La Chercha

„Ruhe sanft“ für Ausländer.

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Versteckt hinter hohen Mauern und von außen nicht zu erkennen liegt mitten zwischen Hotels und Hochhäusern in Puerto de la Cruz die „Chercha“, der Friedhof für „Ungläubige“. Er ist ein Teil der Geschichte der Insel, die in vergangenen Zeiten wie heute auch durch fremde Zuwanderer beeinflusst wurde.

1704074_1In der kanarischen Alltagssprache gibt es eine Menge Wörter, deren Ursprung auf andere Sprachen als die spanische zurückgeht. Die Inseln waren schon immer ein Kreuzungspunkt verschiedener Wege, und viele Nationen haben hier ihre sprachlichen Spuren hinterlassen. Viele davon stammen aus dem Englischen, da die Engländer seit dem 16. Jahrhundert als Kaufleute auf den Inseln unterwegs waren.

Als choni wird auch heute noch ein Ausländer ganz allgemein bezeichnet, das Wort geht zurück auf den häufigen Namen Johnny. Das charakteristische kanarische Messer mit dem breiten Schneideblatt und dem verzierten Griff kennt man auf dem Land als naife, der Name stammt vom englischen Wort knife. Wenn aus den Schiffen im Hafen etwas aus- oder eingeladen wurde, dann wurde früher gerufen: can buy on, und so heißen die Händler heute noch cambullón oder canbuyón. Ein queque ist ein Kuchen (cake) und moni ist das Geld (money).

Doch zurück zum Friedhof: Das Wort chercha ist nichts anderes als eine spanische Variante des englischen Wortes churchyard und bezeichnet auf den Kanaren alle nicht-katholischen Friedhöfe. Dort wurden alle Verstorbenen anderer Konfessionen begraben, ebenso wie bekennende Atheisten, Freimaurer oder Selbstmörder.

Die Chercha von Puerto de la Cruz entstand in der Zeit, nachdem 1713 die spanische Krone die Verträge von Utrecht unterschrieben hatte, und damit auch Ausländer das Recht erhielten, ihre eigenen Gemeinden zu bilden und eigene Grabstätten haben durften. Der Friedhof von Puerto de la Cruz gilt als der älteste nicht-katholische Friedhof auf spanischem Boden. Über dem Eingangstor findet man die Jahreszahl 1757. Allerdings gibt es Quellen, die beweisen, dass dieser Friedhof schon etwa 100 Jahre früher existierte. Mitte des 17. Jahrhunderts wurde der kleine Weiler Puerto de La Orotava selbstständig und bekam einen eigenen Bürgermeister. Der Inquisitionskommissar Fray Juan García schreibt in einem Brief im Jahr 1647, in dem er über das enorme Wachstum des Dorfes informierte, dass es außerhalb des Ortes einen Friedhof gibt und benennt dessen Dimensionen mit 62 Ellen Länge und 33 Ellen Breite an. (1 Elle = 0,84m, dies entspricht exakt den heutigen Abmessungen von 52m Länge und 29m Breite.) Diese historische Referenz ging aber später verloren, und erst nach dem Königlichen Dekret vom 11. April 1747, in dem die Ausweisung von Orten für die Beerdigung von holländischen Untertanen angeordnet wurde, wurde der Friedhof in die offizielle Geschichtsschreibung aufgenommen.

1704072_1Im 19. Jahrhundert gab es mehrere Streitigkeiten über Schlüsselherrschaft und Zuständigkeit für den Friedhof, der damals unter der Verwaltung des Militärs stand. Es ging um Entscheidungen, wer hier beerdigt werden dürfe und wer nicht. Beispielweise war die britische Gemeinde dagegen, dass Angehörige der Freimaurerloge ein Recht auf einen Friedhofsplatz bekommen sollten, nachdem die katholische Kirche die Beerdigung im städtischen, katholischen Friedhof verweigerte. Bemerkenswert ist außerdem, dass Katholiken bis zum Jahr 1810 weiterhin in La Orotava beerdigt wurden, denn erst in diesem Jahr wurde der katholische Friedhof von Puerto de la Cruz eröffnet, nicht weit vom protestantischen entfernt.
Heute ist das Friedhofsgelände städtisches Eigentum, wird aber von der kleinen britischen Gemeinde gepflegt, wenn auch mehr oder weniger nachlässig, denn der Friedhof macht einen etwas verwahrlosten Eindruck.

2003003_1Beim Rundgang findet man neben überwiegend britischen Namen auch schwedische oder deutsche. Auf einem Grabstein eines holländischen Juden sieht man den Davidstern. Man entdeckt auch den Namen Gerardo Juan Gleixner, Sohn von Erna und Andreas Gleixner. Die Familie Gleixner übernahm 1928 das bekannte Hotel Monopol in Puerto de la Cruz, das bis heute in dritter Generation von Orlando Gleixner geführt wird.

Der hier beerdigte Adolf Rohrbach ist zwar ebenfalls in Gotha geboren, ist allerdings nicht identisch mit dem bekannten Konstrukteur von Groß- und Wasserflugzeugen nach den ersten Weltkrieg.

Ingram2Andere hier begrabene, bekannte Persönlichkeiten sind z.B.: Alfred Diston, Maler und Naturforscher, Peter S. Reid, britischer Vizekonsul und Bankier, oder James Kyd Duncan Ingram, auch als Doctor Ingram bekannt, nach dem auch eine Straße in Puerto de la Cruz benannt ist, er war ein beliebter Arzt und wurde auch Jimmy Pills genannt.

Auch das Grab von James W. Morris entdeckt man hier. Er war das erste Mordopfer in Puerto de la Cruz. Die Geschichte dazu findest du hier: Tod eines Engländers.

Eine Besonderheit hier ist noch, dass der Friedhof auch Mauernischen aufweist, die eigentlich für katholische Friedhöfe typisch sind, eine Eigenheit, die in keinen anderen protestantischen Friedhöfen der Kanaren zu finden ist.

Der Friedhof liegt heute nicht mehr außerhalb des Ortes, sondern mittendrin, umgeben von Apartmenthäusern und Hotels. Ringsum sind hohe Mauern, man sieht von außen nicht, dass es sich um einen Friedhof handelt. Den Zugang findet man in der Nähe des Fußballplatzes El Peñón in der Calle Doctor Madan, gleich hinter dem Gebäude der Polizei:

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Artikel-Nr. 23-5-78

 

 

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