Kurze Geschichte einer Ruine

Die Arena von Puerto de la Cruz

Sie hat nie große Erfolge gefeiert, die Stierkampfarena, die eigentlich gar keine war. Was noch von ihr übrig ist, liegt auch so versteckt am Rande der Stadt, dass man sie kaum zufällig entdeckt. Wer am Abend von der Bar Alberto am Taoro-Hügel hinunter schaut, wundert sich vielleicht über die seltsame Ruine, die einmal bessere Zeiten gesehen hat.

Oberhalb der Hauptstraße, am Beginn des Viertels San Antonio, liegen am Hang die halb verfallenen Gebäude, wo einst Touristen eine Show geboten wurde, die sie vielleicht noch nie gesehen hatten. Es waren die 60er-Jahre, die Zeit des Touristenbooms in Puerto de la Cruz. Die Stierkämpfe wurden vor allem von den nordeuropäischen Touristen besucht, die die zahlreichen Hotels am Hafen füllten. Ein Stierkampf in Puerto de la Cruz? Das könnte doch eine Gewinn bringende Idee sein.

So dachte es sich vielleicht Frank, ein junger Mann, den sie „den Holländer“ nannten, aber woher er wirklich kam, ist nicht bekannt. Mit nicht mehr als was er am Leib hatte, kam er eines Tages nach Teneriffa, und das erste, was er mit seinen wenigen Ersparnissen tat, war, eine Bar einzurichten. Sie sollte einen zu dieser Zeit noch nie dagewesenen Einfluss und Erfolg bei der örtlichen Jugend haben. Es war die Bar La Rueda in einer Gasse, die früher Calle de la Dama hieß, die heutige Calle de Enrique Talg, die damals mit einer Treppe in die Calle La Hoya mündete. Die Treppe gibt es noch heute, aber sie sieht ein bisschen anders aus.

Die rustikale Bar hatte Wände aus unpoliertem Kiefernholz, ebenso wie die Tische und Stühle. Im hinteren Teil gab es eine genau so roh gezimmerte Theke und einen kleinen Grill, auf dem Frank Würstchen und Spiegeleier zubereitete. Er servierte alle Arten von alkoholischen Getränken, von Bier bis Whisky. Es geht sogar das Gerücht, dass selbst die damals noch unbekannten Beatles während ihres Urlaubs in Puerto de la Cruz dort verkehrten. (Ja, sie waren einmal hier: Lies die Geschichte dazu: Das Jubiläum)

Frank war ein großer, freundlicher, attraktiver und intelligenter junger Mann. Er wurde fast immer von zwei prächtigen deutschen Schäferhunden begleitet, die sowohl Respekt als auch Angst auslösten. Er war immer Single, hatte aber viele Freundinnen aus allen möglichen Ländern. Er gab nie viel Geld aus, investierte seine Ersparnisse gelegentlich an der Börse und in andere kleine Geschäfte, die ihm in der Regel viel Gewinn einbrachten.

Zu bestimmten Anlässen und als Werbemaßnahmen veranstaltete er in seinem Haus lustige Partys, zu denen er seine treuesten Kunden aus dem In- und Ausland einlud und die meist bis in den nächsten Morgen dauerten. Einige Zeit später verpachtete er seine Bar an einen jungen Deutschen namens Norbert, der sie für ein paar weitere Jahre weiter betrieb.

Frank hatte die Vision, den damaligen Touristen auch ein einzigartiges Stierkampferlebnis bieten zu wollen. Er richtete die besagte Stierkampfarena ein und engagierte einen spanischen Banderillero namens Manolo. Der Banderillero ist dafür zuständig, dem Stier die Spieße mit den Fähnchen in den Rücken zu rammen. Aber hier gab es keine Stiere. Frank kaufte ein halbes Dutzend Färsen, junge Kühe, die zur Freude von Hunderten von Zuschauern in der Arena herum gescheucht wurden. Die Aufsicht führte ein Novillero, ein Matador, der noch in der Ausbildung ist. Die Tiere wurden nicht getötet. Die Freude eines Publikums, das noch nie einen Stierkampf gesehen hatte, war trotzdem groß.

Stierkämpfe hatten auf den Kanaren nie die Erfolge wie in Spanien und konnten sich als Großveranstaltungen nicht durchsetzen. Bedeutende Stierkampfarenen gab es nur in La Laguna und Santa Cruz. Dort steht noch eine schöne alte Arena, die als Kulturdenkmal geschützt ist, aber langsam vor sich hin verrottet, weil für eine moderne Nutzung immer wieder verwaltungstechnische Hindernisse auftauchen. Lies hierzu den Artikel Runder Geburtstag.

Die Arena von Puerto de la Cruz war eigentlich als „mobile“ Anlage gedacht, als Wanderzirkus, der schnell auch an anderen Standorten hätte aufgebaut werden können, aber dazu kam es nie. Auch in La Orotava gab es einmal eine solche „Wanderarena“, aber darüber ist nichts mehr zu erfahren.

Frank hatte einige Zeit gute Erfolge mit dieser vereinfachten Variante des Kuhkampfs. Aus welchem Grund die Veranstaltungen eines Tages nicht mehr stattfanden, ist unklar. Mit dem Erlös aus seinem Geschäft zog sich Frank nach La Gomera zurück. Die Anlagen und Gebäude verrotten seitdem und fanden keinen neue Besitzer.

Nebenan, in der Sala Alhambra, veranstaltete die Eventagentur Aicá Maragá gelegentlich noch Shows mit Travestie und Comedy und ein sonntägliches Brunch. Aber ein großer Publikumsmagnet war das nicht. Die einstige Touristenattraktion bleibt eine Ruine mit einer kurzen Geschichte.

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Artikel-Nr. 23-12-200

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