Die Lagune (I)
Uralte Erzählungen und historische Legenden faszinieren uns immer wieder, wir zweifeln am Wahrheitsgehalt oder forschen mit wissenschaftlichem Eifer. Vieles verschwindet im geheimnisvollen Nebel der Vergangenheit. So auch die Geschichte über das Boot, das einst einmal über den See von La Laguna gefahren sein soll.
Dass der Name der heutigen Stadt San Cristóbal de La Laguna von einem ehemaligen See herrührt, einer „Lagune“ ist unbestritten. Es dürfte aber kein ganzjährig offenes Gewässer gewesen sein, sondern eher eine flache Sumpflandschaft, die sich nur episodisch mit Wasser füllte und nach und nach trockengelegt wurde.
Im Jahr 1588 zeichnete Leonardo Torriani, Ingenieur des Königs Felipe II, einen Stadtplan von La Laguna, in dem der damalige See deutlich zu erkennen ist. Guillermo Padilla legte diesen See an der richtigen Stelle in das Luftbild der heutigen Stadt. Laut der Zeichnung von Torriani hätte der See einen Umfang von etwa zwei Kilometer und eine Fläche von 27 ha gehabt.



Fische gab es wahrscheinlich keine, wie aus einem Bericht Mitte des 17. Jahrhunderts hervorgeht:
Von der Hitze erschöpft ruhten sich die Soldaten zwei Stunden lang in der wunderschönen Vega de La Laguna aus; die Lagune war sehr wasserreich, und da sie annahmen, dass sie einige Fische beherberge, suchten sie zur Unterhaltung nach einer Methode, um einige zu fangen; und so gut es ging, bastelten sie einige Angelhaken, befestigten diese an Stangen und Schilfrohr und warfen sie ins Wasser; und als sie glaubten, Aale oder andere Fische zu fangen, wurden sie getäuscht, sie ernteten nur Schlamm oder Schlick, denn außer Fröschen lebten dort keine anderen Tiere.

Aber wo einmal der See war, könnte es ja auch Boote gegeben haben, mit denen man übers Wasser fuhr. Ein idyllisches Bild, dessen Quelle unbekannt ist, zeigt ein Boot, das angeblich Franziskanermönche auf ihren kurzen Fahrten zwischen den Klöstern San Francisco und San Diego beförderte.

Dieses Bild erinnert an ein anderes, das 14 irische Mönche unter Führung von San Brandan zeigt, der sich schon 1000 Jahre vor der spanischen Eroberung der Kanaren auf den Weg machte, in den Weiten des Atlantiks das irdische Paradies zu finden. Im 10. oder 11. Jahrhundert wurde diese Reise auch schriftlich festgehalten. Er soll angeblich eine Geisterinsel gesehen haben, vielleicht Teneriffa.
Doch dazwischen liegen viele Jahrhunderte und viele Spekulationen. Bei all den Historikern und Forschern dieser Insel findet sich nirgends ein Hinweis auf die Legende mit dem Boot der Franziskaner, sodass diese Erzählungen wohl eher in einem literarischen Kontext zu sehen sind, in der Phantasie von Autoren, die von der Landschaft der Lagune verzaubert waren oder von ähnlichen Gegenden, in denen es tatsächlich solche Flussfahrten mit dem Boot durch Mitglieder religiöser Orden und des Adels gab.
Ein Fünkchen Wahrheit findet man im Jahr 1657. Am 30. April dieses Jahres tauchte die mächtige Flotte des britischen Admirals Robert Blake mit 23 Kanonenschiffen vor der Küste von Santa Cruz auf um die Insel einzunehmen. Die Engländer zerstörten die spanische Handelsflotte komplett, aber die Spanier hatten vorher alle aus Amerika geraubten Silberschätze ins Landesinnere nach La Laguna gebracht. Sie verbrannten sogar ihre eigenen Schiffe, damit sie nicht in die Hände der Engländer fielen. Diese zogen schließlich ohne die erhofften Schätze ab.




Am Rande dieses kriegerischen Ereignisses gab es eine kleine Episode, als sich drei englische Boote der Küste näherten, um eines der spanischen Schiffe zu kapern, die am Ufer der damaligen Huerta de los Melones lagen – einem Gebiet, das heute von der Kaserne Almeyda und einem Teil der Avenida Francisco La Roche (Avenida de Anaga) eingenommen wird. Die spanische Truppe unter Don Cristóbal Lordelo verteidigte sich jedoch mit großem Mut und unter reichlichem Kugelhagel und kaperte schließlich ein englisches Boot. Die Soldaten brachten das Boot an Land, Lordelo übergab es dem Statthalter von La Laguna, und es wurde von Pater Sebastián de Sanabria in Empfang genommen.
Die menschlichen und materiellen Verluste der Schlacht waren enorm. Trotzdem bekam Lordelo später vom spanischen König für seine mutige Verteidigung eine lebenslange Zuwendung von 25 Dukaten monatlich.
Das besagte Boot kam jedenfalls nach La Laguna und wurde – so behauptet die Legende – dort auf dem See von den Mönchen benutzt. Professor Constantino Criado von der Universität La Laguna bezweifelt dies. Er hat 2002 eine fundierte und aufschlussreiche Studie durchgeführt, in der er die Schwierigkeiten der Schifffahrt auf dieser Seefläche darlegt und darauf hinweist, dass die Lagune sehr flach war, nur 80 cm tief, und dass sich ihre Oberfläche zudem im Laufe des Jahres stark verändert haben dürfte, weshalb die Durchquerung der Lagune mit dem Boot mehr Probleme bereiten würde als ihre Umrundung.

Die Schenkung des Boots an die Pfarrei war sicherlich einerseits ein Akt der Dankbarkeit, aber auch ein Hilfsangebot für die Mönche, in besonderen Notfallsituationen ein Transportmittel zur Verfügung zu haben. Tatsächlich kam es immer wieder zu Hochwasser und Überschwemmungen, denn der Abfluss der Lagune war sehr flach und oft verstopft. Solche Ereignisse sind in den Aufzeichnungen des Klosters mehrfach dokumentiert, 1666, 1710 und 1730. Auch bei der großen Sintflut im Jahr 1826 überschwemmte der See die Stadt. Allerdings dürfte es 200 Jahre später nicht mehr dasselbe Boot gewesen sein, das den Mönchen geschenkt wurde. Und außerdem bestätigen Aufzeichnungen aus dem 17. Jahrhundert, dass die Lagune auch ab und zu austrocknete. Das Bild zeigt eine Überschwemmung im Jahr 1977.
Es gibt einen weiteren Hinweis, der die Richtigkeit der Legende belegen soll: Der Ortsname „Muelle de los Frailes“ (Mole der Mönche), Überreste einer Mauer aus losen Steinen, die an der Kreuzung der Straßen Rodríguez Moure (allgemein als Calle Remojo, „nasse Straße“ bekannt) und der Avenida de Silverio Alonso stand und an der die Ordensbrüder die Boote festmachten, mit denen sie die Lagune überquerten, wenn sie vom Kloster in die Stadt kamen. Die Existenz eines solchen Anlegeplatzes wurde anhand alter Aufzeichnungen aus dem Raum La Laguna bestätigt.


Der Traum vom Boot, das einmal über die Lagune fuhr, wird auch genährt vom Bericht einer Person, die dieses (bzw. ein solches) Ende des 19. Jahrhunderts mit eigenen Augen gesehen hat: Die britische Reisende und Schriftstellerin Olivia Mary Stone (1856–ca. 1898), persönliche Freundin des Vizekonsuls John Howard Edwards (1830–1891) schrieb dazu Folgendes:
„Auf der einen Seite [von La Laguna] wurde ein Kloster errichtet und auf der anderen das Dorf, und bis vor etwa hundert Jahren, als die Mönche vertrieben wurden, überquerten sie den Fluss gewöhnlich mit dem Boot. Das letzte noch benutzte Boot, das dem irischen Carrocín sehr ähnlich ist, befindet sich heute im Besitz eines Schmieds, der es als Behälter zum Abkühlen der Eisen verwendet. Herr Edwards, der das Boot gesehen hat, erzählte uns, er habe ihm eine Pfeife als Tausch angeboten und das Angebot sei angenommen worden. Leider war der Tausch jedoch noch nicht vollzogen worden. Wir hoffen, dass dieses so interessante Relikt noch aus barbarischen Händen gerettet werden kann.“
Es ist unklar, ob diese Transaktion tatsächlich vollzogen wurde und der Konsul das Boot für seine Privatsammlung erwarb. Auch über die Identität des Schmieds ist nichts bekannt. Dieser hatte das Klosterboot vielleicht bei einer der Auktionen erworben, die Mitte des 19. Jahrhunderts im Zuge der Säkularisierung durchgeführt wurden.


In einer Zeichnung des deutschen Wissenschaftlers Leopold von Busch erscheint 1814 der See schon in einem sehr geschrumpften Zustand. Endgültig trocknete er im Jahr 1837 aus, und die Klosterbrüder konnten mit einem Boot nichts mehr anfangen. Der Prozess wurde 1839 nach einem offiziellen Eingriff des Kommandos der Militäringenieure abgeschlossen, die mittels eines Kanals in Richtung Barranco de la Carnicería und Barranco Santos das Gelände entwässerten und planierten. Boote gab es dann definitiv keine mehr. Eine Postkarte aus dem Jahr 1910 zeigt den See, den es zu diesem Zeitpunkt längst nicht mehr gab.
Wie auch immer, bei all diesen Booten kann es sich nicht um das originale, von den Engländern erbeutete handeln. Und ob all diese Boote jemals über den See von La Laguna gefahren sind ist vielleicht eine Legende, vielleicht aber auch eine wahre Begebenheit.
Artikel-Nr. 17-0A266CAD
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