Der verfluchte Stein

Piedra Zanata

Es ist nur eines von vielen Museumsstücken und erregt kaum die Aufmerksamkeit der Besucher. Viel weniger als die Gefäße oder gar die Mumie, die an den Stätten der Guanchen-Siedlungen gefunden wurden. In einer Glasvitrine des Museums für Natur und Archäologie liegt der unscheinbare Stein Zanata, eine „Entdeckung“, die Kontroversen, Konfrontationen, Rücktritte und sogar einen Todesfall auslöste.

Gleich am Anfang der Abteilung über die Archäologie Teneriffas hängt an einem Gestell der unscheinbare Basaltbrocken, gerade mal 20 cm lang, der einst so viel Aufmerksamkeit erregte und den Weg für Theorien und Spekulationen über die Herkunft der kanarischen Ureinwohner öffnete. Er sei offenbar ein wichtiger Beweis für die Abstammung der Guanchen von nordafrikanischen Völkern. Aber offenbar ist er falsch – ein eklatanter Beweis für Geschichtsfälschung?

Er hat die Form eines Fisches, und mit viel Phantasie könnte man das Maul, die Kiemen und Flossen entdecken. Es gibt Spuren von Engobe, einer Tonmineralmasse, die darauf hindeuten, dass der Stein einmal bemalt war. Doch die Sensation ist, dass auf dem Stein, umrahmt von einer Fischform, eine Gravur von Schriftzeichen aus dem libysch-berberischen Alphabet zu finden ist. Das Museum widmet dem „Eckpfeiler der kanarischen Geschichte“ nicht einmal ein kleines Schild, keine Erklärung und kein Hinweis auf die Sensation. Die für den Besucher spannenderen Fundstücke liegen nebenan.

Gefunden wurde der Brocken angeblich im Sommer 1992 in einem Steinkreis am Fuße der Montaña de las Flores bei El Tanque, aber unklar ist von wem und wann genau. Die Tageszeitung „El País“ schreibt am 21. September 1992:

Die Entdeckung eines etwa 20 Zentimeter langen Steins mit einer Inschrift in Tifinagh-Schrift, die aus nur drei eingravierten Zeichen besteht, hat die kanarische Archäologie in diesen Tagen revolutioniert. Nach Angaben des Archäologischen und Ethnographischen Museums von Teneriffa, das den wertvollen Stein ausgestellt hat, „ist dies die größte Entdeckung in der Geschichte der Kanarischen Inseln über die Herkunft der ersten Siedler“. Diese, die Guanchen, waren der kurzen Höhlenbotschaft zufolge Berber, genauer gesagt Angehörige des Zanata-Stammes, und kamen vor mehr als 1.700 Jahren auf der Flucht vor der römischen Herrschaft in Nordafrika auf die Inseln.

Einige Wissenschaftler nannten ihr den „kanarischen Rosetta-Stein“, in Anlehnung an eine Stele aus dem Nildelta mit Gravuren, die wesentlich zur Entschlüsselung der ägyptischen Hieroglyphen beitrugen. Mit nur drei Zeichen wollte man jetzt die bis dahin geheimnisvolle Besiedelung der Inseln entschlüsseln.

Rafael Muñoz, Professor für arabische und islamische Studien an der Universität von La Laguna, war eine Autorität auf diesem Gebiet. Seine Studie kam zu dem Schluss, dass die Inschrift auf dem Stein die Buchstaben Z N T darstellen würden. Also würde diese Gravur zeigen, dass die ersten Bewohner der Kanarischen Inseln aus Nordafrika kamen und in Tifinagh mit einem Alphabet schrieben, das aus etwa 20 Zeichen bestand. Da in dieser Schrift nur Konsonanten, aber keine Vokale vorhanden sind, würde man das Wort als „Zanata“ aussprechen. Die Zanatas bilden den wichtigsten Stamm der Berber in Nordafrika. Somit sei dies ein zuverlässiger Beweis für die berberische Herkunft der Guanchen, man habe den „Personalausweis“ der Guanchen gefunden.

Die Vereinigung der Naturfreunde von Teneriffa (ATAN) schoss schnell dagegen und meldete ihre Zweifel an. Der erste ihrer Giftpfeile war, dass der Zanata-Stein an keinem historischen Fundort entdeckt worden sei. Es wurde nämlich bekannt, dass sein Fund das Ergebnis eines gewöhnlichen Sonntagsspaziergangs war, an dem einige Jäger in der Nähe der Montaña de Agua über ihn stolperten. Die acht Kilometer Entfernung, zu Fuß mehr als eineinhalb Stunden bis zur Montaña de las Flores, war einer der Widersprüche. Andere Hinweise sprachen von einem Fahrer der Umweltbehörde und einem Elektriker als den eigentlichen Entdeckern des Steins.

Rafael Muñoz hatte sicherlich Recht mit dem Titel des Prologs seiner Studie: „Zanata, ein umstrittener Stein“. Für ihn war er noch mehr als umstritten, er war verflucht. Muñoz erkrankte kurz darauf und starb am Ende seiner wissenschaftlichen Laufbahn nach einer Tortur über sich und den verfluchten Stein.

Die Tatsache, dass nicht einmal sicher war, wo der Stein gefunden wurde, eröffnete auch die Debatte darüber, ob es sich um einen glatten Betrug handeln würde oder nicht. Wenn schon der Fundort gelogen war, wer wusste dann, ob es wirklich ein echter Stein oder nur eine Fälschung war? Die Zweifel gefährdeten auch das Ansehen des Direktors des Archäologischen Museums, Rafael González Antón, der sich stark für den Wert des Zanata-Stein einsetzte. Die Situation wurde so kontrovers, dass die ATAN sogar González Antón wegen angeblicher Lügen vor Gericht brachte.

Trotz des medialen und juristischen Aufruhrs hält das Museum für Natur und Mensch, wie auch der Cabildo von Teneriffa, an der These fest, dass der Stein authentisch ist. Auf dem Ersten Internationalen Kongress über Mumien, der im Februar 2019 auf Teneriffa stattfand, wurde bekanntgegeben, dass es im Rahmen des Cronos-Projekts des Museums von Teneriffa gelungen ist, die DNA der Guanchen zu isolieren, und ein Vergleich mit der DNA der Berber wird möglicherweise die Abstammungstheorie weiter untermauern.

Doch selbst wenn der Stein von den Guanchen stammt, die Inschrift auf dem Stein ist falsch! So behaupten es zwei Spezialistinnen für libysch-berberische Schriften, Dr. Renata Springer Bunk und Doktorantin Irma Mora Aguiar, vom Lehrstuhl für Berberstudien an der Universität von La Laguna.

Sie untersuchten die drei Buchstaben z (ⵣ), n (ⵏ)und das t in Form eines Sternchens. Erstens ist der Anfangsbuchstabe ⵣ, mit einem phonologischen Wert von ‚z‘, eine recht junge Neuerung der libysch-berberischen Alphabete, die nur die traditionellen Tuareg-Alphabete, genannt Tifinagh, charakterisiert. Diese stammen aus dem 19. bis 20. Jahrhundert und beschränken sich auf die zentrale Sahara, also keinesfalls aus der Zeit der Guanchen. Denn die Inschrift auf dem Stein ist viel älter als das Tifinagh der Tuareg, wo sich der Buchstabe ⵣ unter den Hunderten von libysch-berberischen Tafeln der Tuareg nicht finden lässt, so dass seine Präsenz auf dem Zanata-Stein absolut unerklärlich ist.

Zweitens ist die Verwendung von Buchstabenverbindungen, so genannten Ligaturen, die in der Tuareg-Schrift üblich sind, in den alten libyschen Inschriften noch nicht dokumentiert. Darüber hinaus existiert die Verbindung ⵣⵏ (zn), die angeblich der Zanata-Stein trägt, in Tifinagh nicht, dort gibt es nur die Verbindung nz dieser Buchstaben. Außerdem verhindern die Rechtschreibregeln dieser Schrift das Vorhandensein eines Vokals innerhalb einer Ligatur. Zwischen dem z und dem n könnte man also niemals ein a lesen, also ist das Lesen von z(a)nata absolut unmöglich.

Drittens findet sich das Graphem für ein t in Form eines Sternchens nicht in libysch-berberischen Inschriften, von denen die Professorin 1500 Quellen untersucht hat. Im Gegenteil: alle Alphabete dieser Familie verwenden das Zeichen in Form eines Kreuzes (ⵜ, ⵝ) zur Darstellung des t.

Außerdem sind die Aspekte der handwerklichen Ausführung zweifelhaft. Die unteren Striche des Zeichens ⵣ sind zu rund, kurz und dünn, als dass sie mit einem Instrument aus Stein ausgeführt worden wären. Eine solche Präzision scheint einer Metallkante zu entsprechen, und bekanntlich verfügten die Ureinwohner der Inseln nicht über Metallwerkzeuge.

Die Hypothese der Zanata entbehrt also jeder linguistischen und wissenschaftlichen Grundlage. Doch wer hat dann die Zeichen in den Stein geritzt? War es nur eine Spielerei oder eine bewusste Geschichtsfälschung? Sind die roten Spuren von Ton tatsächlich von Menschen aufgebracht oder einfach nur roter Dreck? Wer wollte damit Aufsehen erregen oder seine Karriere beflügeln? Und warum sollte der Stein die Form eines Fisches haben, wo doch die Guanchen gar keine Fischer waren?

Die jetzige Professorin am Lehrstuhl für arabische und islamische Studien an der Universität von La Laguna, Maravillas Aguiar, sagt: „Der Zanata-Stein mag eine große Lüge oder eine große Wahrheit sein, wir wissen es nicht, aber wir müssen es herausfinden, weil wir die Pflicht haben, die Herkunft unseres Guanchen-Volkes zu kennen.“ Unter ihrer Leitung sollen nun Experten aus den USA den Stein neu untersuchen. Mit der Technik der Infrarot-Thermographie könnte man Spuren und Zeichen entdecken, die mit der Zeit verschwunden sind und für das menschliche Augen und für Mikroskope unsichtbar sind. Dafür müsste der verfluchte Stein aber möglicherweise in die USA reisen…

Für das Weingut Viña Zanata in La Guancha war der verfluchte Stein eine Inspiration zur Namensgebung. „Es war, als würde man den Ursprung finden und verstehen, dass dieser Name im Einklang mit dem Altertum der Kultur steht, die jeder Tropfen unseres Weins enthält.“ Viña Zanata produziert auf 10 ha Fläche etwa 150 000 Liter jährlich, die Weinfelder liegen in ganz unterschiedlichen Höhen, sogar bis auf 1400m Meereshöhe. Es wurde 1893 gegründet, die Weinkeller gehören zu einem 500 Jahre alten kanarischen Haus. Der Wein wird u.a. auch in Deutschland als Direktvermarktung verkauft. https://www.zanata.net


Artikel-Nr. 0-42-180

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