Ruhe sanft

Das Dorf Arico el Nuevo.

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Die Festkommission strengt sich an, dem verschlafenen Dorf etwas mehr Dynamik zu verleihen. Ein Rock-Konzert, ein Flohmarkt, oder ein Wettbewerb mit Weihnachtsdekorationen,… es gab durchaus Versuche, den Weiler Arico el Nuevo aus dem Dornröschenschlaf zu erwecken. Die Gefahr der weiteren Entvölkerung ist damit aber noch nicht gebannt.

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150 Einwohner zählt man heute in dem Dorf auf 360 m Höhe, vor 20 Jahren waren es noch fast 200. Nie war es ein bedeutender Ort oder gar ein Zentrum. Seit dem 18. Jahrhundert lebten dort ein paar bescheidene Bauern, die wegen einiger Wasserquellen hierher gezogen sind. Aber bis heute sind ihre einfachen Häuser noch so gut erhalten, dass der Weiler als historisches Ensemble im Jahr 2007 zum nationalen Kulturgut erklärt wurde.

Weiß und schwarz sind die vorherrschenden Farben in den beiden Gassen. Die Fundamente der Häuser wurden aus dem dunklen Basalt gebaut, den man hier piedra chasnera nennt, und blendend weiß glänzen die Fassaden in der grellen Sommersonne. In den Gassen gibt es vor allem eines: Ruhe. Nur selten fährt mal ein Auto hinunter zum Platz vor der kleinen Kirche. Wenn morgens um 8 oder nachmittags um 4 der Bus vorbeikommt, dann steigt oft niemand aus.

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An der Hauptstraße TF-28 muss man in einer Kurve schon genau hinschauen, um das verrostete Hinweisschild zu entdecken, das auf das historische Kleinod hinweist. Touristen fahren in der Regel sowieso nicht auf dieser Straße, und wenn, dann fahren sie vorbei. Auch das alte Holzkreuz an der Dorfeinfahrt sieht man nur von hinten.

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Dort beginnt die Straße, die einst hinunter führte nach El Porís und entlang derer die Siedler ihre Häuser bauten. Arico el Nuevo ist ein so genanntes Straßendorf auf einem Bergrücken zwischen zwei Schluchten, dem Lomo de la Quinta. Ein Wanderweg kommt von der Küste herauf und endet hier im Dorf, wo man diese Beschreibung lesen kann:

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In den Tälern rechts und links des Bergrückens legten die Bauern ihr Terrassenfelder an, wo sie Getreide anbauten. Sie waren eigentlich Flüchtlinge aus den höher gelegenen Gebieten, wo nach dem Vulkanausbruch von Siete Fuentes im Jahr 1704 wichtige Quellen zerstört wurden. So mussten die Siedler neue Lebensräume suchen, kamen hierher, und bauten ihre Häuser auf dem Lomo de la Quinta.

Hinter den nüchternen Fassaden verbergen sich schöne Innenhöfe und malerische Ecken. Die asymmetrische Anordnung der Gebäudeteile ist typisch für den Baustil dieser Epoche. In einigen der alten und renovierten Höfe kann man heute stilvoll übernachten, sie wurden zu charmanten Landhotels umgebaut. Besonders schön sind an vielen Häuser noch die alten Holztüren erhalten. Leider stehen auch zahlreiche Gebäude leer und sind dem Verfall preisgegeben.

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Im Jahr 1768 wurde die einfache Kapelle Nuestra Señora de la Luz erbaut und 1895 erweitert. In den 1940er Jahren wurde das Gotteshaus erneut erweitert. Diese unglückliche Handlung nach dem dem ästhetischen Empfinden des Bischofs Fray Albino führte unter anderem zum Bau von zwei Türmen im islamischen Stil und einem Altarbild aus Beton. Das Kirchlein steht heute am zentralen Platz Benítez de Lugo, wo sich gegenüber auch ein kleines Café befindet.

Ganz am Ende des Dorfs findet man noch einen Fußballplatz, mehr Unterhaltung gibt es nicht, auch einen Laden sucht man vergebens. Die Bewohner fahren zum Einkaufen 2 km nach Arico Viejo oder 5 km ins Zentrum von Arico La Villa. Wer hier wohnt – oder Urlaub machen will – muss die Stille lieben. Wer hier Urlaub machen will, findet im Dorf einige überraschend schöne Ferienwohnungen und Pensionen.

Unterhaltung gibt es nur an ganz wenigen Tagen im Jahr, wenn der Festausschuss auf dem Dorfplatz neben der Kirche wieder einmal einen Event organisiert hat. So fand am 7. April 2019 eine „Brot-Ausstellung“ statt, verbunden mit einer „Getreide-Wanderung“.

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(Foto: Diario de Avisos)

Damit sollte auf die historische Bedeutung des Getreideanbaus in dieser Gegend aufmerksam gemacht werden. Natürlich konnte man auch andere regionale Produkte wie Honig, Käse oder Wein verköstigen und traditionelle Handwerkskunst bewundern. Für Unterhaltung sorgten Folkloregruppen aus der Region.

Doch das ist eben nur einmal im Jahr. Ansonsten versinkt das Dorf im Dornröschenschlaf, dann gibt es hier nur eines: Ruhe.

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Ein ähnliches Dorf, das als historisches Erbe und nationales Kulturgut gilt, liegt ebenfalls an der TF-28 in der Gemeinde von Arico, etwas weiter nördlich. Es ist der Weiler Icor: Das vergessene Dorf.


Artikel-Nr. 3-4-137

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