Fest auf der Erde

Casas terreras

Ein richtiges Haus muss aus Stein sein und fest auf der Erde stehen. Es muss praktisch sein und die Grundfunktionen für alle Wohnbedürfnisse liefern, egal ob in der Stadt, in einem Dorf oder frei und abgelegen.

Das Wort „Terrera“ ist außerhalb der Kanaren so gut wie unbekannt. Hier bezeichnet es ein einstöckiges Haus, das vor allem in den ländlichen Gebieten typisch ist. Diese im Allgemeinen einfach gebauten Häuser sind tief in der traditionellen kanarischen Architektur verwurzelt und werden meist von einer ganzen Familie bewohnt.

Die Terreras sind ein wesentlicher Bestandteil des kulturellen Erbes und ein Symbol für Heimat, Geschichte und Anpassung an die Umgebung. Es handelt sich immer um einfache Gebäude, oft mit Innenhof und Dachterrasse, die den Lebensstil vergangener Zeiten widerspiegeln.

Sie erlebten Ende des 19. Jahrhunderts einen Aufschwung und wurden bis Mitte des 20. Jahrhunderts erbaut, wobei sie sich später in der Stadt als typische Wohnhäuser für Arbeiterfamilien etablierten. In La Laguna lebten bis 1950 mindestens ein Drittel der Einwohner in solchen Casas Terreras.

Ein typischer Grundriss könnte so aussehen. Vom Eingang kommt man durch einen Flur (Zaguan) in eine kleine Empfangshalle, die auch als Ladenlokal oder Werkstatt dienen konnte. Von dort geht man in den Innenhof (Patio) oder das Wohnzimmer. Am anderen Ende des Patio befinden sich die Küche und das Bad. Es gibt mehrere Schlafräume, je nachdem wie groß die Familie ist. Oft gibt es im hinteren Teil noch einen, teils halboffenen Raum für die Hühner und die Ziegen.

Es gibt aber auch L-förmige Gebäude, wie z.B. in diesem traditionellen Haus in einem alten Siedlungskern in Granadilla, dem Weiler Sobre La Fuente (siehe Artikel An der Quelle des Lebens).

Eine Terrera wird immer aus lokalen Materialien wie Lehm, Stein und Holz erbaut, was die Sparsamkeit und die Notwendigkeit einer schnellen Bauweise widerspiegelte. Die Übersetzung von Casa terrera als Lehmhaus ist nicht ganz korrekt, denn es werden immer Natursteine verwendet, die außen nicht unbedingt mit Lehm verputzt sein müssen. Später verwendete man auch „bloques“, also Kunststeine aus Beton.

Die Baumeister und Handwerker mussten der geforderten Architektur mit bescheidenen und kostengünstigen Materialien gerecht werden. Dafür standen ihnen Steine vulkanischen Ursprungs, Lehm und Kalk zur Verfügung. Letzterer war auf den Inseln immer knapp und teuer und auch der Grund, warum viele Häuser nicht verputzt wurden. Der Rohkalk wurde aufwendig hertransportiert, meist von Fuerteventura, und hier verarbeitet. Lies dazu den Artikel Steine verbrennen. Wenn es außen verputzt und bemalt ist, lässt man oft dekorative Steine an den Ecken oder der Fassade frei. Besonders die Ecksteine (almenas) verfolgten noch einen anderen Zweck: Je größer und massiver sie waren, desto wohlhabender war der Erbauer. So konnte man seinen sozialen Status hervorheben und ein bisschen mit dem Reichtum „angeben“.

Ein weiteres wichtiges Baumaterial war natürlich das Holz, das auf den westlichen Inseln reichlich vorhanden ist und eine Baumart von außergewöhnlicher Qualität aufweist: die Kanarische Kiefer. Balkone, Fenster, Türen und Laubengänge aus Tea (das Kernholz der Kiefer) überdauern Jahrhunderte und erfordern praktische keine Erhaltungsmaßnahmen.

Neben Stein und Holz darf auch die Wirkung der weiß getünchten Wände nicht vergessen werden, die durch zwei Elemente einen wirkungsvollen Kontrast schaffen: den Verzicht auf glatte und ebene Oberflächen, verbunden mit dem Bestreben, den Effekt des Lichts beim Auftreffen auf Unebenheiten zu nutzen, und die Farbe, in einer reduzierten Palette, die das Weiß im Außenbereich durch einfache Zusätze (Ocker, Indigo, Cochenille usw.) abmildert oder nuanciert. Die Farbkombinationen waren in früheren Zeiten stets ausgewogen, erst Mitte des 20. Jahrhunderts begann man auch damit, durch kräftige Farben „aufzufallen“.

Das Haus passt sich der Umgebung an bietet in seinem typischen Aufbau die gewünschte Funktionalität. Besonders in den Dörfern oder Bauernsiedlungen kann es auch eine Veranda oder einen überdachten Vorraum mit Geländer haben. Es kann eine Dachterrasse geben, oder ein zwei- oder vierseitiges Ziegeldach. Die Form des Daches hängt unter anderem auch mit den klimatischen Bedingungen der Gegend zusammen. In regenreichen Zonen musste man auf die Dachkonstruktion besonderen Wert legen. In ländlichen Gebieten stehen die Gebäude entweder einzeln oder bilden Weiler mit mehr oder weniger dichter Bebauung. Es handelt sich um absolut zweckmäßige Bauten ohne jeglichen Schnickschnack, die im Gegensatz zur städtischen Welt keine kunstvollen Elemente aufweisen. Es gibt keine Verzierungen, keine Ausschmückungen; Schlichtheit und Nüchternheit sind ihre Markenzeichen. Sie bieten kostengünstige und einfache Lösungen, bei denen Haltbarkeit und Sicherheit im Vordergrund stehen.

Ein schönes Beispiel für solche ländlichen Weiler findet man im Ecomuseo von El Tanque oder im benachbarten Partidos de Franchi, wo ein solcher zu einem hübschen Landhotel ausgebaut wurde (siehe Artikel Im Getreideland).

Diese einstöckigen Gebäude bildeten zusammen mit Höhlen, Hütten sowie Häusern mit Ober- und Untergeschoss die vier häufigsten Wohnformen. Doch trotz ihres ländlichen Ursprungs integrierten sie sich im Laufe der Zeit in Siedlungen, die näher an den Küsten des Archipels lagen, und wurden zum bescheidenen Familienwohnsitz vieler Fischer und Hafenarbeiter. Dieses Phänomen war an fast allen Küsten der Inseln zu beobachten, auch in der Hauptstadt Santa Cruz. Auch in den Städten breiteten sich im 19. und anfangs des 20. Jahrhunderts diese quaderförmigen Strukturen aus, auf einem rechteckigen oder quadratischen Grundstück.

In den Stadtkernen führten Platzmangel, also die Lage zwischen Grundstücksgrenzen, die einheitliche Fläche der Baugrundstücke und die schon früh erlassenen kommunalen Bauvorschriften dazu, dass die Typologie der Wohnhäuser nur wenige Variationen zuließ. Sie wurden mit denselben Materialien und Techniken wie Landhäuser gebaut und waren um einen zentralen, seitlichen oder hinteren Innenhof (letzterer diente als Gemüsegarten oder Hinterhof) angeordnet, der für Licht und Belüftung sorgte und gleichzeitig die Privatsphäre des Familienlebens sowie die Verbindung zwischen den verschiedenen Wohnräumen gewährte.

Ganze Straßenzüge sind oft mit Casas terreras bebaut, und die Häuser reihen sich lückenlos aneinander. In Santa Cruz gibt es auch die „Ciudadelas“, wo sich in einer schmalen Sackgasse die Terreras zu einer architektonischen Einheit zusammenfügen, verbunden mit einer sozialen Einheit in der Arbeitergesellschaft. Das Bild aus dem Jahr 1924 zeigt die Rambla del Pulido, wo sich über lange Strecken die Terreras aneinander reihten.

Ihr wahrer Wert ist eher historischer als künstlerischer Natur. Ästhetisch sind sie wenig spektakulär. Historisch gesehen sind sie jedoch ein unersetzliches materielles Zeugnis dafür, wie der Großteil der Bevölkerung seit dem 16. Jahrhundert lebte. Sie sind ein wahres städtisches Relikt.

Auf dem Land findet man immer wieder aufwändig restaurierte Exemplare, die von Immobilienmaklern an finanzkräftige Investoren vermittelt werden, die es schick finden in einem alten Haus, aber mit super-moderner Ausstattung zu wohnen.

Die Ansprüche an ein Wohnhaus in der Stadt haben sich aber grundlegend geändert. Für die architektonische Zukunft einer Casa Terrera gibt es dort vielleicht nur zwei Möglichkeiten: Entweder das Haus wird verlassen, verrottet, zerfällt, bricht irgendwann von alleine zusammen oder wird abgerissen. Oder – wenn es sich noch in einem einigermaßen nutzbaren Zustand befindet – es wird durch einen Investor restauriert, der zwar die Fassade zu erhält, aber das Innere zu einer Galerie, einem schicken Restaurant oder einer Modeboutique umbaut. Ist es dann eine Mogelpackung oder ein Versuch, das historische Kulturerbe zu erhalten?



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