Piratengeschichten

Amaro Pargo – Wohltäter oder Verbrecher?

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Teneriffa als Pirateninsel zu bezeichnen, wäre vielleicht etwas übertrieben. Aber die Lage an wichtigen Handelsrouten des 17. und 18. Jahrhunderts und die vielen unzugänglichen Küsten, Schluchten und Höhlen machten die Insel zu einem geradezu idealen Aufenthaltsort für Piraten. Piraten für ihre Feinde, Korsaren für die Unterstützer, davon gab es viele, aber keiner war so berühmt wie Amaro Pargo, der völlig legal im Dienste des Königs fremde Schiffe überfallen durfte. Amaro Rodríguez-Felipe y Tejera wurde am 3. Mai 1678 in La Laguna geboren und lebte in der vornehmsten Straße der Stadt, der heutigen Calle San Agustín, im Haus Nr. 5, das aber nicht mehr existiert. Unter seinen Geschwistern waren drei Nonnen des Klosters Santa Catalina.

Schon als junger Mann hat Amaro auf den königlichen Galeeren angeheuert und konnte dort seine Geschicklichkeit bei der Navigation beweisen. Mitten in einer Schlacht gab er seinem Kapitän den entscheidenden Hinweis für ein Manöver, das zur Übernahme des feindlichen Schiffes führte. Dieser Umstand machte den Weg frei für seine weitere Karriere, und er bekam eine solide seemännische und finanzwirtschaftliche Ausbildung. Seinen Namen Amaro Pargo bekam er, weil er immer die Angriffstechnik dieses Fisches bewunderte (pargo = Sackbrase, Raubfisch des Mittelmeers und östlichen Atlantiks) und sie auf seine eigenen Angriffe übertrug.

Auf seinen Reisen war er zwischen Mittelamerika und Genua unterwegs, er handelte mit kubanischem Tabak, venezolanischem Kakao, englischen Stoffen, afrikanischen Sklaven und seinem eigenen Schnaps, denn er besaß mehrere Brennereien auf Teneriffa. 1610065Seine Flotte bestand aus neun Schiffen, insbesondere die mit 24 Kanonen bestückte Galeere „El Clavel“, die in La Caleta bei Icod de los Vinos gebaut wurden und eines Tages bei den Einfahrt in den Hafen von Havanna unterging. Nicht nur durch den Handel, sondern auch durch zahlreiche brutale Überfälle auf englische oder holländische Schiffe sammelte er im Laufe der Jahre riesige Reichtümer an in Form von Geld, Schmuck oder Metallen. Er besaß 60 Häuser und 900 Grundstücke auf Teneriffa.

Sein Haus in Roque Bermejo an der Spitze des Anaga lag an einer Bucht, die einen hervorragenden Ankerplatz für Schiffe bietet, und ein fruchtbares Hinterland mit ausreichend Wasser. In Punta del Hidalgo lag sein Anwesen ebenfalls an einer geschützten Bucht. Dort gab es eine 88 m lange Höhle mit Verbindung zum Meer, wo er angeblich seine Schätze versteckt hatte. Die Höhle wurde in die Luft gesprengt, aber man hat nichts gefunden.

An einem weiteren strategischen Punkt der Insel findet man heute noch eines seiner Häuser, die „Casa del Pirata“ im Ort Machado im Municipio von El Rosario. Es liegt weit ab vom Meer, aber auf einer Anhöhe, von der aus man die gesamte Küste zwischen Santa Cruz und Candelaria beobachten konnte. Dieses große Gehöft ist leider komplett zerstört, denn auch hier waren Schatzsucher am Werk. Bis 1975 war das Haus bewohnt von einem gewissen Felipe Trujillo, der im Alter von 99 Jahren starb. Er hatte mehrfach erzählt, dass er ein direkter Nachfahre von Amaro Pargo sei und dass hier irgendwo ein Schatz versteckt sein könnte.

Vom Dach sind nur noch wenige Balken und ein paar Ziegel erhalten, die eingestürzten Mauern sind von Gestrüpp und Opuntien überwuchert. Man kann zwei Öfen ausmachen, und vor dem Haus gibt es einen gut erhaltenen, gepflasterten Dreschplatz und einen Brunnen. Das Brunnenloch ist mit einer Palette bedeckt, damit niemand hineinfällt, der Brunnenaufsatz wurde gerettet und steht heute im historischen Museum von La Laguna. Dort befindet sich auch ein Modell dieses Hauses, wie es einmal ausgesehen haben könnte.

Wenige Meter unterhalb an der von Machado kommenden Straße liegt die Kapelle von El Rosario mit einer herrlichen Aussichtsterrasse. Amaro Pargo war ein sehr gläubiger Mensch. Er hatte Kontakt mit Sor María de Jesús, auch bekannt als „La Siervita“, da einer seiner Schwestern eine Zelle mit ihr teilte. María de Jesús erbrachte viele Wunder, auch noch nach ihrem Tod, es sollen genau 1251 sein. Amaro verehrte sie, denn sie erschien ihm just in dem Moment, als ihn ein türkischer Pirat in Kuba erstechen wollte, und rettete ihm so das Leben. Sie besaß also die übernatürliche Fähigkeit, gleichzeitig an zwei Orten zu sein, denn tatsächlich war sie nie in Kuba.

Auf Grund dieses Wunders spendierte der großzügige Pirat eine Kapelle, die heutige Ermita del Rosario. In der Kapelle hängt ein Bild, auf dem Amaro neben María de Jesus zu sehen ist. Er ließ mehrere weitere Kirchen bauen, z.B. El Socorro in Tegueste, wo ebenfalls aus Dankbarkeit sein Namen über der Tür eingraviert wurde. Außerdem steckte er viel Kapital in soziale Einrichtungen der Kirche, welche aus die Auszahlungen seiner Seemannsversicherung erhielt.

Der große Reichtum und seine großzügigen Spenden brachte natürlich auch eine enorme soziale Anerkennung mit sich. 1725 und 1727 erhielt Amaro Pargo vom König in Madrid mehrere Adelstitel und das Recht, ein eigenes Wappen zu führen. Nach einem Überfall auf ein englisches Schiff mit einer Beute von 50000 Goldmünzen und einem Diamantenkreuz, und nachdem alle Feinde der katholischen spanischen Majestät ertränkt oder aufgehängt waren, erhielt er vom König den Titel „Señor de Soga y Cuchillo“ (Herr von Seil und Messer). Er wurde auch mehrmals juristisch verfolgt. Im Hafen von La Guaira, Venezuela, widersetzte er sich der Anordnung, sein Schiff inspizieren zu lassen, wie es Vorschrift war. Bei der Rückkehr nach Spanien sollte er ins Gefängnis kommen, aber er widersetzte sich auch seiner Verhaftung ohne weitere Folgen.

Er war einerseits ein gewalttätiger Mensch, als Pirat sicherlich eine notwendige Tugend, und konnte sich gegen drei Männer mit seinem Säbel durchsetzen. Andererseits war er ein sehr gebildeter Kapitän, der seine Worte wohl bedachte. Er trank wenig Alkohol, setzte sich auf seinen Schiffen rigoros durch, duldete weder Frauen noch Glücksspiele, und verlangte, dass alle Streitigkeiten an Land ausgetragen werden.

Amaro war nie verheiratet, hatte aber einen unehelichen Sohn, Manuel de la Trinidad Amaro, dem er regelmäßig Geld schickte. Dessen Mutter weigerte sich, in La Laguna zu leben, und wurde auch in seinem Testament nicht bedacht. Sein Sohn ging ebenfalls leer aus, weil er kein rechtmäßiger Nachfolger war.

1610069Amaro starb mit 69 Jahren am 4. Oktober 1747 und wurde in der Kirche Santo Domingo in La Laguna bestattet. Die Abdeckung seines Grabs trägt sein Wappen und das typische Piratensymbol, ein Schädel mit gekreuzten Knochen, das rechte Auge zugekniffen.

tumba de Amaro.jpg

Seine Auferstehung kam nach 266 Jahren am 15. November 2013. Die französische Firma Ubisoft, die Videospiele produziert, finanzierte die Öffnung des Grabes von Amaro Pargo, um für eine neue Reihe des Piratenspiels „Assassin‘s Creed“ das Gesicht von Amaro rekonstruieren zu können. Die Stadt La Laguna erhoffte sich, dadurch eine Büste für ein Denkmal ihres illustren Bürgers herstellen zu können.

Archäologen öffneten das Grab und staunten nicht schlecht: Unter dem Marmordeckel befindet sich eine Krypta, 3m lang, 2m breit und 2m tief, in die man über 6 Stufen hinunter steigen kann. Man fand nicht nur die Reste des Korsaren, sondern von insgesamt neun Personen, darunter ein Baby, ein Mädchen von 16 Jahren und ein 20-jähriger Junge mit Down-Syndrom. Durch DNA-Vergleiche mit den heute noch lebenden Nachkommen Amaros konnte nachgewiesen werden, dass alle Leichen Verwandte von ihm waren. Bis auf einer, nämlich sein treuer Negersklave Cristóbal Liche, dessen Skelett eine Größe von 1,80m aufweist. Amaro selbst war ein kleiner, schlanker Mann von nur 1,66m Größe.

Zu guter Letzt: Die Firma Ubisoft wurde – wie viele dieser Branche – ebenfalls Opfer eines Piratenangriffs, denn der raffinierte Kopierschutz ihrer Spiele wurde geknackt. So schließt sich der Kreis von Piratengeschichten…

2017 erschien ein kompletter Dokumentarfilm über Amaro Pargo, Entre la leyenda y la historia. Hier ein kurzer Überblick:

http://diariodeavisos.elespanol.com/2016/04/amaro-pargo-resucita-270-anos-despues/

Hier ist eine Rundwanderung durch die Landschaft, in der die Casa del Pirata zu finden ist.


Artikel-Nr. 7-2-23

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