Im Abseits (III)

Von Radazul nach Boca Cangrejo.

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Die architektonischen Kontraste könnten nicht größer sein. In die Felsen gehauene Hochhaus-Bunker, 12-stöckige Terrassenhäuser, wunderschöne Villen am Meer und an die Felswand geklebte einfache Holzhütten – das kann man auf diesem bequemen Spaziergang an der Küste entdecken. Am Weg liegt noch dazu einer der schönsten schwarzen Sandstrände der Ostküste.

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Es ist nicht ganz einfach, von der Autobahn hinunter zu finden nach Radazul, oder Boca Cangrejo. Und was einen dort unten erwartet, ist von oben kaum zu erkennen, nicht einmal wenn man die kurvigen Straßen zwischen den Apartmenthäusern hinunter fährt.

In Radazul findet man zunächst einmal den größten Jachthafen an diesem Küstenabschnitt, mit Liegeplätzen für 200 Boote und allen notwendigen Einrichtungen für Segler wie Trockendocks und Kräne. Der Hafen ist gut vor dem oft kräftig wehenden Wind geschützt. Eigentlich besteht der Ort aus den drei Teilen Radazul Alto (oberhalb der Autobahn), Radazul Bajo und Boca Cangrejo und ist mit knapp 5000 Einwohnern der größte Ort im Municipio von El Rosario.

Wendet man vom Hafen aus den Blick Richtung Land, staunt man über die enorme Kulisse aus Hochhäusern, für deren Bau riesige, Angst erregende Löcher in die Felswände gesprengt werden mussten. Angst und Schrecken spürten die Bewohner, als 2015 ein Wasserrohr oben an der Autobahn gebrochen war und eine gewaltige Schlammwelle die Straßen herunter geschossen kam, die einige Häuser schwer beschädigte. Aber: Wer hier wohnen oder seinen Urlaub verbringen will, hat immer den freien Blick aufs Meer. Die verschandelte Landschaft sieht er dann ja nicht mehr.

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Am nördlichen Ortsausgang von Radazul gelangt man zu einem kleinen Park mit Bänken, Spielmöglichkeiten und Gymnastikgeräten. Von dort aus hat man einen schönen Blick über die Küste, den Strand und die weit geschwungene Bucht. An diesem etwa drei Kilometer langen und vor den Nordostwinden geschützten Küstenabschnitt gab es schon zur Guanchenzeit Anlegestellen in kleinen Buchten. Die Gegend war bis in die jüngste Zeit bekannt unter dem Namen Guadamojete, der in vielen alten Karten auftaucht, und man weiß, dass hier auch Fisch angelandet und bis nach La Laguna geliefert wurde.

Hinter dem Park geht man hinunter zum 200m langen Strand von La Nea. Er ist durch einen Wellenbrecher geschützt und hat feinen schwarzen Sand. An der Promenade gibt es einen kleinen Kiosk, wo es an Wochenenden mit Badewetter recht lebhaft zugeht. Erst im November 2017 wurden die Strände von Radazul wieder einmal, nach sieben Jahren, mit neuem Sand aufgefüllt, 2000 m³ schwarzer Sand wurde herbeigeschafft.

Im Sommer 2017 war dieser Küstenabschnitt schwer geplagt durch Mikroalgen, die sich bei hohen Wassertemperaturen stark vermehrten. Während die Behörden verlauten ließen, es handele sich um ein natürliches Phänomen, waren Umweltschützer der Auffassung, dass ein direkter Zusammenhang zu unkontrollierten Abwassereinleitungen bestünde. Siehe auch die Aktualisierung unten.

Lies dazu auch den Artikel Baden oder nicht?

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Auf der anderen Seite des Strands kommt von oben die Straße von Boca Cangrejo herunter, die als Parkplatz dient. Geht man die Straße hinauf, kann man bei der Bushaltestelle rechts abbiegen in den Ort. Am besten geht man gleich danach wieder scharf rechts hinunter. Dort kann man dann zwischen den Häusern durch bis zum Wasser gehen, auch wenn es direkt vor einer Haustüre so aussieht, als ginge es nicht weiter.

Der weitere Spaziergang führt nun über Treppen und durch schmale Gänge mit vielen interessanten Fotomotiven. Immer wieder kommt man an kleinen Buchten vorbei, die man hart am Wasser überqueren kann. Man geht über hübsch hergerichtete Terrassen und entdeckt romantische Ecken

Mancher kleine Weg erweist sich auch als Sackgasse, aber immer wieder gibt es die Möglichkeit, zu kleinen Badestegen hinunter zu steigen. Baden ist hier allerdings nur bei absolut ruhigem Wellengang angeraten.

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Nach einer Weile kommt man an der kleinen Kapelle vorbei, die der Jungfrau del Carmen gewidmet ist. Auch danach gibt es immer wieder Möglichkeiten, von der Straße weg und zwischen den Häuschen hindurch zum Meer zu kommen. Man freut sich immer wieder an den herrlich bunt gestrichenen Hausfassaden und an so manchem kleinen Detail.

Unter anderem kommt man am „Brunnen der guten Gesundheit“ vorbei, einem wahrhaften Mysterium dieses Ortes. In einer Höhle unter den Felsen sammelt sich bei Flut eine größere Menge Wasser, dem eine heilsame Wirkung zugeschrieben wird. Obwohl der Ort noch nicht so bekannt ist, hat er sich im Laufe der Zeit zu einer Art Pilgerziel entwickelt. Einige Anwohner berichten, dass seit mehr als 20 Jahren sogar Ausländer herkommen, weil sie an das heilende Wasser glauben. Ein Nachbar, Nicasio Conde, der seit 50 Jahren hier lebt, erzählt, dass schon ab 1962 viele Jahre lang ein paar holländische Ehepaare hierher kamen und das salzige Wasser tranken, weil sie glaubten, es sei gut für den Magen. Gleich daneben in einer Höhlenwohnung lebt Rafa mit seinen beiden Hunden Garbacito und Rubí. Er hat die Umgebung der Höhle („mit meinen Händen und mit meinem Geld“) mit allerlei hübschen Kleinigkeiten dekoriert. Außerdem kümmert er sich noch um so manchen verunkrauteten Garten. „Aber die Zeit reicht nicht für alles“, sagt er.

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Was in den 60er und 70er Jahren ein Rückzugsort und ein Freizeitvergnügen für die Anwohner von El Sobradillo, El Tablero und Llano del Moro war, hat sich bis heute zu einem richtigen Dorf mit allen nötigen Infrastrukturen entwickelt. Der Ort befindet sich aber in einer durch das Küstengesetz geschützten Zone. Heutzutage dürfte hier nicht mehr gebaut werden. Streng genommen müssten sogar alle Häuser verschwinden. Doch was passiert mit den 300 Familien, die kein anderes Zuhause haben? Viele Bewohner haben schon die entsprechenden Briefe bekommen und sind sich sicher, dass ihr Haus irgendwann abgerissen wird.

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Dort wo die asfaltierte Straße endet, wird die Bebauung etwas einfacher und man kann nicht mehr überall zum Wasser hinunter gehen. Die Schotterpiste endet dann an einem „Parkplatz“. Hier geht man etwas bergauf, wo ein Fußweg den kleinen Barranco durchquert. Von oben kommt hier der im Abschnitt „Wanderung“ beschriebene Pfad herunter (siehe unten). Auf dem Fußweg geht man oberhalb der Häuser so lange weiter, bis er endet. Oft sind es nur noch ganz primitive Hütten, die auf abenteuerliche Weise in die Felsen gezimmert sind. Diese „Ferienwohnungen“ sind garantiert selbst gebaut. Und oft sorgen kläffende Hunde dafür, dass ein Fremder nicht so einfach über den Hof läuft.

Gebaut und gebastelt wird offenbar immer noch.

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Wer ganz bis zum Ende geht, entdeckt dort noch ein kleines natürliches Schwimmbecken zwischen den Felsen. Vorsicht, die Felsen sind glitschig!

Natürlich hat man inzwischen auch die gigantische Hotelruine bemerkt, die ein paar Kilometer weiter an der Küste steht. Es handelt sich um ein 1973 gebautes Hochhaus, das aber schon während des Baus wieder aufgegeben wurde und seither verrottet. Die ganze Geschichte dazu gibt es hier: Das Monster von Acorán.

Auf dem Rückweg wird man bestimmt neue Winkel und Ecken in dem malerischen Dorf finden. Der Spaziergang durch Boca Cangrejo ist eine ganz besondere Entdeckungstour. Vielleicht wird es in ein paar Jahren ganz anders aussehen, wenn die Behörden das Küstengesetz konsequent durchsetzen.

Wer nach dem Spaziergang Hunger hat, findet an der Hafeneinfahrt von Radazul einige Restaurants, wo es auch frischen Fisch gibt.


Mögliche Wanderung

Wer den Weg nicht hin und zurück gehen will und ein bisschen mutig ist, kann auch von der Autobahn hinunter nach Boca Cangrejo steigen und nach Radazul laufen. Dazu fährt man mit dem Bus Nr. 142 von Santa Cruz nach Añaza und steigt an der Haltestelle im Ort Costanera aus (siehe Karte). Der Bus fährt aber nur einmal, um 12.45 Uhr ab Intercambiador Santa Cruz.

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In Costanera geht man gegenüber der Haltestelle in die Calle Alboran und nach 100m rechts in die Calle Caspio bergab. Nun immer geradeaus weiter die Treppen hinunter, entlang eines Barranco. Ganz unten in der Avenida del Atlántico nach links und gegenüber der Hausnummer 91 in einen mit einer Kette abgesperrten Weg.

Am Ende dieses asfaltierten Wegs muss man sich über eine Geröllhalde einen Abstieg suchen. Nicht weit unterhalb erkennt man einen alten, gemauerten Weg, den man nach etwa 20m Kletterei erreicht. In der Tiefe sieht man bereits die Häuser von Boca Cangrejo. Der mit Steinen gepflasterte alte Weg verläuft in einigen Serpentinen hinunter und kommt etwa dort heraus, wo die befahrbare Straße durch Boca Cangrejo endet. Nach links überquert man den Barranco und geht, wie schon beschrieben, bis zum Ende des Fußwegs und von wieder zurück nach Radazul.

Von Radazul aus fahren die Buslinien 138 und 139 mehrmals am Nachmittag wieder zurück nach Santa Cruz. Von Boca Cangrejo fährt die Linie 941 zurück nach Santa Cruz, allerdings nur werktags um 19.45 Uhr.

Karte für Wanderung:

Boca Cangrejo

Hier ein kleiner Film mit Luftaufnahmen von Noacopter:

Und noch ein weiterer von Drone_Ando13:

Gehe zu Google Map:

Aktualisierung Januar 2020

Alle Strände dieser Gegend mussten nach einer gefährlichen Einleitung von Abwässern geschlossen werden. In der behördlich nicht genehmigten Pumpstation von Costanera, die Abwasser aus dem darüber liegenden Industriegebiet sammelt und ins Meer leitet, gab es einen Rohrbruch. Die stinkende Brühe floss daher sichtbar ins Wasser.

Ein paar Kilometer weiter südlich an der Küste liegt ein weiteres verstecktes Fischerdorf, El Varadero: Im Abseits (I).

Im Abseits (II) liegt El Caletón an der Küste von La Matanza.


Artikel-Nr. 7-4-106

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