Die zwei Karnickel

Tomás de Iriarte

Zwischen ein paar Büschen – verfolgt von Hunden,
ich sag‘ nicht lief – flog ein Karnickel.
Aus seinem Bau – ein Kollege kam heraus
und sagte „Halt an – Freund! Was ist hier los?“
„Was los ist…?“ antwortete er – „Bin ganz außer Atem,
zwei Schurken von Windhunden – sie verfolgen mich.“
„Ja“, antwortete der andere – „ich sehe sie da drüben,
aber es sind keine Windhunde.“ – „Was sind sie dann?“ „Podencos.“
„Was? Podencos, sagst du – wie mein Großvater,
Windhunde, richtige Windhunde – ich hab‘ sie genau gesehen.“
„Das sind Podencos, Mann! – Davon verstehst du nichts.“
„Das sind Windhunde, sage ich dir.“ – „Und ich sage, es sind Podencos.“

Und während sie sich streiten – sind die Hunde schon da
und erwischen meine beiden – unvorsichtigen Karnickel.
Und wer – aus kurzsichtigen Gründen
vergisst, was zählt – er nehme dieses Beispiel mit.

Podencos und Windhunde sind in der Tat leicht zu verwechseln. Die Podencos sind eine auf den Kanaren sehr beliebte Hunderasse, die vornehmlich bei der Kaninchenjagd eingesetzt werden. Sie sehen auf den ersten Blick Furcht einflößend aus, sind jedoch im Haus ganz liebe, zutrauliche und verspielte Gesellen. Ihr wahres Talent entfalten sie erst im Gelände, denn sie wollen rennen und noch mehr rennen – eben wie die Windhunde.

Das obige Gedicht stammt von Tomás de Iriarte, einem der größten Poeten seiner Zeit, der viele seiner Schriften als Fabel verfasste, in denen die Tiere dem Menschen eine Lehre erteilen.

Tomás de Iriarte y Nieves Ravelo wurde am 18. September 1750 im Hafen von La Orotava – dem heutigen Puerto de la Cruz – geboren. Er entstammt einer wohlhabenden und gebildeten Familie aus Navarra, die sich auf Teneriffa niederließ. Seine erste Ausbildung bekam er in einem Kloster in La Orotava, doch schon mit 14 Jahren folgte er seinen beiden älteren Brüdern nach Madrid zu seinem Onkel, der ihm griechisch, latein, englisch und französisch beibrachte und ihn in das Studium der spanischen Literatur einführte. Er war außergewöhnlich begabt und übernahm nach dem Tod seines Onkels 1771 dessen Stelle als offizieller Übersetzer des Staatssekretariats. Neben seinen beruflichen Aufgaben ordnete und übersetzte er die ganze Bibliothek seines Onkels, der zahlreiche Dramen, Grammatiken und andere literarische Werke verfasst hatte.

Seine Karriere begann er schon mit 18 Jahren als Übersetzer des französischen Theaters und der Arte poetica von Horaz. Seine eigenen Komödien wurden sehr beliebt, weil sie genau den Geschmack des Publikums trafen. Im Ausland wurde er 1780 bekannt durch sein Lehrgedicht La música. Berühmtheit erlangte er 1782 mit seinen Fábulas literarias, einer Sammlung von in Versen gefassten Fabeln.

Die Veröffentlichung der Fabeln war in der sozialen und kulturellen Welt der damaligen Zeit ein Ereignis. Viele glaubten, dass sie in mehr oder weniger verschleierter Form auf Schriftsteller und Prominente der damaligen Zeit anspielten, und jeder wollte aus Neugier eine Kopie von ihnen haben, um zu untersuchen, auf wen die Anspielungen zutreffen konnten. Aber da Iriarte die Welt, in der er sich bewegte, genau kannte, setzte er am Anfang aller Fabeln – es wurden insgesamt 67 – die mit dem Titel „Der Elefant und andere Tiere“, wo er im Voraus die möglichen Anschuldigungen widerlegte und versuchte, seinen Fabeln einen allgemeinen Eindruck zu vermitteln. „Kein Mensch soll durch das allgemein Gesagte beleidigt sein,“ steht dort im Prolog.

Nebenbei widmete er sich auch der Musik, spielte Geige und komponierte eigene Sinfonien.

„Oh!“ – sagte der Esel – „Wie gut ich spiele! Aber sie sagen, die Eselsmusik sei schlecht!“ (Zitat aus der Fabel Nr. 8, Der Esel und die Flöte)

Seine spitzen und doppelzüngigen Werke brachten ihm auch einige Kritik ein. So wurde er 1786 in der spanischen Inquisition angeklagt. Doch der Autor lies sich nicht klein kriegen: „Wenn der Weise nicht zustimmt – schlimm! Wenn der Dummkopf applaudiert – noch schlimmer!“

Immer auch auf pädagogische Themen bedacht, verfasste Iriarte auch zwei Theaterstücke, um zum Nachdenken über die Bedeutung einer angemessenen Ausbildung für junge Menschen zu anzuregen: Der verhätschelte junge Herr (1787) und Das schlecht erzogene Fräulein (1788).

Das Geburtshaus von Tomás de Iriarte steht mitten in der touristischen Zone von Puerto de la Cruz, in der gleichnamigen Calle Iriarte. In El Médano und natürlich in Madrid sind Straßen nach ihm benannt, in Santa Cruz ist es nur eine, seinem Genie nicht gerecht werdende, schmale Straßenschlucht im Stadtzentrum, die 1860 nach ihm benannt wurde.

Seine Familie war wohlhabend, wie nicht nur das Haus beweist, in dem sie lebte, sondern auch der Erfolg, den er und einige seiner Brüder hatten. Tomás hatte 17 Geschwister, seine Brüder Bernardo und Domingo waren Diplomaten. Am Haus erinnert eine kleine Gedenktafel an die berühmte Familie, mehr war es der Stadt offenbar nicht wert. Nicht nur eine Straße trägt seinen Namen, ganz in der Nähe gibt es auch eine Mittel- und Oberschule, die IES Tomás de Iriarte. Auch die Stadtbücherei von Puerto de la Cruz wurde nach ihm benannt.

So wird der scharfzüngige Dichter auch heute noch in seiner Heimatstadt geehrt, in die er aber nie zurückkehrte. Er starb am 17. September 1791 an der Gicht.

Ein bekanntes Gemälde von ihm, entstanden 1785, hängt im Prado-Museum in Madrid und zeigt ihn mit einem wissenden Lächeln. „Das Lächeln ist die universelle Sprache der Intelligenten.“

Mehr über Podencos und Windhunde gibt es hier: Er läuft und läuft.

Mehr über berühmte Menschen aus Teneriffa findest du auf der Seite PERSÖNLICHES.


Artikel-Nr. 23-11-182

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