Arche Noah

Ein verstecktes Schmuckstück

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Dieses schöne Haus muss man suchen! Bei einer Stadtbesichtigung von Santa Cruz wird man vermutlich nicht in diese Gegend kommen. Das Schmuckstück liegt verborgen zwischen Hochhäusern und am Rande eines kleinen Barranco im wenig bekannten Stadtbezirk Tio Pino.

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Direkt neben einem Wohnblock duckt sich fast schon verschämt das wunderhübsche Anwesen, bekannt als Casa de Sixto Machado, das früher einmal ein echter, nicht zu übersehender Blickfang war. Es wurde im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts erbaut und ist ein typisches Beispiel für den Baustil des Eklektizismus, der versucht, verschiedene architektonische Elemente der Vergangenheit an einem Bauwerk zu kombinieren. Im Gegensatz zum wohlbekannten Liceo Taoro in La Orotava, das demselben Stil zuzuordnen ist, führt die Casa de Sixto Machado aber ein bedauerliches Schattendasein, sie liegt nicht nur im Schatten des benachbarten Hochhauses, sondern leider auch im Schatten öffentlicher Wahrnehmung.

Das Haus besteht aus zwei rechteckigen Baukörpern, die in einem flachen Winkel schräg zueinander versetzt sind. Auf dem verbindenden Mittelteil steht ein kleines Türmchen; der Baublock, der Richtung Meer zeigt, wird noch von zwei Dachzimmern mit Aussichtsmöglichkeit gekrönt. Der Eingang befand sich auf der Nordostseite, wo eine lange Freitreppe aus Marmor ins erste Obergeschoss führte. Denkt man sich die umliegenden Gebäude weg, kann man erahnen, in welch herrlicher, aussichtsreicher Lage sich das Anwesen früher befand.

Der Besitzer Sixto Machado wurde 1882 in La Orotava geboren und entstammte einer Familie der einfachen Mittelschicht. Mit 15 Jahren ging er nach London und gründete später dort eine Firma für den Import von Früchten und Gemüse von den kanarischen Inseln. Er heiratete eine sehr kluge Frau, María del Socorro Domínguez Arce, die mit einer akademischen Ausbildung den Geschäften ihres Mannes sehr zum Erfolg verhalf. Beharrlichkeit und Arbeit brachten dem Ehepaar Erfolg und Reichtum und ein Unternehmen mit mehr als 60 Angestellten. sixtomachado

Gesundheitliche Gründe zwangen Sixto Machado im Jahr 1914, sein Geschäft aufzugeben und nach Teneriffa zurückzukehren. Hier investierte er viel Kraft und Geld in die Erneuerung der lokalen Landwirtschaft und führte auf seinen über die ganze Insel verteilten Ländereien die modernste verfügbare Technik ein. Auf seinen Fincas wurden hydraulische Bewässerungssysteme installiert, Wasser wurde über Kanäle aus Güímar hergebracht. Die erste Verpackungsmaschine für Tomaten auf der Insel war ihm zu verdanken. Er war ein wohlwollender, väterlicher Grundbesitzer, und versuchte, vor dem Hintergrund der Arbeiterkonflikte der 20er Jahre, einen Sozialpakt zwischen Herrschaft und Landarbeitern durchzusetzen. Er vermittelte im Bauernkonflikt 1923 im Orotavatal, sein Werk brachte ihm viel Lob von den Gewerkschaften ein, obwohl er es nicht vollenden konnte. Sixto Machado starb 1942 in London.

1703181_1Die Familie verkaufte sein wunderschönes Haus, der neue Besitzer vermietete es an die Guardia Civil, die dort ihre Kommandozentrale einrichtete. Nachdem diese dort wieder ausgezogen war, verfiel das Haus nach und nach und wurde immer mehr zur Ruine, besetzt von Tauben und Obachlosen. Doch die Stadtverwaltung beschloss schließlich, das Gebäude in das Programm öffentlicher Bauvorhaben aufzunehmen und mit Mitteln aus dem staatlichen Plan für lokale Investitionen zu restaurieren. Für mehr als 2,8 Millionen Euro wurde das Gebäude fast in seinem Originalzustand wiederhergestellt und es beherbergt seit 2011 die städtische Musikschule. 240 Schüler belegen dort das Programm „Musik und Bewegung“, 375 Schüler sind in den Instrumentalkursen eingeschrieben. Ein Saal für Veranstaltungen wurde angebaut, die davor liegende Terrasse und der Park wurden verschönert. Im Jahr 2001 hat der Cabildo von Teneriffa einen Antrag zur Anerkennung des Hauses als nationales Kulturgut gestellt, die kanarischen Regierung hat dies aber 2008 verweigert.

Das Gebäude ist nicht für die Öffentlichkeit zugänglich. Diese schönen Bilder der prachtvollen Innenräume stammen von dem Architekturfotografen David Frutos:

Doch noch einmal zurück in die Geschichte. Als Sixto Machado damals hier einzog, stand das Haus allein auf weiter Flur, umgeben von Kartoffel-, Gemüse- und Weinfeldern. Mit seinem Unternehmergeist und immensen Investitionen wollte er der Landwirtschaft zu neuem Aufschwung und Erfolg verhelfen und führte deshalb z.B. den Baumwollanbau ein. Er pflanzte Tabak an und züchtete viele besondere Rinderrassen, seine Herde umfasste mehr als 170 Kühe. Außerdem brachte er viele exotische Tiere hierher, Zebras, Straußen, Gazellen und Pfauen konnte man auf seinem Land sehen.

Und das war der Grund dafür, dass unter den Bauern der Umgebung sein Haus als Arche Noah bekannt war. Wenn man das alte Foto anschaut, könnte man nicht denken, dass der biblische Berg, auf dem die Arche strandete, vielleicht doch hier war, auf der Finca von Tio Pino in Teneriffa?

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Hier noch einmal mit Musik „aus der Seele“:

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Aktualisierung Mai 2019

Zum ersten Mal seit 12 Jahren sollen die Kursgebühren in der Musikschule erhöht werden. Der Cabildo, die Stadt und die Schüler tragen je ein Drittel der Kosten für den Unterhalt und die Lehrer. Für den Kurs „Musik und Bewegung“ waren seither 28 Euro pro Quartal fällig, für die Grundkurse 84 Euro. Die Gebühren sollten nun um 30% erhöht werden. Eltern und Schüler erreichten jedoch mit einem Protest, dass die Erhöhung auf drei Jahre verteilt wird.

Quelle und alte Fotos: Melchor Padilla, loquelaspiedrascuentan.blogspot.com.es
Fotos Innenräume: David Frutos, davidfrutos.com


Artikel-Nr. 26-8-56

 

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