Innere Schönheit

Die modernste Kirche der Insel

Zwischen Hochhausblocks und Gewerbegebiet steht ein gewaltiger Klotz aus grauem Beton mit schrägen Kanten und einer ungewöhnlichen Optik. Wäre da nicht ein Kreuz an einer der Seitenwände, käme niemand auf die Idee, dass es sich hier um eine Kirche handeln könnte. Die Bewohner auf der anderen Straßenseite haben einen Anblick, den es nur selten gibt. Nicht alle finden den Betonklotz schön.

Monumental und massiv, schräg und unruhig, lehnen sich vier Steinblöcke aneinander, als ob eine übermächtige Kraft sie drücken würde. Nackter Beton als Antwort auf die Suche nach der Ruhe?

Die Heilige Erlöserkirche passt zum skulpturalen Charakter aller Werke des berühmten Architekten Fernando Menis und hat sich nach Ansicht einiger Kritiker unter anderen bekannten Meisterwerken von Stararchitekten etabliert. Ignacio Bosch – Professor für Architekturdesign an der Universität Valencia – schrieb einmal, dass die Heilige Erlöserkirche als „ein wahres Kunstwerk, ein einzigartiges Werk von hoher formaler, materieller und räumlicher Qualität“ gelten kann.

Wenn man das Werk von außen zum ersten Mal sieht, erschrickt man ein bisschen. Was ist das denn? Auf einem aus dem Hang heraus gehauenen Grundstück ragen schräge Betonblöcke in den Himmel. Der Platz, auf dem sie steht, ist verwahrlost. Das soll eine Kirche sein?

Eigentlich sollte hier noch ein Park entstehen, aber das wird noch dauern. Die Hoffnung bleibt, dass auf der Plaza de Las Chumberas die Reste der Baustelle noch verschwinden, die nackten Felsen vielleicht bepflanzt werden und die kaputten Bodenplatten ausgetauscht werden. Die Stadt hat im Jahr 2018 für die Verschönerungsmaßnahmen 181 992 € zur Verfügung gestellt. Aber leider haben bereits drei Baufirmen abgesagt, und so kam das Projekt im April 2019 zum vierten Mal zur Ausschreibung. Wenn die Kirche endlich eine schönere Umgebung bekommt, könnte sie vielleicht doch noch ganz attraktiv aussehen.

Die Kirche? So stellt sich niemand ein Gotteshaus vor. Auf den ersten Blick denkt man: Wie hässlich! Aber das wahre Meisterwerk offenbart sich erst beim Betreten der Innenräume. Alles ist schräg und unregelmäßig, es gibt keine senkrechten Wände und keine waagrechten Decken. Rechte Winkel sucht man vergebens. Durch die Fenster zwischen den Bauelementen scheint überraschend die Sonne und erzeugt ungewöhnliche Lichteffekte. Die nackten Betonwände lenken den Blick automatisch auf die wenigen kirchlichen Elemente, den Altar, das Kreuz, das Taufbecken. Bilder gibt es nur ganz wenige. Der Andachtsraum ist spartanisch eingerichtet, eine Seitenkapelle versteckt sich hinter einem Stahlgerüst. Ein perfekter Ort für Meditation?

14 Jahre dauerte der Bau dieses Tempels. Im Jahr 2008 kam es zu einem längeren Baustopp, weil die finanziellen Mittel fehlten. Der wirtschaftlich Verantwortliche im Bistum, Víctor Oliva, erklärte, dass bei Kirchenbauten „in der Regel nicht von Anfang an die gesamte Finanzierung“ steht, weshalb später auch die Gemeindemitglieder zu Spenden aufgerufen wurden und vom Bistum die Zusammenarbeit der Verwaltung und der Privatunternehmen gefordert wurde. Tatsächlich kamen knapp 70% der Baukosten von 2 Millionen Euro von einem Privatunternehmer.

Eigentlich war geplant, dass die erste offizielle Messe im August 2017 stattfinden sollte, doch die Fertigstellung verzögerte sich. Am 11. Mai 2019 eröffnete der Bischoff Fernando Álvarez in einem feierlichen Akt dann die Kirche, in der nun regelmäßig Gottesdienste stattfinden können.

Fernando Menis erklärte bei der Eröffnungsfeier, dass es für ihn ein Privileg war, für das Bistum arbeiten zu können. „Das gesamte Team hat viel Begeisterung in dieses Projekt gesteckt und wir hoffen, dass unsere Arbeit dazu dient, Menschen zusammenzubringen und ein Treffpunkt zu sein“, sagte der Architekt. „Das Ziel von allem war es, den sozialen Zusammenhalt zu fördern, um in Las Chumberas einen Treffpunkt zu schaffen“.

Die Idee, dem Baumaterial Beton neue Wirkungen zu entlocken, steckt in den meisten Gebäuden und Werken des renommierten Architekten Fernando Menis aus Teneriffa. Menis hat seinen Abschluss am Barcelona Institute of Architecture gemacht, ist Professor an der Universidad Europeo de Canarias in La Orotava, und ist auf allen namhaften Architekturkongressen in Harvard, an der TU Berlin oder an der University of Columbia tätig. Seit 2013 ist er mit seinem Projekt der Erlöserkirche in Las Chumberas auch Teil der permanenten Architektursammlung des Museum of Modern Art in New York. Bereits als Kind hatte er seinen eigenen Spielzeuge aus Wegwerfgegenständen gebastelt und später viel mit weichen Materialien wie Wachs gearbeitet. Doch nun ist Beton das Material, das ihn inspiriert.

Auf Teneriffa gibt es noch mehrere Werke von ihm zu bewundern:
Auf der Plaza España in Adeje, direkt neben der alten Kirche Santa Úrsula steht ein moderner Kirchturm aus Beton. Der 1182 m² große Platz gewann den Wettbewerb bei der fünften Ausgabe des World Achitecture Festivals in der Kategorie „Alt und Neu“.
Im Museo de la Ciencia y del Cosmos in La Laguna hat Menis die „akustischen Würfel“ geschaffen, ebenfalls aus Beton.

Die „Kirche des Allerheiligen Erlösers“ ist nicht einfach zu finden. Sie steht auf der wenig attraktiven Plaza im Stadtteil Las Chumberas, einem Viertel mit tristen Wohnblocks. Von oben kommt man nur durch schmale Gässchen zwischen Reihenhäusern an sie ran. Dort gibt es eine Art Terrasse mit einem Parkplatz, von wo man über Treppen zur Kirche hinunter steigen kann. Von unten muss man sich den Weg durch Einbahnstraßen und zwischen Wohnblocks suchen.

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Artikel Nr. 17-17-169

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