Das Jubiläum

Die Beatles in Teneriffa.

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April 2018. Genau 55 Jahre davor verbrachten die Beatles ihren Urlaub in Teneriffa. Es war der erste Urlaub ihres Lebens überhaupt. Grund zum Feiern, oder?
So dachten es sich zumindest einige Politiker. Von 20. April bis 20. Mai 2018 lief ein Ausstellungsprogramm mit verschiedenen Aktivitäten in der Casa de la Cultura San Agustín in La Orotava.

Die sozialistische Abgeordnete María Victoria Hernández hatte im Dezember 2017 die Idee, die Beatles zu „illustren Besuchern der Kanaren“ zu erklären, und die Tourismuskommission des Parlaments stimmte dem zu. María Hernández meinte, dass die „drei verrückten“ Besucher die gleiche Aufmerksamkeit verdient hätten wie Alexander von Humboldt oder Agatha Christie. Der Vorschlag wurde angenommen, obwohl einige Abgeordnete ihn für „riskant“ oder „provinziell“ hielten. Da das 50-jährige Jubiläum aber leider schon vorbei war, wurde nun eben das 55-jährige gefeiert.

Am 29. April 1963 um 13 Uhr landeten Paul McCartney, Ringo Starr und George Hamilton in Teneriffa-Nord mit einer Maschine der Biritsh United Airways, drei der legendären Beatles, die damals noch kein Mensch kannte. Kurz zuvor hatten sie ihre erste Single Please please me aufgenommen, die ihnen wenig später Weltruhm verschaffte. Diese 10 Tage waren vermutlich die letzten, die sie als ganz normale Personen verbrachten, ein paar krebsrote britische Touristen mehr in einer Stadt, die sich gerade erst dem Massentourismus öffnete. In Puerto begann gerade der Touristenboom mit 16 000 Besuchern im Jahr, die Teide-Seilbahn gab es noch nicht und im Süden der Insel kein einziges Hotel.

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Der deutsche Musiker und Fotograf Klaus Voormann, den sie in Hamburg kennengelernt hatten überredete Paul, Ringo und George, nach Teneriffa zu kommen, denn dessen Vater hatte in La Montañeta, Los Realejos, für 40 000 Pesetas ein Haus gekauft, wo sie dann auch übernachteten. John Lennon machte ebenfalls Urlaub, aber zog es vor, ins schicke Torremolinos zu reisen, was ihm der Manager Brian Epstein empfohlen hatte.

Sie wurden begleitet von Klaus Voormanns Freundin, Astrid Kirchherr, die sich danach an George heranmachte. (Sie starb am 12. Mai 2020 im Alter von 81 Jahren) Mit ihrer Rollei-Kamera wurden diese Aufnahmen gemacht.

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Als sie in dem Haus in Los Realejos ankamen, fanden sie eine Baustelle vor, ohne Strom, ohne Telefon und fast ohne Wasser. Musik hörten sie mit einem Batterie betriebenen Plattenspieler. „Wir fühlten uns wie die Zigeuner,“ kommentierte später Ringo. Natürlich besuchten sie auch La Orotava und fuhren zum Teide, aber die meiste Zeit verbrachten sie unbeschwert im Freibad Lido San Telmo, das sich etwa da befand, wo heute der Lago Martiánez ist. Ohne Fans, ohne Blitzlichter, ohne Bodyguards. So unbekannt waren sie, dass nicht einmal der Geschäftsführer David Gilbert des Schwimmbads Lido de San Telmo ihnen erlaubte, in der Bar aufzutreten. Sie wollten gratis spielen und die vorhandenen Instrumente benutzen. „Aber wir sind doch von der Musikgruppe Beatles,“ fragte Paul nach. „Ich habe nein gesagt! Jugendliche wie ihr spielen hier nicht.“ erwiderte Gilbert. Jene Musik, meinte er, würde man in Teneriffa nicht verstehen, seinen Kunden könne er das nicht zumuten. Jahre danach hat sich Gilbert bei den Beatles entschuldigt und sein aufrichtiges Bedauern zum Ausdruck gebracht.

Paul erzählte später: „Auf den Kanaren hat uns kein Mensch gekannt, und das hat uns schon ein bisschen geärgert. ‚Kennt ihr uns? Die Beatles? … Ihr wisst schon…?‘ Und sie sagten nein.“

Das Haus mit der Nummer 11, in dem sie wohnten, existiert heute noch, aber kein Schild erinnert daran. In Puerto de la Cruz gibt es auch keine Statue der Beatles, obwohl gerade in dieser Stadt der britische Tourismus eine seiner Wurzeln hat. Zum 50-jährigen im Jahr 2013 hatte der damalige Inselpräsident Ricardo Melchior vorgeschlagen, in Puerto de la Cruz das weltgrößte Beatles-Museum zu erbauen – Beatlesland, in einer Reihe mit Graceland und Neverland. Millionen Touristen könnten in dadurch in die Stadt gelockt werden, und tausende Arbeitsplätze könnten entstehen. Doch auch dies war einer der Pläne Mechiors, die nicht umgesetzt wurden. Nebenbei bemerkt: Auch in Amposta (Tarragona) wollte man schon das weltgrößte Beatles-Museum erbauen, weil dort George und Ringo mal an einer Tankstelle anhielten und einer der beiden zum pinkeln ging. Und auch Torremolinos wollte schon ein Museum haben, weil es dort noch eine Serviette gibt, mit der John Lennon beim Frühstück sich den Mund abgewischt hatte.

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Auf dem Fußballplatz beim Peñon sollen sie gewesen sein, dort bekam George angeblich einen ordentlichen Schuss an den Kopf, der ihn ein paar Tage außer Gefecht setzte.

Nein! Das ist eine erfundene Geschichte und das Bild eine Fotomontage!

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Ob tatsächlich eine Plakette angebracht wird an der Stelle an der Plaza del Charco, wo sie mal ihr Auto parkten – man kann es kaum glauben! Den roten Austin Healey Sprite mit dem Kennzeichen GC 14112, mit dem sie hier herum fuhren, den gibt es aber tatsächlich. 1990 entdeckte Joaquin Sieper, ein Liebhaber von Oldtimern, das Auto in der Garage eines Freunds in Los Realejos. Es war ziemlich heruntergekommen. Er war so vernarrt in den kleinen Wagen, dass er keine Kosten und Mühen scheute, es in seinem Besitz zu haben. In Hamburg machte er Klaus Voormann ausfindig und kaufte es ihm ab, aus England holte er Ersatzteile, und hier ließ er es aufwändig restaurieren. Jetzt fährt der „Froschauge“ wieder. So nannte man das Modell damals wegen seiner charakteristischen Scheinwerfer. Es war der erste Austin, den es als Cabrio gab.

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Heute gibt es ein „Beatle Rock Bar & Restaurante“, das hat aber leider nichts mit dem Aufenthalt der Pilzköpfe zu tun.

Reine Satire ist auch, dass am Platz der Katholischen Könige ein Beatles-Monolith errichtet werden sollte, gleich neben McDonalds. Auch dass das Wasser am Martiánez-Strand zum „Wasser von internationalem touristischen Interesse“ erklärt werden sollte und vom Bischof von Teneriffa geweiht würde, nachdem sich der illustre Paul McCartney dort nass gemacht hatte, auch dies ist ein Märchen.

Paul McCartney wäre sogar beinahe ertrunken am Martiánez-Strand. „Mich hat eine Strömung erwischt. Ich war im Meer und dachte, ich könnte zum Strand zurückschwimmen. Aber plötzlich war mir klar, dass ich gar nicht näher kam, sondern in Wirklichkeit immer weiter weg,“ erzählte er später. Geschafft hatte er es offenbar trotzdem noch.

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Nach diesem Schreck blieben sie lieber im Schwimmbad San Telmo. George erzählte: „Wir waren zu lange in der Sonne und haben uns gehörig verbrannt, typisch britisch eben. Am ersten oder zweiten Tag haben Ringo und ich ordentlich Sonne getankt, und ich erinnere mich, dass ich dann die ganze Nacht gefroren und gezittert habe.“

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Am 9. Mai 1963 reisten die illustren Besucher wieder ab. Als sie zwei Tage später zuhause waren, stand ihre erste Platte auf Platz 1 der britischen Hitparade und katapultierte die Beatles sozusagen von Puerto de la Cruz direkt in den Schlagerhimmel. Puerto de la Cruz hat es während der ganzen Zeit der „Beatlemanía“ versäumt, die Band noch einmal zu einem Konzert einzuladen.


Die Ausstellung, die am 20. April 2018 im Beisein von Bürgermeister Linares eröffnet wurde, war eher bescheiden und nüchtern. Einige Bilder und Texte, alte Schallplatten der Beatles, die Postkarte, die Ringo von Santa Cruz aus an seinen Freund schrieb, als sie einen der letzten Stierkämpfe der Insel besuchten. Außerdem ein Tonbandgerät und verschiedenes Material, das nicht unbedingt im Zusammenhang mit den Beatles steht.

Parallel zur Ausstellung „55 Jahre Beatles“ gab es am 21. April eine „Beatles-Konzert“ mit der Gruppe Alma de Goma. Im Rathaus von La Orotava fand am 4. Mai eine Diskussionsrunde statt, an der auch Bürgermeister Francisco Linares teilnahm. Am 7. Mai wurde ein Dokumentarfilm gezeigt und am 17. Mai ein Comic. Warum ausgerechnet in La Orotava, wissen wohl nur die beteiligten Politiker.


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(Foto: 14*)

Hier ist noch eine andere erstaunliche Geschichte: Als Paul McCartney im Jahr 1972 seine Europatour „Wings over Europe“ machte, fuhr er mit seiner Truppe in einem offenen Doppeldeckerbus mit der Zulassung WNO 481, Baujahr 1953, durch die Lande, den sie bunt bemalten und den „psychedelic bus“ nannten. Nach dieser Tour durchlebte der Bus eine wechselvolle Geschichte in den Händen verschiedener Transportunternehmen. Er wurde 1993 für eine Versteigerung wieder mit dem originalen Design bemalt und landete unter ungeklärten Umständen irgendwann in Teneriffa. Dort verrottete er fast 25 Jahre lang in einem Hinterhof der Calle Dinamarca in Los Cristianos.

(Fotos: 14*, Google Maps)

Im Oktober 2017 wurde der Bus an die englische Wohltätigkeitsorganisation „Arms Around The Child“ verschenkt, die ihn wieder nach England verschiffen ließ. Im Oktober 2019 kam der Bus erneut zur Versteigerung, mit einem Startgebot von 15 000 Pfund.


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Noch mehr Informationen und Geschichten gibt es in dem Buch „The Beatles en Tenerife, estancia y beatlemanía“ von Nicolás González Lemus, ISBN: 978-84-933941-4-1.

(Foto: 13*)


*Bildnachweise: 1: canarias7.es, 2: listal.com, 3: beatlesarchive.net, 4-8: culturainquieta.com, 9: elbaifoilustrado.com, 10: laopinion.es, 11: caco-lasandunga.blogspot.com.es, 12: culturainquieta.com, 13: caco-lasandunga.blogspot.com.es, 14: radiojammor.wordpress.com, 15: Diario de Avisos


Artikel-Nr. 23-6-103

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