicherweise wurde sie wenige Tage zuvor gesperrt. Leider hat es die Stadtverwaltung erst neun Monate später geschafft, die Arbeiten zum Wiederaufbau auszuschreiben.




Teobaldo José de Los Reyes y de La Concepción Power y Luso Viña wurde am 6. Januar 1848 in Santa Cruz de Tenerife als Sohn von Bartolomé Power und Margarita Lugo-Viña geboren. Die Wurzeln des Familiennamens Power gehen auf irische Einwanderer im 17. Jahrhundert zurück. Seine ersten Musikstunden erhielt Teobaldo von seinem Vater und zeigte schon früh eine Begabung für diese Kunst.
Als frühreifes Musikgenie spielte er bereits im Alter von 9 Jahren verschiedene Stücke auf dem Klavier bei einem Kunstabend in der Hauptstadt. Im folgenden Jahr wurde er im Stadttheater von Santa Cruz de Tenerife vorgestellt, wo er eine kleine Eigenkomposition und mehrere Stücke verschiedener Musikmeister spielte.
Als seine Familie nach Barcelona zog, weil sein Vater zur Provinzregierung versetzt wurde, begann er dort bei dem berühmten Lehrer Gabriel Balart Harmonie und Komposition zu studieren, mit dem er nach Madrid reiste, um vor den Lehrern der Nationalen Musikschule ein Konzert zu geben, das von den Zuhörern und der Fachpresse gelobt wurde.
Als er 14 Jahre alt war, gewährte ihm die katalanische Provinzregierung ein Stipendium, um seine Studien am Conservatoire Impérial de Musique et de Déclamation in Paris fortzusetzen, wo er vier Jahre lang eine solide musikalische Ausbildung bei renommierten Lehrern in Harmonielehre und Komposition, Klavier, Kontrapunkt und Fuge erhielt und in all diesen Bereichen ausgezeichnet wurde.

Nach Abschluss seines Studiums in Paris wurde er mit nur 18 Jahren für eine Stelle in Havanna engagiert, wo er drei Jahre lang blieb, bevor er nach Paris zurückkehrte, um eine Operngesellschaft zu leiten, mit der er eine Tournee durch Frankreich unternahm.
Danach kehrte er nach Madrid zurück, wo er acht Jahre lang ein hektisches Musikleben führte und als Pianist in den Cafés El Prado und Imperial auftrat. Diese Zeit war für seine musikalische Karriere sehr fruchtbar, da er eingeladen wurde, Konzerte in den Konservatorien von Madrid und Paris zu geben.
Dieses aufregende, exzentrische und abenteuerliche Bohemienleben, das für sein Schaffen und seine Kunst so fruchtbar war, schwächte jedoch seinen Organismus und führte zu einer Lungenerkrankung, als er gerade 30 Jahre alt geworden war. Der Arzt Tomás Zerolo aus Teneriffa riet ihm daraufhin, auf die Insel zurückzukehren, wo er am 5. Dezember 1878 ankam und von einer Gruppe von Intellektuellen aufgenommen wurde. Am 7. April des folgenden Jahres heiratete er seine Cousine Julia González Lugo-Viña, die ihn bis zu seinem Tod begleitete und mit der er keine Kinder hatte.
Nachdem er sich von seiner Krankheit erholt hatte, begann er, Konzerte in Lissabon und Málaga zu geben, wo er jedoch erneut erkrankte, weshalb er wieder nach Teneriffa zurück kam und sich in einem Haus am Camino de Las Mercedes Nr. 242 niederließ, wo die reine und gesunde Luft der Berge seine durch sein bewegtes Leben geschädigten Lungen reinigen sollte.

In dieser idyllischen Gegend, angeregt durch seinen Freund Elías Zerolo, begann er, die Lieder zu erforschen, die er von den Bauern bei ihrer täglichen Arbeit singen hörte. Er war der Ansicht, dass diese Dorfmusik mehr verdient hätte und genau so edel wären wie eine Symphonie von Beethoven. So entstanden die Cantos Canarios, ein wunderschönes, kultiviertes und symphonisches Musikstück mit Instrumentierungen, in dem sich die folkloristischen Melodien abwechseln. Es sind Harmonien, die das Bild seiner Heimat vor Augen führen und Erinnerungen wecken. Das Volk wollte es gar nicht glauben. Zum ersten Mal hörte man die „Volksmusik“ in einer klassischen Version.
Auf dem Höhepunkt seiner Karriere, als sein Ansehen und sein Ruhm als Komponist, Interpret und Lehrer gefestigt waren, seine Schüler erste Preise gewannen, Verlage seine Werke veröffentlichten und Orchester seine symphonische Musik uraufführten, verschlimmerte sich seine Tuberkulose erheblich. Er verstarb am 16. Mai 1884 in seinem Haus in der Calle de la Reja Nr. 1 in Madrid im Alter von nur 36 Jahren.
Sein Tod löste in Madrid große Trauer aus. Der Sarg wurde von seinen Schülern und Lehrern auf den Schultern zur Nationalen Musikschule getragen, wo er aufgebahrt und mit zahlreichen Blumenkränzen geehrt wurde. Ebenfalls auf den Schultern wurde er zum Friedhof San Lorenzo y San José gebracht.
Erst neununddreißig Jahre nach seinem Tod erlaubte die Stadtverwaltung von Madrid, seine sterblichen Überreste nach Santa Cruz de Tenerife zu überführen, und am 25. Mai 1923 um neun Uhr morgens traf der Sarg hier im Hafen ein, wo er von den höchsten zivilen, militärischen und kirchlichen Würdenträgern, Körperschaften, Gesellschaften, offiziellen und pädagogischen Einrichtungen sowie einer großen Menschenmenge empfangen wurde.


Die erste Station des Trauerzuges war die Plaza de La Candelaria vor dem Haus, in dem er geboren worden war, wo die Stadtkapelle kanarische Lieder spielte. Dann setzte der Trauerzug seinen Weg fort, bis er die Diputación Provincial – das heutige Parlament der Kanarischen Inseln – erreichte, wo eine feierliche Zeremonie stattfand. Von dort wurde er in die Pfarrkirche Nuestra Señora de la Concepción überführt, wo er in der Kapelle von Santiago christlich beigesetzt wurde.
Die Madrider Zeitungen berichteten, dass bei der Exhumierung der Leiche sein Haar und sein Bart noch intakt waren und er einen Frack, ein weißes Hemd und Lackschuhe trug.
Alle seine Partituren gibt es in diesem Flip-Book: https://heyzine.com/flip-book/75208ab1e3.html#page/1
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Artikel-Nr. 00-000AFDE1
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