Der Mann, der den Steinen zuhörte

Telesforo Bravo

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„Mit allen meinen Dokumenten, mach was du willst,“ sagte er kurz vor seinem unerwarteten Tod zu seinem Enkel. Dieser handelte im Sinne seines Großvaters und gründete die Stiftung Telesforo Bravo Juan Coello, deren Vorsitzender er heute ist. Sie hat den Zweck, das Lebenswerk eines Mannes zu erhalten, der sich mit all seiner Kraft für die Natur der Kanaren einsetzte und im täglichen Leben vieler Inselbewohner noch immer präsent ist.

1811046_1Der Sitz der Stiftung ist in La Orotava, wo auch das moderne Museum der Nationalparkverwaltung den Namen Telesforo Bravo trägt. Dort kann man viel über die Natur der Insel und des Parque Nacional del Teide erfahren – ein ganz hervorragendes Museum.

Schon als Kind war Telesforo sehr neugierig. Er badete nicht nur in den Meerestümpeln am Martiánez-Strand, sondern sammelte dort auch Pflanzen und Tiere. Seine Freunde nannten ihn den „Tarzan von Martiánez“. Er kletterte die Felsen hinauf und in die Höhlen und suchte nach Resten der Ureinwohner. Er wagte sich in Wasserstollen und bestieg als Neunjähriger schon den Teide.

Die Neugier lernte er von seinem Vater, einem einfachen Seemann, der ihn und seine beiden älteren Geschwistern in die Werkstatt holte und ihnen Holzverarbeitung, Schweißen und Kenntnisse der Elektrizität beibrachte. Das Ziel der Eltern war klar: Die Kinder sollten einmal studieren.

1811140_1Telesforo Bravo Exposito wurde am 5. Januar 1913 im kleinen Fischerdorf Puerto de la Cruz geboren. Allerdings wurde seine Geburt schon am 27. Dezember 1912 in den Büchern registriert. Dieser kleine Trick war nicht unüblich, denn die Ende des Jahres Geborenen konnten von der Wehrpflicht befreit werden. Nach der Grundschule schickten ihn die Eltern zusammen mit seinem Bruder nach La Laguna, wo er das Abitur in Naturwissenschaften ablegte. Er las viele Bücher, aber das bezeichnete er immer als „hartes Brot“. Es war vor allem auch trockenes Brot für ihn, denn viel lieber war er in der Natur, wo er auch viel fotografierte.

In den Brandungsbecken seiner Kindheit fand er mit 23 Jahren ein paar Knochen, offenbar eines Säugetiers. Er brachte sie mit seinem Bruder zum Direktor des Instituts in La Laguna, der sie behielt und studieren wollte. Aber als sie nach einiger Zeit nichts mehr davon hörten, forderten sie die Knochen zurück und gaben sie dem Biologieprofessor. Dieser schickte sie nach Santander, und schließlich landeten die Knochen bei dem deutschen Forscher Mertens , welcher eine wissenschaftliche Arbeit über eine ausgestorbene Rattenart veröffentlichte. Aber die Brüder Bravo wurden mit keinem Wort darin erwähnt. Das ärgerte sie gewaltig und war der Ansporn für Telesforo, eine eigene wissenschaftliche Laufbahn in Angriff zu nehmen.

(Fotos: *2)

Doch zunächst musste er zum Militär, musste ab 1936 den Rekruten Lesen und Schreiben beibringen. Dann schickte man ihn nach Madrid als Leutnant der Infanterie. Er heiratete 1939 Elena Bethencourt und bekam zwei Kinder, denen er ebenfalls die naturwissenschaftliche Neugier vermittelte. Sein Sohn wurde Geologe, ebenso wie sein Schwiegersohn, der später zu seinem engsten Mitarbeiter wurde.

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Foto: *1

Telesforo Bravo spürte zwar früh seine Leidenschaft für die Natur, konnte sie aber erst spät verwirklichen. Mit 33 Jahren schrieb er sich an der Universität Madrid ein, mit Hilfe eines Stipendiums des Cabildos von Teneriffa und der Unterstützung seiner Frau, die als Lehrerin arbeitete. Nach dem Magister in Geologie und Hydrologie konnte er seine Doktorarbeit in den Wirren der Nachkriegszeit nicht vollenden und verdiente sich nebenbei etwas Geld bei einer spanisch-nordamerikanischen Firma, die unterirdische Wasservorkommen und Standorte für Satellitenantennen untersuchte. Er kam auch zwei Jahre lang als technischer Direktor des Kanarischen Museums zurück nach Teneriffa, bekam dann aber eine Stelle bei einer amerikanischen Firma, die für das US-Militär ein Straßenbauprojekt im Iran untersuchte. Bravo hatte als Forscher die wissenschaftlichen Grundlagen zur Wasserversorgung und die Möglichkeiten für Straßen und Schiffsanlegestellen zu untersuchen.

(Fotos: *2)

Erst 1960, mit 47 Jahren, erfüllt sich sein akademischer Traum. Seine Doktorarbeit „Geologische und Petrografische Studie der Insel La Gomera“ wurde in Madrid mit höchsten Ehren ausgezeichnet. Dann erarbeitete er eine Studie über die Wasserprobleme in Lanzarote. Schließlich begann er seine Laufbahn als Professor an der Universität von La Laguna, er übernahm dort den Lehrstuhl für Geologie. Bei seinen Studenten war er sehr beliebt, weil er nicht nur trockenes Wissen vermittelte, sondern auch immer für Scherze aufgelegt war. Doch das Arbeiten im Lehrsaal war trockenes Brot für einen Mann, der so gerne draußen arbeitete.

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Foto: *2)

Das konnte er, weil er immer wieder als Sachverständiger für hydrogeologische Fragen herangezogen wurde. Er reiste nach Venezuela und Chile. Er untersuchte in Teneriffa die Gase in Wasserstollen, fand archäologische Stätten und Felszeichnungen der Guanchen und entdeckte neue Echsenarten. Die Riesenechse aus La Gomera trägt seinen Namen, Gallotia bravoana. Auch der höchste Wanderweg Spaniens auf die Spitze des Teide ist nach ihm benannt.

Als 1971 der Vulkan Teneguía auf La Palma ausbrach, war er selbstverständlich der erste Mann vor Ort. Er konnte die Bevölkerung beruhigen, dass es kein gefährlicher Ausbruch war. Er hatte den Ausbruch sogar vorhergesagt. Bei einem Kongress in Madrid sagte er zu einem Kollegen: „Wenn wir zurückkommen, werden wir einen Vulkanausbruch sehen. Irgendetwas Seltsames geht dort vor, im Süden von La Palma oder im Süden von Teneriffa.“ Auch beim Erdbeben von 1989 zwischen Teneriffa und Gran Canaria stellte er sofort fest, dass es ein tektonisches und kein vulkanisches Beben war und damit ungefährlich.

deslizamiento_fundacionTelesforo Bravo war auch an der Ausarbeitung des kanarischen Wassergesetzes von 1985 beteiligt. 1996 erschien sein größtes Werk, die Arbeit über die Gravitationsabrutschungen, durch die die Täler von La Orotava, Güímar und Icod entstanden waren, ist heute von allen Geologen anerkannt. Zu seinen zahlreichen Auszeichnungen kam 2001 noch die Ernennung zum Ehrenbürger Teneriffas durch die Inselregierung hinzu. In seinen letzten Lebensjahren klagte er immer wieder öffentlich den nachlässigen Umgang mit der Natur und die Zerstörung der einzigartigen kanarischen Ökosysteme an.

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Foto: *1

Sein Herz blieb stehen an einem warmen Tag mit Calima am 7. Januar 2002, als er gerade ein Buch aus seiner reichen Bibliothek nehmen wollte. Er starb bei einer seiner Lieblingstätigkeiten, nämlich sein großes Wissen noch zu erweitern. Einer seiner Lebensträume erfüllte sich nicht, viele Jahre lang hatte er sich vergebens für die Einrichtung eines vulkanologischen Forschungszentrum auf den Kanaren eingesetzt.

Es dauerte mehr als zehn Jahre, bis sein Enkel Jaime Coello das Lebenswerk seines Großvaters der Öffentlichkeit vorstellen konnte. Hunderte von Arbeiten und Briefen, Zeichnungen und Statistiken mussten gesichtet, registriert und geordnet werden. Die von ihm gegründete Stiftung erfüllt den Zweck, nicht nur die wissenschaftliche Arbeiten vorzustellen, sondern auch weitere Projekte der geologischen Forschung zu ermöglichen.

„Es war einmal, in dieser Stadt am Meer und im Schatten des Vulkans, ein Mann, der den Steinen zuhörte.“ So beginnt ein Dokumentarfilm über das Leben von Telesforo Bravo, der 2015 mit Unterstützung der Fundación CajaCanarias gedreht wurde. Sein Enkel erzählt darin die gesamte Lebensgeschichte und immense wissenschaftliche Arbeit, die viel zu wenig gewürdigt wurde. (Auch wer wenig spanisch versteht, wird dem Film folgen können. Er zeigt alle hier beschriebenen Leistungen und Arbeiten Bravos und viele schöne Landschaftsaufnahmen.)

fundacion_fundacionIn letzter Zeit setzt sich die Stiftung mit ihrer Aktion #pasasinhuella in den Medien stark gegen Vandalismus in der Natur ein und klagt das Bemalen von Steinen und das Errichten von Steinmännchen überall auf der Insel an. Diese Unsitte hat stark zugenommen:

In diesem Artikel findest du ein anderes Video von #pasasinhuella über die Landschaftszerstörung an der Küste von La Caleta: Auf Fels und Pflasterstein.

1903016_1Keine Straße ist in seiner Geburtsstadt nach Telesforo Bravo benannt. Nur vor dem Info-Stand der Nationalparkverwaltung neben dem Parador Nacional steht ein Denkmal. Doch er war und bleibt einer der größten Naturwissenschaftler Teneriffas. „Wir müssen den Steinen noch lange zuhören, sie haben uns noch viel zu erzählen.“

Fotos: *1) El Diario, *2) Fundación Coello Bravo


Artikel-Nr. 0-36-160

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