Made in Tenerife

Die Geschichte einer Milchfabrik.

Jeder kannte die beiden Marken und in jedem Supermarkt waren sie zu finden: Millac und Celgán, Milch und Jogurt, hergestellt in mehreren Fabriken auf Teneriffa. Alle Kinder sind damit groß geworden. Aber die großen Marken sind verschwunden, und die Fabrik ist heute eine große Ruine.

Jeder kannte auch die beiden fröhlichen Kindergesichter auf der Milchpackung. Sie lachten, tranken täglich Millac und waren natürlich gesund, weil die Werbung es so sagte. Die Werbekampagne für die kanarische Milch begann in den 80er Jahren, als mit dem Beginn des Farbfernsehens audiovisuelle Werbung eine zunehmende Rolle spielte. Tetrapacks und Jogurtbecher kamen auf den Markt, und das neu erfundene „Öffnen und Trinken“ war ein entscheidendes Kaufargument und besonders praktisch für Kinder.

Die beiden gesunden Kinder auf der Packung waren damals zehn Jahre alt. Im Jahr 2022 erschienen in La Laguna Plakate mit den beiden Gesichtern unter der Überschrift „VERSCHWUNDEN, wer kennt sie noch?“ Und tatsächlich gibt es sie noch. Javier, links, ist heute Telekommunikationsingenieur, Elena, rechts, ist Bauingenieurin und besuchte eine Fernsehshow des Komikers Dario López, wo sie sich als das Mädchen von der Milchpackung zu erkennen gab.

In der Werbung waren die beiden bekannt als Millaquito und Millaquita. Es war einer der ersten Werbespots, der reale Bilder mit Zeichentrickfiguren mischte:

Die beiden Figuren wurden Teil des kollektiven Bewusstseins und waren Teil einer klugen Marketingstrategie, denn es sollten besonders die jüngsten Verbraucher angesprochen werden. Sie gaben Ernährungstipps und fanden von Anfang an Anklang bei den Kleinsten im Haus. Ihre Präsenz in Form von Figuren, T-Shirts oder Taschen war allgegenwärtig.

Millac schaffte es über mehr als fünf Jahrzehnte hinweg, sich einen festen Platz in den kanarischen Haushalten zu sichern und begleitete Familien – insbesondere die Kleinsten – mit seinem Sortiment an Milchmischgetränken in allen Geschmacksrichtungen: Vanille, Erdbeere und Kakao, sein wahres Aushängeschild. Aus vielen Schulpausen waren die praktischen Packungen nicht mehr wegzudenken. Hinzu kamen Jogurts der Marke Celgán, süße Gelees und spezielle Säuglingsnahrung. Der absolute Hit unter Kindern war der Trinkjogurt.

Ob sie tatsächlich so gesund waren wie die Werbung versprach, ist zweifelhaft. Denn alle Produkte waren ausgesprochen süß und mit künstlichen Aromen hergestellt. Prüfinstitute für Nahrungsmittel stuften die Produkte als hochindustriell verarbeitet ein und rieten davon ab.

Die Geschichte des Unternehmens Celgán startete in Santa Cruz. Die Bauarbeiten begannen 1960, und die Molkerei erhielt 1962 die Betriebsgenehmigung. Zwanzig Jahre lang versorgte sie die Insel mit Millac-Milch. Im Jahr 1985 entstanden neue Industrieabteilungen für die Herstellung von Jogurt, Käse und Speiseeis. Dieses Jahr markiert den Sprung von Celgán von der Trinkmilch hin zu den fermentierten Produkten, die das Unternehmen bekannt machen sollten. Zwei Jahre später meldete das Unternehmen ein Patent an, um eine Kunststoffverpackung mit Deckel und mechanischem Etikettiersystem zu schützen.

Celgán wurde 1983 von der Firmengruppe JSP (José Sánchez Peñate) übernommen und in eine größere Unternehmensstruktur integriert. Diese Übernahme hatte zwar keinen Einfluss auf den Standort des Werks oder seinen kanarischen Charakter, bestimmte jedoch dessen Zukunft. Für das Stammwerk in Santa Cruz im Stadtteil Tío Pino waren die Tage aber gezählt. Unternehmerische Entscheidungen führten dazu, dass die Produktion im Jahr 2005 nach La Laguna und Güímar verlegt wurde. Das Gebäude in der Hauptstadt wurde verlassen, und das Gelände wurde bereits 2006 von industrieller Nutzung zur Wohnnutzung umgestuft. Es begann eine spannende und nicht mehr ganz zu durchschauende Geschichte und der Verfall eines Industriegebäudes, das heute nur noch eine Ruine ist.

Das Immobilienunternehmen Promociones Amojo SL, gegründet von den Söhnen des ehemaligen Regierungspräsidenten Manuel Hermoso, erwarb das Grundstück der ehemaligen Molkerei. Der Kauf wurde über ein Hypothekendarlehen in Höhe von 5.288.906 Euro abgewickelt. Drei Jahre später stand das Grundstück für 8.168.941 Euro zum Verkauf, was einen Gewinn von fast drei Millionen Euro bedeutete, ohne dass auch nur ein Ziegelstein bewegt wurde.

Die Anwohner der Gegend vermuteten Mauschelei als bekannt wurde, dass im neuen Flächennutzungsplan die Höhe der Gebäude in der Umgebung beschränkt wurde, während gleichzeitig auf dem Grundstück 12-stöckige Hochhäuser vorgesehen waren. Alle Beteiligten in der Geschäftsleitung von Amojo waren zudem Verwandte der Familie Hermoso.

Doch dann kam die Immobilienkrise, die Firma wurde insolvent und verkaufte die nutzlose Immobilie 2015 an das Unternehmen Anadico SL aus Galizien. Genau einen Monat nach diesem Verkauf bestand die Stadtverwaltung darauf, dass das Unternehmen den Abriss „unverzüglich“ durchführen und die Kosten dafür aus eigener Tasche tragen solle. Schon zwei Jahre zuvor besichtigten Techniker das Gebäude, es wurde die unmittelbare Einsturzgefahr geltend gemacht und die Räumung der darin lebenden Hausbesetzer angeordnet. Und das alles, obwohl der schlechte Zustand dieses Gebäudes bereits seit einem Jahrzehnt bekannt war.

Mittlerweile fiel das Gebäude buchstäblich auseinander. Weder die Techniker noch die mit der Ausarbeitung der Abrisspläne beauftragten Unternehmen hatten es besonders leicht, denn man stellte fest, das dort Asbest verbaut wurde, was den Abriss ungeheuer erschweren und verteuern würde. Die neue Firma verweigerte sich massiv, diese Altlast zu übernehmen. Inzwischen hatte die Stadt zwar einen Teilabriss organisiert, blieb aber auf den dafür ausgegebenen 339 000 Euro sitzen. Ähnliches gilt für die Geldstrafe in Höhe von 150.000 Euro, die wegen der Nichtdurchführung des Abrisses zum angeordneten Termin verhängt wurde und deren Einziehung als verjährt gilt. Der einzige Mitarbeiter, den Amojo SL noch in Santa Cruz beschäftigte, reichte eine Beschwerde ein, und aus der Veröffentlichung der gerichtlichen Vorladung im Amtsblatt der Provinz (BOP) ging hervor, dass der Aufenthaltsort der Eigentümer „unbekannt“ sei und das Unternehmen insolvent.

Die Anwohner dieser Gegend fordern seit Jahren eine Lösung; das verfallene Gebäude ist zu einer Müllhalde geworden. Ratten, Ungeziefer und üble Gerüche breiten sich aus. Man sagt, dass zeitweise bis zu 20 obdachlose Personen in der ehemaligen Fabrik hausen. Geschlossene Türen und Vorhängeschlösser markieren das Revier jedes Einzelnen. Man hat versucht, die Wohnungslosen dort herauszuholen, aber sie sind immer wieder zurückgekehrt.

Seit mehr als zwei Jahrzehnten steht das Gebäude nun leer und ist laut Angaben der Polizei der immer wieder Schauplatz von Bränden geworden, bei denen Matratzen, Einrichtungsgegenstände und trockene Vegetation in Flammen aufgegangen sind. Diese Vorfälle stellen sowohl für Personen, die Zugang zu den Räumlichkeiten haben, als auch für die unmittelbare Umgebung ein Risiko dar, weshalb die Beamten im Juli 2026 die Zugänge gesichert und versiegelt haben.

Das ehemalige Werk in Los Baldíos ist ebenfalls geschlossen, aber noch nicht ganz so baufällig, und liegt außerhalb von Wohngebieten,

Und was ist nun mit Milch und Jogurt? Millac und Celgán sind aus den Läden verschwunden, und die beiden fröhlichen Kindergesichter verschwinden nach und nach aus dem Gedächtnis. Im Juli 2021 meldete das Unternehmen JSP wegen fehlender Mittel zur Umstrukturierung den Konkurs an.

Celgán, das einst mehr als 100 Millionen Einheiten Joghurt und Milchdesserts produzierte und einen Umsatz von 30 Millionen Euro erzielte, stand vor dem Aus. Der Umsatz ging seit Jahren zurück, und im Jahr 2020 hatte das Unternehmen Schulden von mehr als 60 Millionen Euro angehäuft. Die Rohstoffkosten machten mehr als 60 % der Gesamtkosten aus, was angesichts der geringen Einnahmen unverhältnismäßig hoch war. Auch die Folgen der COVID-Pandemie konnte das Unternehmen nicht verkraften.

Die Zulieferer verweigerten auf Grund der Zahlungsunfähigkeit die Zusammenarbeit, die Vorratslager leerten sich. Im Oktober 2021 stellte Celgán die Herstellung der Produkte seiner eigenen Marke ein und behielt lediglich die Produktion der Eigenmarken seiner Hauptkunden bei (Hiperdino und Mercadona), mit denen das Unternehmen Verträge hatte, die nicht von heute auf morgen gekündigt werden konnten. Zum Ende des Jahres 2021 wurde die Produktion komplett eingestellt. 472 Arbeiter und Angestellte wurden arbeitslos.

Die beiden Werke in La Laguna und Güímar wurden mit den Industriehallen (6430 m² bzw. 15 000 m²), den Maschinen und dem gesamten Inventar verkauft, ebenso wie die Zweigwerke in Madrid und Las Palmas, sowie die Kaffeerösterei in Los Majuelos (Sta. Cruz). Das Beratungs-, Restrukturierungs- und Investmentunternehmen Gordon Brothers (Boston, USA) erkannte die „solide Marktposition und die sehr bekannten Marken“ von JSP und die „hervorragenden und wertvollen Industrieanlagen“, in die es sich lohne zu investieren. Sie wurden anschließend für 68 Mio € verkauft.

Der Markenname Celgán kam am 25.4.23 für 30 000 € in die Versteigerung, aber kein Investor wollte diese Marke haben. Millac und Celgán waren endgültig Geschichte, so sah es lange Zeit aus.

Doch im Oktober 2025 kaufte ein Unternehmer aus Teneriffa, Agustín Adasat Rodríguez Domínguez, den Markennamen und alle dazugehörigen Designs und Rechte darauf. Er hatte die Geschichte der Milchfabrik verfolgt und war entschlossen, eine Auferstehung von Celgán in Angriff zu nehmen. Adasat war selbst eines der fröhlichen Kindergesichter, denn sein Vater, sein Onkel und seine Tante arbeiteten in der Milchfabrik, und Celgán und Millac prägten den Alltag seiner Kindheit.

Ob tatsächlich das beliebte Trinkjogurt eines Tages wieder in den Regalen stehen wird, ist ungewiss, denn Adasat besitzt noch keine Produktionsanlagen. Doch das Marketing beginnt. Seit August 26 kann man sogar die beliebten T-Shirts wieder kaufen, für 14,95 € plus Versand.

Noch mehr leckere Sachen findest du auf der Seite ESSEN UND TRINKEN.



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