Wahrheit und Fälschung.
La Victoria de Acentejo ist eine kleine Gemeinde im Norden der Insel. Viel zu bieten hat sie nicht, keine Strände und keine Sehenswürdigkeiten, vom Tourismus noch unentdeckt. Ihr Name, „der Sieg“, soll auf die letzte Schlacht der Eroberer hinweisen, bei dem die Guanchen endgültig besiegt wurden. Doch es scheint, als ob es sich bei diesem Sieg um eine gewaltige Fälschung der Geschichte handelt.

Die Gemeinde La Victoria de Asentejo hat heute knapp über 9000 Einwohner. Es ist ein schmaler Streifen Land mit 18 km² Fläche, das vom Meer bis zum zentralen Bergrücken der Insel reicht. Die Hauptstraße TF-217 durch die Gemeinde ist nur 2,3 km lang.
Der Landschaftsbegriff Asentejo stammt aus der Sprache der Guanchen (A-s-n-tehunt) und sollte eigentlich mit s geschrieben werden. Aber das ist eine kleine, unbedeutende Verfälschung, und nachdem das c hier ohnehin wie ein s gesprochen wird, nicht wirklich ein Problem.
„Auf dem Gebiet der heutigen Stadt La Victoria besiegten die kastilischen Truppen am 25. Dezember 1495 in der 2. Schlacht von Acentejo die einheimischen Guanchen endgültig und benannten den neu gegründeten Ort nach ihrem Sieg.“ So steht es in Wikipedia. Auf der offiziellen Website der Stadtverwaltung liest man: „Nach stundenlangen Kämpfen wurden die Guanchen besiegt, und die Kastilier riefen Victoria, Victoria!“




Richtig ist, dass im Mai 1494 ganz in der Nähe eine Schlacht stattfand, bei der die spanischen Eroberer vernichtend geschlagen wurden. Dieser Ort heißt zurecht La Matanza de Acentejo. Direkt neben der Autobahn erinnert ein Wandgemälde an dieses historische Ereignis. Der siegreiche Guanche bläst triumphierend in seine Muschelschale, während der Spanier in seiner Ritterrüstung am Boden liegt.
Die Stadt La Matanza hat schon seit 1994 ein Projekt in der Schublade für ein Sieges-Museum, das so genannte CIBBA (Centro de Interpretación de la Batalla y el Barranco de Acentejo). Doch weder vom Inselrat noch von der Kanarischen Regierung gab es finanzielle Zuwendungen. Jetzt versucht es die Stadtverwaltung aus eigener Kraft, aber das dauert. Wann das 2000 m² große Gebäude eröffnet werden kann, steht noch nicht fest.
Der Historiker Eduardo Espinosa de los Monteros y Moas aus Icod de los Vinos hat nach vielen Jahren der Forschung und der Analyse alter Eroberungstexte und notarieller Daten eine großartige Studie erarbeitet („El real de Ycoden y el postrero de la conquista“ Ycod-1989, Litografía Romero, S.A., D.L. Tf. 1.648-1989), die 1990 im Centro Icodense von der Vereinigung zur Verteidigung des historischen Erbes von Ycod vorgestellt wurde und in der die historischen Fakten und Dokumente ausführlich analysiert werden, um zu beweisen, dass in La Victoria der von den Spaniern gefeierte „Sieg von Asentejo“ nie existiert hat. Deshalb habe La Victoria seinen Namen völlig zu Unrecht.




Die Untersuchung von Eduardo befasst sich mit einer Erfindung des Dominikanermönchs Fray Alonso de Espinosa, der in einem nach der Eroberung verfassten Buch aus dem Jahr 1594 („Historia de nuestra señora la virgen de Candelaria“) behauptet, dass Alonso de Lugo nach der Schlacht von Aguere (La Laguna) mit seinem Heer nach La Orotava marschierte, ohne dass die Guanchen sich ihm widersetzten. „Von hier aus plünderten die Eroberer, bis die Guanchen an einem Punkt in Acentejo in der Nähe des Ortes, an dem die erste Schlacht stattgefunden hatte, eine Schlacht schlugen, wobei die meisten von ihnen besiegt und getötet wurden und der Sieg von ihren Feinden besungen wurde, nachdem sie fast den ganzen Tag gekämpft hatten.“
Dies ist jedoch möglicherweise keine wahre Begebenheit, sondern eine von dem Mönch erfundene Geschichte. Denn in einem anderen Zitat des Mönchs heißt es: „Er (Alonso de Lugo) zog mit seinem Lager die Straße von Orotava entlang, mit besserem Erfolg als beim ersten Mal, ohne auf viel Widerstand zu stoßen, bis er sein königliches Lager an dem Ort aufschlug, der Realejo genannt wird.“ Dies würde bedeuten, dass es keinen zweiten Krieg mehr gab. Der Name des Dorfes, La Victoria de Acentejo ist kein Beweis dafür, dass die Konquistadoren in der Umgebung tatsächlich einen Sieg über die Guanchen errungen hatten. In Wirklichkeit hatten sich die Guanchen in dieser Gegend freiwillig ergeben.

Sogar das Wappen der Stadt zeigt eine Erinnerung an den angeblichen Sieg. Im rechten Teil sieht man das spanische Schwert und den Kampfstock der Guanchen, die die Schlacht symbolisieren sollen, dazwischen einen Olivenzweig, der für den Frieden steht.
Andere Geschichtsschreiber glaubten die Erzählung des Dominikanermönchs und gingen gar so noch weiter, indem sie behaupteten, dass mit dieser Schlacht die militärische Eroberung der Insel zu Ende ging. Auch dies ist eine Lüge. Denn der Widerstand der Guanchen ging noch viele Jahre lang heftig weiter, vor allem im Königreich von Daute-Ycoden und im Süden der Insel. Dort zogen sich Guanchen-Truppen auf dem Berg Ichasagua zurück, der heute El Conde genannt wird. Sie wollten die Verträge des abtrünnigen Menceys von Adeje nicht akzeptieren und weiter kämpfen.
Da es den Spaniern nicht gelungen war, das Gebiet von Ycoden zu erobern, heuerten sie den flämischen Söldner Jorge Grimón an, der mit Feuerwaffen die Guanchen Jahre lang bekämpfte, bis der Widerstand der Aufständischen allmählich schwand. Aus Dokumenten geht hervor, dass dieser Krieg erst im Jahr 1506 begann, also mehr als zehn Jahre nach der „siegreichen“ Schlacht von La Victoria.
Der Historiker Eduardo Espinosa konnte an Hand vieler Untersuchungen nachweisen, dass der letzte Widerstand der Guanchen im Menceyat von Daute stattfand, und er bringt eine Vielzahl von Dokumenten ans Licht, die die spanischen Historiker nicht entstauben wollten, um den Mythos eines Siegs in Acentejo nicht zu zerstören, der nur im Buch des Dominikanermönchs existiert hat. Nach all diesen Forschungen ist es sehr zweifelhaft, ob die berühmte „zweite Schlacht von Acentejo“ jemals stattgefunden hat.




Streng genommen müsste dann sogar der Name La Victoria – und damit auch die Gemeinde – von der Landkarte verschwinden. Das gesamte Gebiet müsste eigentlich in einem Ort La Matanza de Asentejo zusammengefasst werden, um der historischen Wahrheit gerecht zu werden.
Nicht verschwinden darf dagegen der Name der Gemeinde La Guancha, denn dorthin zogen sich allerletzten besiegten Guanchen zurück, nachdem sie in Daute-Ycoden besiegt wurden. Es ist der einzige Ortsname auf der Insel, der noch direkt an die Ureinwohner erinnert.
Der Name Guanche ist jedoch heute noch ganz offiziell anzutreffen: 1300 auf den Kanaren gebürtige Personen tragen den Nachnamen Guanche.
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Mehr über die Guanchen gibt es hier: Die neun Könige, Die Höhle des Königs.
Eine andere Namensfälschung findest du in diesem Artikel: Unter falschem Namen.
Artikel-Nr. 20-0BEC5F9B
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