Stadt der Mühlen

Wie das Wasser nach La Orotava kam.

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In den Bergen oberhalb der Stadt liegt das feuchteste Gebiet der Insel. Der Wasserreichtum war ein Grund, warum sich La Orotava zu einer der wohlhabendsten Städte entwickeln konnte. Zahlreiche Spuren der ausgeklügelten Wasserbautechnik sind in der Stadt noch zu finden.

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Auf der ausgeschilderten „ruta de los molinos“ kann man noch einige der alten Bauwerke entdecken, Kanäle, Wasserräder und Mühlen, von denen zwei sogar noch in Betrieb sind. Der enorme Höhenunterschied von rund 700m zwischen Aguamansa und La Orotava sorgte für ausreichend Wasserdruck. 13 Mühlen und ein Sägewerk gab es einmal, alle in einer Linie, die eine nach der anderen die hydraulische Energie nutzten. Ihre Verteilung bildete eine Achse, die als Rückgrat der städtischen Infrastruktur bezeichnet werden könnte. Bis heute sind diese architektonischen und industriellen Elemente als ein einzigartiges Merkmal von La Orotava erhalten.

In den Bergen von Aguamansa fallen die höchsten Niederschläge der Insel. Dort gab es früher viele Quellen, deren Wasser vor der Nutzung durch den Menschen in den Schluchten zu Tal rauschte. Der Barranco Madre del Agua oder der Barranco de los Arcos sind tief eingeschnittene, canyonartige Schluchten. Das Wasser der Quellen wurde zu Beginn der Besiedlung durch die Spanier in Becken geleitet und in Fässern in die Stadt transportiert. Heute sind alle diese natürlichen Quellen verschwunden, denn das Wasser wird bereits in den unterirdischen Stollen, den Galerías, gesammelt und abgeleitet.

Um Getreide zu mahlen und den Gofio zu produzieren, das unverzichtbare Lebensmittel in der kanarischen Ernährung, wurden schon zu Beginn des 16. Jahrhunderts Wassermühlen gegründet. Windmühlen kamen im Orotava-Tal nicht in Frage, da die Gegend generell sehr windarm ist. Die Mühlen bestanden immer aus einem mehrere Stockwerke hohen Tank, in den das Wasser über einen Kanal eingeleitet wurde und an dessen Fuß sich dann das Mahlwerk befand.

Die Molino de la Sierra, die am oberen Rand der Stadt, gleich neben dem Kloster Santa Catalina stand, war eine Sägemühle, in der die Wasserkraft über ein Zahnrad die Säge betrieb. Sie wurde schon im Jahr 1503 erbaut und war die Voraussetzung dafür, dass überhaupt Wasserleitungen konstruiert werden konnten.

Ursprünglich wurden diese Wasserleitungen aus dem Holz der kanarischen Kiefer gefertigt und mit dem Harz abgedichtet. In der Stadt verliefen sie oft auf hohen Gestellen, um das saubere Wasser vom Schmutzwasser zu trennen, das durch die Gassen floss und den Abfall wegspülte. Bei dieser Technik waren die Wasserverluste relativ hoch. Auf der Zeichnung aus dem Jahr 1700 erkennt man eine Mühle mit einem aus Holz konstruierten Tank. Erst viel später, als die Technik des Kalkbrennens die Herstellung von Kalkmörtel ermöglichte, wurden diese Kanäle auch gemauert. Bogenbrücken, über die das Wasser zur Mühle lief, sind noch an vielen Stellen in der Altstadt zu erkennen. (Die Geschichte der Kalköfen findest du hier: Steine verbrennen)

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Auch einige Zuckermühlen wurden im 16. Jahrhundert noch betrieben. Die reiche Oberschicht und die Klöster hatte das Vorrecht und die finanziellen Mittel, sich eigene Wasserleitungen ins Haus zu legen. Die Unterschicht musste sich aus den Rinnsalen bedienen, die überall durch die Straßen liefen, erst später wurden dann auch Brunnen gebaut. Nachdem die Wasserkraft in den Mühlen genutzt war, floss das Wasser auch zu den Waschplätzen der Frauen. Im unteren Teil der Stadt ist heute noch eine Straße als Calle del Agua bekannt (offiziell Calle Tomás Zerolo). Als letzte profitierten die Bauern unterhalb der Stadt vom Wasser, das sie zur Bewässerung der Felder nutzen konnten.

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(Bild: lavaderospublicos.net)

Der Bau und das Eigentum der Mühlen war nach der Landverteilung des Adelantado Fernández de Lugo den großen Grundbesitzern vorbehalten, denen auch das Wasser gehörte. Die Tätigkeit in der Mühle wurde jedoch von Mitgliedern der unteren Klassen ausgeübt, an die die Verwertung auf Mietbasis zu ausbeuterischen Bedingungen abgetreten wurde. Erst im 19. Jahrhundert und vor allem im 20. Jahrhundert ging das Eigentum allmählich von der Oberschicht auf die anderen sozialen Klassen über.

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In den „Verordnungen der Insel Teneriffa“, die 1670 vom Licenciado Don Juan Nuñez de la Peña verfasst wurden, gibt es einige, die ausdrücklich auf die Kontrolle hinweisen, die über die Tätigkeit des Müllers ausgeübt werden muss. Darin wird die niedrige soziale Bewertung dieses Berufs deutlich. Es war ihm zum Beispiel verboten, zum Militär zu gehen, oder er musste im Bedarfsfall den Henker ersetzen. Erst Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts wurde seine wesentliche Rolle in der Wirtschaft des Landes anerkannt und er galt als Vollbürger.

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Foto: efemeridestenerife.blogspot.com

In den beiden heute noch funktionierenden Mühlen von La Orotava kann man frisch gerösteten und gemahlenen Gofio kaufen, dessen Duft schon von weitem zu riechen ist. Die Mühle La Máquina (oder Molino de abajo) und die Molino de Don Chano (oder Molino de arriba) werden aber schon seit 1951 elektrisch betrieben.

Letztere wurde schon im 16. Jahrhundert erbaut von einem der ersten Bürgermeister der Stadt, Benítez de Lugo, der sein Anwesen gleich nebenan hatte. Sie kam 1955 in den Besitz von Don Sebastián González Hernández, genannt Don Chano. Einer seiner Söhne betreibt die Mühle noch heute. La Máquina ist seit den 40er Jahren im Besitzt der Familie Domínguez. Dort gibt es sogar Gofio mit Vanille- oder Schokoladengeschmack und Müsliriegel auf der Basis von Gofio. Beide Mühlen wurden im Februar 2019 vom Cabildo mit der Goldmedaille ausgezeichnet, die an Unternehmen mit mehr als hundertjähriger Tradition verliehen wird.

Bis vor einigen Jahren gab es bei Aguamansa noch eine Fischzuchtanlage, die ebenfalls die reichen Wasservorkommen nutzte. Dort konnte man täglich frische Forellen kaufen. Die Anlage wurde aber wegen hygienischer Probleme geschlossen.

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Das Wasser aus den Bergen von La Orotava kommt heutzutage natürlich auch in Plastikflaschen in die Stadt. Das Unternehmen Aguas del Valle de La Orotava verkauft die Marken Fonteide und Los Alpes, es ist seit August 2018 zu 75% im Besitz des Bierkonzerns Mahou San Miguel. Das Wasser kommt aus der Galería Salto de las Palomeras in 774 m Höhe, sie ist über 3200m lang und liefert etwa 10 Liter pro Sekunde. Von dort fließt das Wasser durch eine 9 km lange Leitung hinunter in die Abfüllanlage im Stadtteil Los Rechazos unterhalb der Autobahn. Fonteide ist das einzige in Teneriffa, das als „natürliches Mineralwasser“ anerkannt und zugelassen ist, alle anderen sind „Quellwasser“ oder „Wasserzubereitungen“.

SEO

La Orotava kann außerdem als eine Pioniergemeinde betrachtet werden, was das Thema erneuerbare Energien angeht. Das erste Wasserkraftwerk der Insel erzeugte bereits 1894 Strom. Es stand weit oberhalb der Stadt im Gebiet von Hacienda Perdida und wurde durch einen vielseitigen und vorausschauenden Unternehmer, Ricardo Ruiz Aguilar, erbaut. Nachdem der Stadtrat von Santa Cruz die elektrische Energie noch als „weit entfernter, goldener Wunschtraum“ abgelehnt hatte, schlug er der Stadt La Orotava vor, eine öffentliche Elektrizitätsversorgung mit Hilfe der Wasserkraft aufzubauen. Die Stadt schloss einen Vertrag mit einer Laufzeit von 20 Jahren mit dem Unternehmer ab, der dann die Sociedad Eléctrica de La Orotava (SEO) gründete. Am 1. Dezember 1894 bekam die Stadt dann als erste auf Teneriffa ihre elektrische Stromversorgung und Straßenbeleuchtung.

Ein Jahr später lieferte die SEO den Strom an das Gran Hotel Taoro in Puerto de la Cruz. Die Verhandlungen mit der belgischen Straßenbahngesellschaft, die Straßenbahn von Santa Cruz nach Tacoronte weiter bis nach La Orotava zu führen, scheiterten allerdings. Mehr zum Thema Straßenbahn: Der letzte Wagen.

1929 wurde die SEO aufgelöst und die Stromversorgung wurde städtisch, das neue Wasserkraftwerk von La Abejera ging in 1935 Betrieb und versorgte bis 1974 die Stadt mit sauberer elektrischer Energie. Dann ging die Ära der Wassernutzung in La Orotava zu Ende. Leider wurde bis heute das Projekt „Museo del Agua y la Electricidad“ nicht verwirklicht.

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In den Feldern oberhalb der Stadt sind an vielen Stellen die alten Rohre und Wasserleitungen noch zu erkennen. Vom Kraftwerk La Abejera führt ein Wasserrohr weiter auf dem Camino de la Sierra nach unten und versorgt noch heute Brunnen in der Oberstadt.

(In diesem Artikel erfährst du mehr über die alten Wege in La Orotava: 600 Meter und 400 Jahre)


Hier eine Auflistung der verfügbaren Daten über die Mühlen, von oben nach unten:

1. Molino de la Sierra, erbaut 1503, Sägemühle, später Getreidemühle, 1877 in zerfallenem Zustand vererbt, Wiederaufbau scheitert 1906 an zu hohen Kosten, heute keine Reste mehr zu finden

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2. Molino del Marqués del Sauzal, 1813 in ruinösem Zustand, keine Reste mehr vorhanden

3. Molino de la Cruz Verde, gehörte dem Jesuitenkolleg, wurde vererbt an die Familie Cólogan. Baukörper und Kanalbrücke noch gut erhalten

4. Molino del Cubo Alto, gehörte Gaspar de Aponte, war lange in Betrieb, Baukörper noch erhalten

5. Molino del Marqués de Villafuerte, Baukörper noch erhalten

6. Molino calle Castaño / San José, Besitzerin Doña Nicolasa Valcárcel, lange in Betrieb, Tank und Haus noch erhalten

7. Molino del Marqués de la Candia in derselben Straße, 1514 erbaut, vererbt an Bartolomé Benítez de Lugo, enthält noch die gesamte Maschinerie und war lange in Betrieb, auch bekannt als Molino de Josefina

8. Name unbekannt, völlig verschwunden

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9. Molino del Chano, Eigentum von Pedro Benítez de Lugo, heute noch in Betrieb, Verkauf von Gofio. Nebenan der ehemalige Waschplatz

10. Molino de San Francisco, gehörte einem Adligen aus Fuerteventura, noch gut erhalten

11. Molino del Marqués de la Florida, ab 1813 nicht mehr benützt, heute völlig verschwunden

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12. La Máquina, erbaut von Antonio Monteverde, heute noch aktiv in Betrieb, Verkauf von Gofio

13. Molino del Hoyo in der Casa Lercaro, erbaut 1634 von Juan de Ponte, beim Erwerb durch Diego Lercaro außer Betrieb, später wieder aufgebaut. Tank, Kanalbrücke und altes Wasserrad noch gut erhalten

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Aktualisierung Juni 2020

Die Stadt La Orotava kaufte im Juni 2020 die Mühle „Josefina“, mit einer finanziellen Unterstützung der Inselregierung von 250 241 €. Das Deld entstammt dem Fonds für Traditionen, Bräuche und Volkskultur. In diesem Haus soll ein ethnografisches Museum eingerichtet werden, das die Geschichte der Mühlen dokumentiert. Die Stadt plant, noch ein weiteres Mühlengebäude zu erwerben und zu restaurieren.


Besonders große und schöne Waschplätze findet man auf dieser Wanderung: Panorama des Nordens.


Artikel-Nr. 19-8-135

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