Óscar Domínguez.
Er stammt aus Teneriffa und war der „dritte große Name“, neben Miró und Dalí, in der Welt der surrealistischen Malerei. Er überraschte immer wieder mit enormer Vielseitigkeit in seinen Objekten, Gemälden und Konstruktionen. Die Landschaften an der Küste von Tacoronte, ihre Schluchten und schwarzen Strände, die üppige Vegetation, all dieser natürliche Reichtum findet seinen Ausdruck in den ersten Gemälden dieses Künstlers.

Im Oktober 2014 wurde in seinem Geburtsort eine Statue zu seinen Ehren aufgestellt. Als Künstler von internationalem Ruf hat Óscar Domínguez Grenzen überschritten, „in die Ferne und in die Zukunft geschaut“, so wie dieses Denkmal, ohne jemals seinen Heimatort Tacoronte zu vergessen. Sein Leben und seine Arbeit bringen ihn immer wieder zu seinen Wurzeln zurück, zu Guayonje, den Drachenbäumen, den Schmetterlingen, der Lava, den Klippen, den Küsten…


So beschreibt der Bildhauer Medín Martín sein Werk: „Die Skulptur ist eine Mischung aus Köpfen, die mit der Essenz des Werks von Óscar Domínguez verwoben sind, wobei zufällig ausgewählte Elemente seiner Kompositionen das Ganze vervollständigen: Ein Drachenbaum, der aus dem Vulkangestein ragt, der Bug von Fischerbooten und Matrosen der Küste, verstümmelte Gliedmaßen des menschlichen Körpers, die sich auf surreale Weise in Basaltsäulen verwandeln, die sich am Ende wie Schmetterlingszungen zusammenrollen, um in einem Arm- und Handfragment zu gipfeln, das einen kreativen Kopf hält, der Tacoronte immer als Referenz und Inspirationsquelle hat“.
Óscar Manuel Domínguez Palazón wurde am 3. Januar 1906 in La Laguna geboren, in einem Haus in der Calle Herradores, das damals die Nummer 64 hatte. Heute befindet sich dort eine kleine Taverne, „La Casa de Óscar“, die leckere Tapas und gute Weine serviert.




Óscars Vater war ein reicher, gebildeter und eleganter Mann, der ausgedehnte Ländereien in Tacoronte und Tegueste besaß. Er hatte eine Affäre mit einer Geliebten, die versuchte, seine Frau mit Gift im Kaffee zu beseitigen, aber diese überlebte. Nach der Versöhnung des Paars kam Oscar zur Welt, seine Mutter starb aber zwei Jahre nach der Geburt ihres Sohnes am Kindbettfieber. Bis zu seinem achten Lebensjahr lebte er in La Laguna und verbrachte die Sommer in Tacoronte, im Haus in der Calle Calvario gegenüber der Alhóndiga. Dort erinnert eine Gedenktafel an seinen Aufenthalt. Eine wichtige Tatsache aus diesen Kinderjahren ist, dass er bis zu seinem fünften Lebensjahr an der Sydenhamschen Kinderchorea litt, die im Volksmund als Veitskrankheit bekannt ist. Óscar hatte zwei ältere Schwestern, Julia und Antonia, die ihn pflegten.


Den Sommer über weilte die Familie mit Freunden in einem kleinen Schlösschen an der Steilküste bei Mesa del Mar. Dort verbrachte man die Ferien, feierte und ging zum Baden ins Meer. Über den Bau der kleinen Sommerresidenz ist wenig bekannt. Es entsprang einer Laune von Óscars Vater, er ließ es von zwei Brüdern aus Tacoronte errichten, die Baumeister waren. Auf dem Grundstück an der Mündung der Guayonje-Schlucht besaß er eine Bananenplantage. Um die Plantage und das Haus mit dem oberen Teil der Klippe zu verbinden, installierten sie eine Seilbahn zum Transport der Bananenstauden und zur Versorgung des Hauses.





Wenn man von Mesa del Mar an der Küste entlang geht, kann man das Haus mit seinem charakteristischen Türmchen erkennen. Leider ist es seit vielen Jahrzehnten schon sehr verfallen. Zum Schloss selbst kann man nicht hingehen, die Wege sind aus Sicherheitsgründen gesperrt. Im Jahr 2020 gab es wieder einmal eine kleine Hoffnung für die Restaurierung, als die Stadt Tacoronte erneut Verhandlungen aufnahm, um das Gelände zu erwerben. Die Gemeindeverwaltung zog in Erwägung, die Erinnerung an Óscar Domínguez zu stärken und in der Küstenburg ein kleines, dem Künstler gewidmetes Museum unterzubringen.

Die Verhandlungen über die Umwandlung des Schlosses von der Familie Domínguez und seiner Umgebung, eines 50 000 Quadratmeter großen Anwesens, in einen öffentlichen Raum, begannen schon in den 90er, wurden aber nie abgeschlossen. Die Vereinbarung mit den Eigentümern, die im Laufe der Zeit gewechselt haben, zielte darauf ab, das Schloss und die umliegenden Terrassen öffentlich zugänglich zu machen. Im Gegenzug würden die Eigentümer Bauland im oberen Teil der Klippe, in Guayonje, erhalten. Von einer grundsätzlichen Einigung war 1996 die Rede, dann von einer Unterbrechung der Verhandlungen zwischen 2003 und 2007 und wieder von einer Annäherung zwischen 2011 und 2015, doch in Wirklichkeit verfällt das Schloss immer weiter und die Vereinbarung wird vielleicht nie umgesetzt.
In Tacoronte selbst gibt es außer dem Denkmal leider sonst keine Erinnerungsstätte an den drittgrößten Surrealisten.
Óscar ging in La Laguna zur Schule und begann im Alter von 20 Jahren mit der Malerei, sein erstes Bild war das „Selbstbildnis mit Pfeife“. In einem anderen „Selbstbildnis“ malte er sich später als Stier.



1927 schickte ihn sein Vater nach Paris, wo er eigentlich Bananen verkaufen sollte. Dort traf er seine Schwester, deren Mann, Álvaro Fariña, ebenfalls ein Maler aus Teneriffa war. Óscar präsentierte sich in Paris als Dandy und führte ein lockeres Leben, in den Nachtclubs der Stadt. Anfang Februar 1928 kehrte er nach Teneriffa zurück, um seinen Militärdienst im Artillerieregiment abzuleisten, und Ende desselben Jahres stellte er seine ersten Bilder im Círculo de Bellas Artes aus. Dabei war die „Frau am Piano“ zu sehen. Die Frau am Piano, die er in vielen Varianten malte, war seine Freundin und Pianistin Roma, ein jüdische Polin, die später im Zweiten Weltkrieg von den Nazis erschossen wurde.

Als 1931 sein Vater starb, kam er für kurze Zeit wieder nach Teneriffa. Die Familie erlebte eine prekäre finanzielle Lage. Sein Leben änderte sich daraufhin radikal. Ohne jegliche materielle Unterstützung begann er, als Werbegrafiker zu arbeiten, ein Beruf, den er mit Phantasie und Leichtigkeit, aber auch mit Widerwillen ausübte. Im Auftrag des Internationalen Büros für Werbung und Verlagswesen entwarf er u.a. ein Design für die Marke Krama (die beste Butterpraline), und ein Plakat für das Fremdenverkehrsamt des Cabildo Insular de Tenerife. Auch seine Malerei erfährt einen radikalen Wandel.
Während seine Bilder am Anfang noch eher gegenständlich waren wurden sie mit der Zeit immer abstrakter („Der ruhende Narziss“, „Frau auf dem Sofa“). Auch eines seiner berühmtesten Bilder, die „Elektro-Sex Nähmaschine“, stammt aus dieser Zeit. Dieses Bild wurde im Februar 2023 bei Christie‘s in London für 5.250.560 € versteigert.










Nach dem militärischen Aufstand Francos am 18. Juli 1936 fand Óscar Zuflucht im Haus seiner Schwester Julia in Puerto de la Cruz. Er konnte nicht so schnell wie er wollte nach Paris zurückkehren, schaffte es aber bald wieder, trotz all der Wirren dieser Zeit, seine Bilder auf internationalen Ausstellungen zu präsentieren. In diese Zeit fällt auch sein grundlegender Beitrag zum Surrealismus, die Erfindung der sogenannten Dekalkomanie. Er begann etwa 1934 mit dieser Bildtechnik, sie ist eines der emblematischsten Verfahren des Surrealismus. Die Aktion des Künstlers beschränkt sich darauf, schwarze Tinte auf eine Fläche aufzutragen, diese dann mit einem anderen Blatt Papier zu bedecken und leichten Druck auszuüben. Wenn man dieses zweite Blatt anhebt, erscheint der Schatten einer unbeschreiblichen Landschaft oder eines Unterwasserhintergrunds. Nach und nach erforschte Domínguez die Möglichkeiten seiner Technik. Dies führte zur Verwendung von Schablonen, die das freie und kapriziöse Eingreifen des Zufalls mit dem bewussten Vorhaben verbinden, wie im Fall der Figuren des Löwen und des Fensters in der Serie Grisou. Hier entspricht die Wahl der Motive den Vorgaben des surrealistischen Imaginären: ein Löwe – Symbol für die unersättliche Begierde der Phantasie und den schöpferischen Impuls – vor einem Fenster – vielleicht eine andere oder unentdeckte Welt – ist dabei, einen neuen Blick zu eröffnen.


1938 entstand das Bild La Machine à écrire ou Le Jeu de la logique. Es stand im November 2025 für mindestens eine Million $ bei Sotheby’s in der Versteigerung. Es war seit 1978 in Privatbesitz.
Selbst während des Krieges und in der schwierigen Nachkriegszeit schaffte Óscar Domínguez es immer wieder, auf Ausstellungen präsent zu sein. Paris, London, Berlin, Prag,… überall waren Kunstliebhaber und die Presse begeistert von seinen Werken. Aber er entfernte sich etwas vom Surrealismus.




In jeder Stadt hatte Óscar eine Freundin. 1950 begann er eine Romanze mit Nadine Effront, die er in Brüssel kennenlernte und trennte sich von seiner Frau Maud. An einen Freund schrieb er: „Sie ist eine Frau in meinem Alter, bewundernswert in ihrer Intelligenz und Erotik und die mich in den Wahnsinn getrieben hat. Sie ist eine der reichsten Frauen von Paris, aber das interessiert mich nicht wirklich, es sind ihr Körper und ihr Talent. Mit all dem habe ich meine Ausstellung in Venedig aufgegeben, weil ich nicht genug Geld habe, um zwei Ausstellungen in so kurzer Zeit zu machen.“




1954 verkaufte er sein größtes Bild „Le Pic de Tenerife“. Er schrieb an Eduardo Westerdahl: „Meine Expo wurde vor drei Tagen eröffnet. Sie war in jeder Hinsicht ein Erfolg. Die Galerie Drouant-David ist eine der größten in Paris, und sie war voll besetzt, etwa 600 Personen von den brillantesten Leuten in Paris, der Literatur, dem Kino, der großen Welt, etc…. Der Staat hat mir ein großes Gemälde mit dem Titel „Teneriffa“ abgekauft. Siehst du, ich habe es geschafft, unsere Insel in Paris ins Rampenlicht zu stellen. Die Kritiken waren sehr gut und der allgemeine Verkauf war bis gestern ausgezeichnet, da ich etwa 8 Gemälde, die größten, verkauft habe“.






Auch sein „paysage fantastique“ erinnert an eine Landschaft in Teneriffa. Es wurde 2006 bei Christie’s für 523.900 $ versteigert und soll im Oktober 25 zwischen 750.000 $ und 980.000 $ bei Sotheby’s zu haben sein.
Óscars letzten Tage waren weniger ruhmreich. Er verfiel dem Alkohol und kam mehrfach in Kliniken, er wurde aggressiv und gefährlich, die Polizei suchte ihn, weil er auf der Straße mit einem Revolver geschossen hatte. In der Silvesternacht 1957 war er im Haus seiner Freundin Ninette eingeladen, kam aber nicht, weil er schon Tage lang im Alkohol-Koma lag. Man fand ihn im Bad mit aufgeschnittenen Hand- und Fußgelenken. Der Arzt stellte aber fest, dass er nicht verblutete, sondern durch einen Schlag auf den Hinterkopf starb, wahrscheinlich weil er in seinem eigenen Blut ausgerutscht war. Er wurde auf dem Friedhof Montparnasse im Familiengrab der Viscomtesse von Noailles beigesetzt.

Im Stadtpark von Santa Cruz steht eine Replik der wenigen Skulpturen von Óscar Domínguez, das „Monument für eine Katze“. Das Original steht in Hyéres. Lies mehr dazu im Artikel Ein Sonntag im Park.
Im Tenerife Espacio de Artes lief im Sommer 2023 eine Sonderausstellung „Óscar Domínguez – die Eroberung der Welt durch das Bild“. Über 70 Werke waren zu sehen. Auch der berühmte „Drago de Canarias“ war vertreten. Vom 7. Mai bis 24. November 2024 lief die Ausstellung „Óscar Domínguez – Dos que se cruzan“. Eine Dauerausstellung ist geplant.



Von Juni bis Oktober 2025 zeigte das Picasso-Museum in Málaga eine sehenswerte Zusammenstellung der Werke, zahlreiche davon als Leihgabe aus dem TEA. 2025 schlugen auch die Werke „Le piano“ und „Sensibilité exacte“ alle Rekorde und fanden für 2.304.000 € bzw. 1.024.000 € einen neuen Besitzer.



Die Stadt Tacoronte hat im August 2022 eine „Ruta Cultural Óscar Domínguez“ eingerichtet.
Eine Sonderausstellung im TEA zeigt von 12.12.25 bis 15.03.26 bisher noch nicht gesehene Grafiken von Óscar Domínguez.
Lies auch den Artikel TEA – super und modern.
Andere berühmte Menschen aus Teneriffa findest du auf der Seite PERSÖNLICHES.
Artikel-Nr. 29-1149D0D0 / 12.12.25
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