Stadtlandschaft

Los Cristianos früher und heute.

Keine andere Gegend auf Teneriffa hat sich in den letzten 50 Jahren so verwandelt wie die Bucht und das Hinterland von Los Cristianos. Aus einer trockenen und ungenutzten Naturlandschaft ist eine komplett bebaute Stadtlandschaft geworden. In einem nicht mehr überschaubaren Häusermeer sollen sich Touristen wohlfühlen und Einheimische arbeiten. Die wenigen Fischer, die es noch gibt, werden bald aufgeben.

Ein Blick auf die Einwohnerzahlen sagt schon viel: Im Jahr 2000 waren es noch weniger als 10000 Einwohner, bis 2012 hat sich diese Zahl auf 20150 mehr als verdoppelt, danach ging sie wieder etwas zurück und liegt jetzt knapp über 15000. Touristen, die nur zeitweilig sich dort aufhalten, sind nicht mitgezählt.

Jahrhunderte lang war Los Cristianos ein einsamer, uninteressanter Ort, eine kleine Bucht zwischen den zwei Bergen Guaza und Chayofita. Um das Jahr 1520 wird er erwähnt als Verladestation für Orchilla (ein Färbemittel, gewonnen aus einer Flechte) und Pech, und um das Jahr 1600 gab es hier einige Kalköfen. (Lies dazu den Artikel Steine verbrennen) Die ersten Landkarten, auf denen Los Cristianos verzeichnet ist, tauchen auch zu Beginn des 17. Jahrhunderts auf. Sie fallen wahrscheinlich mit der ersten wirtschaftlichen Nutzung in der Bucht zusammen, von der aus Bausteine aus dem hellen Vulkangestein toba blanca exportiert wurden. Mit diesen Steinen wurde z.B. die Kirche von Realejo Bajo und die erste Hafenmauer von Garachico gebaut.

Aber noch im ersten Viertel des 19. Jahrhunderts schreibt ein Chronist: „Man sieht auf mehreren Meilen keine Ansiedlung, nur ein kleines Haus, wo ab und zu die Bootsleute wohnen, wenn im Sommer der Weizen aus Santa Cruz für die Dörfer des Hinterlands ankommt.“ 1803 ist bekannt, dass der Bootsmann Nicolas und seine Frau Francisca mit 4 Kindern dort lebten, 1807 werden José und Isabel mit zwei Kindern erwähnt.

Erst hundert Jahre später, im Jahr 1902, wurde eine Hafenmauer gebaut. Denn am Strand entstand eine Whisky-Fabrik der englischen E.C.Jacks & Co., in der Kaktusfeigen und getrocknete Weintrauben aus El Hierro verarbeitet wurden. Die Verschiffung der Fässer erforderte eine befestigte Verladestelle. Doch die Schnapsfabrik ist schon zwei Jahre danach wieder abgebrannt. Später wurde im selben Gebäude Pinienharz verarbeitet. Im Zweiten Weltkrieg zogen dort die Militärs ein und bauten Verteidigungsanlagen am Hafen, aus Angst vor einer britischen Invasion. 1953 wurde eine Zementfabrik eröffnet, die unter der Leitung eines Nordamerikaners Bausteine herstellte.

Zwischen 1900 und 1930 entwickelte sich auch im Hinterland die landwirtschaftliche Nutzung, nachdem die Möglichkeit geschaffen wurde, Wasser aus Vilaflor zur Bewässerung herzuleiten. Angebaut wurden Tomaten und Bananen. Seit 1921 gab es regelmäßige tägliche Schiffsverbindungen mit Santa Cruz. Damals führte noch keine Straße nach Los Cristianos, die erste Straßenverbindung entstand im Jahr 1946.

Einen entscheidenden Aufschwung nahm der Hafen, als 1974 die regelmäßige Fährverbindung mit La Gomera eröffnet wurde. Ab 1995 gab es eine Linie nach Santa Cruz, ab 1999 auch nach El Hierro. Die Schiffsverbindung nach Santa Cruz wurde jedoch aus Rentabilitätsgründen wieder eingestellt.

Heute ist der Hafen von Los Cristianos hoffnungslos überlastet. Mit rund anderthalb Millionen Passagieren jährlich gehört er zu den größten von ganz Spanien. Als 2021 während des Vulkanausbruchs von La Palma der dortige Flughafen geschlossen war, wurden die Grenzen der Leistungsfähigkeit erreicht. Pro Jahr müssen 1,5 Millionen Reisende und 475 000 Fahrzeuge abgefertigt werden. Die Zufahrtsstraßen zum Hafen und die Stellflächen sind komplett ausgelastet. Seit die Fährverbindung mit La Gomera aufgenommen wurde, sind die Flächen dieselben, obwohl die Zahl der Fahrzeuge zugenommen hat. Es kommt ein Schiff voller Autos und Lastwagen an, aber alle Parkplätze und Abfertigungsanlagen sind blockiert. Das Ein- und Ausschiffen muss schnell gehen, denn es haben nur zwei Fähren an der Mole Platz, obwohl sie bereits mehrfach erweitert wurde.

Der Bürgermeister von Arona hat schon einen Tunnel quer durch die Stadt von der Autobahn bis zum Hafen vorgeschlagen, aber die Flächen im Hafen würden dadurch nicht größer.

Eine Entlastung könnte der riesige Hafen von Granadilla bringen. Aber er war nie als Fährhafen geplant und hat keine Möglichkeit zur Abfertigung von Passagieren, außerdem liegt er verkehrstechnisch ungünstig. Ob der Hafen von Fonsalía an der Westküste jemals gebaut werden kann, ist fraglich.

Als in den 60er Jahren der Massentourismus begann, entstanden die ersten Hotels. 1965 eröffneten schwedische Unternehmer das Vintersol, eine Kurklinik für Rheuma- und Nervenleiden. Die Patienten wurden mit kleinen Propellermaschinen am Strand abgesetzt. Die Klinik existiert noch heute.

Dann dehnte sich das Stadtgebiet nach Norden aus in die Gegend, die heute Playa de las Américas heißt. Dort wurden die Torres del Sol gebaut, die auch heute noch die Silhouette der Stadt überragen. Ein Stück weiter nördlich entstanden die Hotels Mediterranean Palace und Conquistador. Dazwischen gab es lange Zeit nur trockene Wüstenlandschaft, wie man auf den Bildern von 1983 sieht.

1968 wurde der „Ordnungs-Sonderplan Playa de las Américas“ verabschiedet, der später die massive Bebauung ermöglichte. Es entstanden Apartmentblöcke mit klangvollen Namen wie Acapulco, Copacabana, Viña del Mar oder Paraíso de Sol. 1972 eröffnete das Hotel Gran Tinerfe, architektonisch nicht gerade hervorstechend, aber es war das größte je gebaute Hotel mit 360 Zimmern. Dort entwarf César Manrique die zwei Schwimmbecken. Wenige Monate später verbrachte dort das zukünftige Königspaar Juan Carlos und Sofía einen Kurzurlaub, was dem Hotel und dem ganzen Ort einen enormen Anschub brachte.

Ab 1985 veränderte sich die Landschaft, Straßen wurden angelegt, es entstanden immer mehr Hotels und Apartmenthäuser. Entscheidend war die Eröffnung des Flughafens Teneriffa-Süd im Jahr 1978. Auf dieser Karte sieht man gut, dass ein Großteil der Bebauung von 1980 bis 1989 (orange) und 1990 bis 1999 (rosa) entstanden ist.


Wie die Stadtlandschaft heute aussieht, kann man sehr gut von oben beobachten. Mitten in Los Cristianos befindet sich ein kleiner Vulkankegel, die Montaña Chayofita. Auf einer kleinen Rundwanderung bekommt man einen perfekten Rundblick. Es sind aber staubige und steinige und teilweise steile Wege, man sollte das nicht in Badelatschen versuchen.

Am besten beginnt man in der Calle Finlandia. Gleich neben dem Free Motion Bikecenter kann man den Aufstieg beginnen. Dort geht man auf einem Trampelpfad schräg bergauf und erreicht nach etwa 100m eine breitere Piste, die man überquert. Man hält sich zuerst links, vorbei an der schwarzen Felswand, dann geht es in einem weiten Rechtsbogen etwas steiler bergauf. Zunächst hat man einen Ausblick nach Osten.

Von der Bergspitze in 113m Höhe sieht man direkt hinunter zum Hafen. Auf dem weiteren Rundweg um den Vulkankrater sieht man dann nach Westen in Richtung Las Américas. Der Abstieg geht in einigen Kurven steil hinunter in der Krater, wo sich ein „Aussteiger“ eine primitive Unterkunft eingerichtet hat. Danach kommt man wieder zu der Piste.

Ein weiteres schönes Panorama hat man ganz im Osten von Los Cristianos. Am Ende der Avenida Chayofita geht es, immer geradeaus, etwas steiler nach oben. Dort wird es richtig britisch oder amerikanisch: „Shakespeare Bar“, „The Heights Apartments“, „Hollywood Mirage“, „Beverly Hills“, „Royal Palm“, usw. Fast alle Apartments haben Meerblick, doch der Strand ist zu Fuß schon fast nicht mehr zu erreichen.

Fährt man auf der TF-655 ein Stück weiter hinauf, kommt man links davon zu einem Hügel mit ein paar etwas luxuriöseren Villen. Doch der Ausblick ist traurig. Trockene, steinige, unbebaute Grundstücke im Vordergrund, dahinter die Stadt bis zum Horizont. Dass sich diese Stadt noch ein ganzes Stück weiter an der Küste entlang zieht, kann man schon nicht mehr erkennen. Los Cristianos und Las Américas gehen nahtlos über in Costa Adeje, wo sich die ach so beliebten Strände befinden (z.B. der Monkey Beach).

Spätestens hier stellt sich die Frage, was wohl schöner ist. Die unfruchtbare Wüstenlandschaft von früher oder die pulsierende Stadtlandschaft von heute, eines der größten Touristenzentren der Kanaren, gnadenlos vermarktet und verbaut.

Im Gebiet von El Mojón, zwischen der Stadt und der Autobahn, sind weitere Neubaugebiete geplant:

Gehe zu Google Map:

Rundwanderung Montaña Chayofita: 1,3 km, Zeitbedarf etwa 45 Minuten.


Artikel-Nr. 4-4-233

3 Gedanken zu “Stadtlandschaft

  1. Wieder einmal ein sehr interessanter Beitrag. Interessant für mich ist auch, dass es Fotos von früher und heute gibt und man die Entwicklung gut verfolgen kann. Aber es macht auch ein wenig Angst: wo wird der Bauwahn enden?

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  2. Danke für die stets gut recherchierten und informativen Berichte von einer meiner Lieblingsinseln, auf der ich gerne gelebt habe.
    Mit freundlichen Grüssen
    S. Michael

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