Der Schandfleck

Mitten im touristischen Zentrum

10 Stockwerke, 84 Wohnungen, 14 Lokale und Verkaufsräume, 1841 Quadratmeter, 40 Eigentümer. Das Iders-Gebäude im Zentrum von Puerto de la Cruz legt seit 30 Jahren Zeugnis ab von schlampigen Bauarbeiten, fortschreitendem Zerfall, von widersprüchlichen Interessen und erschreckender Langsamkeit der städtischen Verwaltung. Wohnstätte von 150 illegalen Besetzern, Brutstätte von Kriminalität und Krankheiten, nicht nur ein Schandfleck, auch ein scheinbar unlösbares Problem. Ein ziemlich fest gezogener Knoten.

Es steht direkt an einer der touristisch viel frequentierten Straßen im Zentrum, der Avenida Familia Betancourt y Molina, zwischen Hotels und Apartmentblocks, nicht weit vom Strand und der Promenade. Sanieren oder Abreißen? Das sind die beiden Alternativen für das marode Hochhaus, aber selbst nach Jahrzehnten kommt der Dialog zwischen den verantwortlichen Parteien nicht voran. 1965, als das Hochhaus erbaut, wurde hieß die Straße noch Avenida del Generalisimo. Im Jahr 1991 musste das Haus zwangsweise geräumt werden, weil gravierende statische Mängel festgestellt wurden.

Um das ganze Problem verstehen zu können, muss man in die Zeit des städtebaulichen Aufschwungs der 60er Jahre eintauchen, und ein bisschen in die Chemie von Baumaterialien. Damals sollte viel und schnell gebaut werden. Manche Bauunternehmer nahmen deshalb eine bestimmte Art von Zement, die besonders schnell aushärtet. Der so genannte Tonerdezement wird aus Kalk und Bauxit hergestellt. Das Calciumoxid (CaO) und das Aluminiumoxid (Al2O3), jeweils zu etwa 40%, verbinden sich nach dem Aushärten zu Calciumaluminat. Relativ schnell beginnt dann ein irreversibler Prozess, bei dem sich dessen Kristallstruktur von hexagonal zu kubisch umwandelt, was ein geringeres Volumen des Baustoffs mit sich bringt. Der Beton wird porös und die Träger und Säulen werden instabil. Dieses negative Verhalten war natürlich auch schon damals bekannt, aber die auf Profit bedachten Bauträger verwendeten trotzdem dieses Material. Der Umwandlungsprozess verläuft schneller bei hohen Temperaturen und hoher Luftfeuchtigkeit, und noch schneller bei salzhaltiger Luft. Gerade in Spanien gab es mehrere Fälle, in denen die vom „Betonfieber“ befallenen Gebäude einsturzgefährdet waren. Außer dem Iders gibt es auf Teneriffa auch im Stadtteil Las Chumberas in La Laguna sogar 40 Wohnblocks mit dieser Betonkrankheit.

26 Jahre nach dem Bau waren die Schäden am Gebäude offensichtlich, und die Bewohner mussten das Haus verlassen. Für die Besitzer, die sich in Eigentumswohnungen und Läden eingekauft hatten, begann nun eine lange Geschichte, deren Ende bis heute nicht abzusehen ist. Es war und ist ein Kampf um Einigkeit, Zuständigkeit und Verantwortlichkeit, in dem auch die Stadt ein Wort mitreden will. Sanieren oder Abreißen? Im ersten Fall kämen Kosten in Millionenhöhe auf die Eigentümer zu, im zweiten Fall wäre es ein Totalverlust. Für die unter sich zerstrittenen Eigentümer ein schwierig zu lösender Knoten.

Um die Immobilie zu retten, gab die Eigentümergemeinschaft ein Gutachten in Auftrag. Das Unternehmen Bureau Veritas Español S.A., als Inspektions- und Kontrollunternehmen auf dem Gebiet des Bauwesens, führte eine Studie über den Bauzustand durch, welche zeigte, dass weniger als 10% der Struktur von Aluminose betroffen sind. Konkret handelte es sich danach bei den betroffenen Teilen nur um Balkone, Terrassen im ersten Stock und Dachböden, und nicht, wie ursprünglich vermutet, um alle Stockwerke.

Im Jahr 2006 entschied die Stadt, dass die Bedingungen für die Renovierung des Gebäudes erfüllt sind und erteilte die Genehmigung zur Sanierung. Dem hatte die Eigentümerversammlung, die ca. 73,52% der Eigentümer repräsentiert, zugestimmt und allein für diese Genehmigung 102 000 € bezahlt. Doch diese Genehmigung wurde vor Gericht angefochten von dem Unternehmer Francisco Rodríguez Castro. Er hatte sich seit 2002 dort billig Eigentum verschafft, nachdem einige Besitzer die wirtschaftliche Situation nicht mehr ertragen konnten und zu Schleuderpreisen verkaufen mussten. Er besitzt nun die restlichen 26,48% des Gebäudes und plädiert als Immobilienmakler für einen Neubau. Die Stadt hatte nämlich zuvor das Gebäude zur Ruine erklärt und danach erst die Genehmigung zur Sanierung erteilt. Wegen dieses Verfahrensfehlers hat Rodríguez Castro die Stadt angezeigt und vor Gericht Recht bekommen. Die Stadt musste auch die Gerichtskosten übernehmen und verheddert sich damit noch weiter in diesem Knoten.

Und selbst wenn sich mehr Eigentümer für einen Neubau aussprechen würden, gäbe es Probleme, denn viele von ihnen würden – nach Jahren des Kampfes und schmerzlicher Investitionen – leer ausgehen. Denn nach dem gültigen Bebauungsplan der Stadt dürfen nur noch Gebäude mit maximal sechs Stockwerken entstehen. Deshalb kämpft die Vorsitzende der Eigentümergemeinschaft Milagros Castro weiterhin für eine Sanierung. Doch die Genehmigung dafür müsste neu beantragt werden, und bereits 2008 kalkulierte man die Kosten dafür auf 4,5 Millionen Euro (2009 = 5,5 Mio €, 2020 = ??). Einmal fertiggestellt, soll das Gebäude eine Nutzungsdauer von 50 Jahren haben. Aber welcher der bös gebeutelten Eigentümer hat so einen langen Atem?

Der damalige Stadtrat für Städtebau, Guillermo Meca, trat noch zusätzlich gehörig ins Fettnäpfchen und behauptete, der„Streit unter Nachbarn“ verzögere alle Maßnahmen. „Der Immobilienmakler ist kein Nachbar,“ konterten die die 73,54%, er sei nur ein skrupelloser Investor. Aber es war auch ein politischer Streit im Gemeinderat, denn Regierung und Opposition beschuldigten sich gegenseitig der Untätigkeit und machten Pläne, die sich nicht vereinbaren ließen. Und nach jeder Wahl war es umgekehrt.

Der „Plan zur Modernisierung, Verbesserung und Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit“ von 2015 könnte sogar eine Ausnahmeregelung zulassen, indem neue städtebauliche Parameter festgelegt, der derzeitige Baukoeffizient erhöht und die Parzelle durch eine neue Volumenregelung optimiert würde. Eine kleine Vergrößerung der Grundfläche auf 9.020,66 Quadratmeter könnte sogar die Errichtung von bis zu 10 Stockwerken ermöglichen. Doch auch darauf konnten sich die Politiker nicht einigen. Der politische Knoten macht es nicht einfacher.

In all diesen Jahren wird die Bausubstanz natürlich nicht besser und eine mögliche Sanierung immer teurer. Hinzu kommt, wie es so bei lange leer stehenden Häusern ist, dass dort unerwünschte Gäste einziehen. Die Absperrungen konnten das nicht verhindern. Obdachlose der Stadt haben sich dort häuslich eingerichtet. Man spricht von 35, 60 oder mehr als 100 Personen, die dort unter menschenunwürdigen Bedingungen leben, ohne Strom und sanitäre Einrichtungen. Nachbarn beschwerten sich wiederholt über Müll, Lärm und üble Gerüche. Doch Stadtverwaltung und Polizei waren nicht in der Lage, das Gebäude zu räumen.

Am 2. Mai 2019 brach abends um 10 Uhr im vierten Stock des Gebäudes ein Feuer aus. Die Feuerwehr konnte zum Glück verhindern, dass der Brand sich weiter ausbreitete. Ein 62-jähriger Mann wurde verletzt.

Im Zuge der Corona-Krise häuften sich die Klagen der Anwohner, die einen möglichen Ansteckungsherd unter den Obdachlosen befürchteten. Rathaus und Caritas richteten im April 2020 im Hotel Puerto Azul in der Altstadt Notunterkünfte für diese Menschen ein. Doch nur 30 bis 40 Personen haben dieses Angebot angenommen, die restlichen zogen sich weiterhin in das Iders zurück. Sie wurden mit Reinigungsgeräten, Hygieneartikeln und warmem Essen versorgt.

Eine Gruppe von Anwohnern aus den Nachbargebäuden wandte sich im Mai 2020 an das deutsche Konsulat in Las Palmas und an die österreichische und schweizerische Botschaft in Madrid mit der Bitte um Hilfe. „Wir haben Angst,“ sagt einer von ihnen, „manchmal können wir nicht mal aus dem Fenster schauen und schon bedrohen sie uns. Sie kümmern sich nicht um die Ausgangssperre und laufen betrunken und unter Drogen durch die Straßen. Einer hat einen großen Rottweiler, der ohne Leine und Maulkorb herumläuft.“ Inzwischen hat auch die Bild-Zeitung Kenntnis von dem Sachverhalt.

Die neue Mannschaft im Rathaus unternahm seit 2019 einen neuen Vorstoß und lies prüfen, ob es juristisch möglich ist, das Hochhaus zu enteignen und dann abzureißen. Tatsache ist nämlich, dass unter den Eigentümern keine horizontale Aufteilung der Immobilie vereinbart ist, sondern jeder nur einen prozentualen Anteil am Gebäude besitzt, aber keine bestimmte Wohnung, Garage oder andere Räumlichkeiten. Dann könnte die Stadt eine pauschale Entschädigung bezahlen, die sich an dem aktuellen Wert des Hauses und Grundstücks orientiert, abzüglich der Abrisskosten. Doch wie soll der aktuelle Wert einer Ruine berechnet werden? Und wie sollen diese Kosten dem Steuerzahler vermittelt werden?

Und welche Eigentümer wären zu entschädigen? Denn die Eigentümergemeinschaft löst sich nach und nach auf. Viele Anteilseigner, die vor rund 60 Jahren dort eingestiegen sind, können nicht mehr ausfindig gemacht werden oder sind bereits gestorben.

Es bleibt die Hoffnung, dass weiterhin alle eine Lösung wollen: die politischen und verwaltungstechnischen Verantwortlichen, die Eigentümer – auch wenn sie sich als Gemeinschaft auflöst – und die Bürger im Allgemeinen, die die Zeit vergehen sehen mit einem Schandfleck in ihrer Stadt, und mit einem Knoten, der nur noch mit einem Gewaltschlag zu lösen ist.

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Artikel-Nr. 23-10-176

Ein Gedanke zu “Der Schandfleck

  1. Vielen Dank für diese journalistische Recherche. Ich habe mich in den letzten Jahren immer wieder gefragt, wie es dazu kommen konnte, einen solchen“ Schandfleck“ keiner glücklichen Lösung zuzuführen… hatte mir allerdings Ähnliches gedacht. Danke für die Details. Ich fühle mich in der Nähe dieses Hauses nicht gerade wohl.. ( Gerüche,Lärm,etc) wie soll es erst den Nachbarn ergehen? Ich hoffe für alle Beteiligten auf eine so schnelle und sinnvolle Lösung Mit freundlichen Grüssen Sabine Michael Sabinemichael7@gmail.com

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