Die Jungfrau im Herzen

Bolivien auf Teneriffa

Das Herz von Santa Cruz de Tenerife schlägt jedes Jahr im August im pulsierenden Rhythmus der Musik und der Hingabe der in der Hauptstadt lebenden bolivianischen Gemeinschaft. Das Viertel Salamanca putzt sich für das Fest zu Ehren der Jungfrau von Urkupiña heraus, bei dem Glaube, Tradition und unzählige Volkstänze zur Ehre der „Patronin der Integration” Boliviens zum Ausdruck kommen.

Das Fest wird ermöglicht dank der Zusammenarbeit der bolivianischen Gemeinschaft, der Bruderschaft Los Calcheños de Potosí, mit den verantwortlichen Behörden des Stadtbezirks Centro-Ifara. Die zentralen Veranstaltungen bieten ein visuelles und spirituelles Spektakel, das die Besucher ein Wochenende lang in die bolivianischen Anden entführt.

Nach verschiedenen kirchlichen Veranstaltungen in der Pfarrei Fátima kommt der große Tag des Feiern mit bewegenden Tanzaufführungen auf dem Platz vor der Kirche, wo die Tänzer vor dem Heiligenbild auftreten. Am Vormittag wird die Jungfrau von Urkupiña in einer Prozession durch die Straßen des Stadtteils Salamanca getragen. Aber die wirkliche Begeisterung entfacht sich beim Auftritt von zahlreichen Folkloregruppen aus Bolivien

Jede von ihnen trägt farbenfrohe Kostüme und führt energiegeladene Choreografien auf, die eine lebendige Darbietung für die Jungfrau sind. Die Zuschauer können die Majestät der Morenada mit ihren langsamen Schritten, die an den Widerstand der Sklaven erinnern, genießen; die Lebhaftigkeit und das Kokettieren des Salay, einem der beliebtesten Tänze der Täler von Potosí und Chuquisaca; und die Kraft und die symbolische Bedeutung des Tinkuy, der das rituelle „Zusammentreffen” der Andengemeinden darstellt. Außerdem gibt es Vorführungen anderer Tänze wie den energiegeladenen Caporal, den eleganten Kullawada der Aymara-Weber oder die Potolos, eine Hommage an das ländliche Leben.

Die Jungfrau von Urkupiña, auch Urcupiña oder Urqupiña, ist eine Verehrung der Jungfrau Maria mit dem Jesuskind im Arm, die am 15. August in Quillacollo nahe der Stadt Cochabamba in Bolivien gefeiert wird. Das Fest fällt mit dem Tag der „Maria Himmelfahrt” zusammen, der auch auf Teneriffa ein wichtiger christlicher Feiertag ist.

Der Volksüberlieferung zufolge lebte Ende des 17. Jahrhunderts südwestlich von Quillacollo eine Bauernfamilie, die von ihrer kleinen Schafherde lebte, um die sich die jüngste Tochter kümmerte. Das Mädchen ging jeden Tag zu den niedrigen Hügeln vor Cota, überquerte den Fluss Sapinku, wo es reichlich Weideland für ihre Herde gab. Eines Tages im August erschien ihr eine Frau mit einem Kind im Arm, mit der sie lange Gespräche in der Sprache der Region, Quechua, führte. Die kleine Hirtin spielte mit dem Kind im Wasser einer Quelle, die aus den Felsen sprudelte.

Seitdem kam das Mädchen fast immer zu spät, wenn es zur Hütte seiner Eltern zurückkehrte. Als sie sie nach dem Grund fragten, erzählte das Mädchen von ihren Begegnungen mit der Frau, die sie „die Mama und das Kind” nannte. Sie sagte, dass sie herunterkamen, um mit ihr in den beiden Quellen mit klarem Wasser am Fuße des Hügels zu spielen. Als sie das hörten, waren ihre Eltern alarmiert und gingen wiederholt zu dem grünen Hügel, um sich von den unglaublichen Geschichten zu überzeugen.

Als sich der Besuch der „Mamita“ wiederholte, wandten sich das Mädchen und seine Eltern an den Pfarrer und die Anwohner der Siedlung, die von dem Ereignis erfahren hatten und sich von dessen Wahrheitsgehalt überzeugen wollten. Alle begaben sich an den Ort, zu dem das Mädchen sie führte. Als die Jungfrau dies sah, stand sie auf und stieg den Hügel hinauf, während das Mädchen schrie und mit dem Finger zeigte, auf Quechua Jaqaypiña urqupiña, urkupiña, was auf Spanisch bedeute „sie ist schon auf dem Hügel“, und so entstand der spanische Name. Als sie den Gipfel erreichten, verschwand die Frau, aber sie konnten ein himmlisches Bild sehen, das im Gewirr aus Johannisbrotbäumen und Kakteen verschwand. Überzeugt davon, dass diese Vision seltsam war, rannten sie ins Dorf. Der Pfarrer rief die Dorfbewohner zusammen, und zusammen mit anderen Autoritäten begaben sie sich zum Ort des Wunders. Seitdem ist es als die Jungfrau von Urkupiña bekannt, die vom bolivianischen Volk sehr verehrt wird und von der außergewöhnliche Wunderberichte durch ihre Anhänger erzählt werden. An diesem Ort wurde eine Kapelle für die Jungfrau errichtet, die in die Mutterkirche von Quillacollo verlegt wurde, wo Pilger aus ganz Bolivien und Südamerika ankommen, um die Schutzpatronin der nationalen Integration zu verehren.

Die bolivianischen Emigranten nahmen diese Tradition aus ihrem Heimatland mit in alle Länder der Welt und feiern überall Mitte August das große Fest zu Ehren der Jungfrau. Auf Teneriffa leben etwa 2000 Bolivianer, die sich in Santa Cruz zu ihren ganz eigenen Feierlichkeiten treffen. Hier wird die ganze bunte Vielfalt aus den bolivianischen Provinzen wieder lebendig, wo jedes Tal und jedes Dorf seine eigenen Traditionen und Tänze hat, die sie lange vorher einstudieren. Sie feiern fast nur unter sich, Fremde trifft man hier wenige. Sie bringen Essen und Getränke mit, schlafen im Auto oder bei Freunden. Das ganze Wochenende steht nur im Zeichen der Jungfrau, deren Bildnis durch die Straßen von Salamanca getragen wird. Das sonst eher ruhige Wohnviertel der Hauptstadt wird an diesem August-Wochenende lebendig, dank der bolivianischen Gemeinde.

Die Marienbilder von Urkupiña sind Darstellungen der Jungfrau Maria, die einen ausgeprägten transkulturellen Charakter aufweisen, zunächst im kolonialen Kontext des Vizekönigreichs Peru und später im nationalen Kontext Boliviens seit dessen Unabhängigkeit im Jahr 1825. In diesem Sinne haben die Bilder nicht nur eine religiöse, sondern auch eine politische Bedeutung, was mit dem Ursprung zwischen dem Katholizismus und der vorspanischen Religiosität zusammenhängt.

Vor der Fátima-Kirche präsentieren sich die Folkloregruppen, und jede ist ein bisschen anders. Masken, bunte Fahnen und Blumen, Trommeln, Flöten und Glocken, es ist eine unüberschaubare Vielfalt, und die Show zieht sich über viele Stunden hin.

Der Tanz der „diablada“ symbolisiert den Kampf zwischen dem Guten und dem Bösen und vereint traditionelle Riten aus den Anden mit katholischen Elementen. Die Tänzer tragen dabei Masken, die an den Teufel erinnern sollen. Die Gesichter sind geschminkt und die Haare zu kunstvollen Zöpfen geflochten.

Die Teilnehmer tragen ihre Jungfrau nicht nur durch die Straßen, sondern ganz tief im Herzen.

Ganz andere Traditionen findest du in Icod (Der Teufel und die Teufelin) oder in La Laguna (Drachen, Teufel schräge Vögel).

Schau nach auf der Seite Kunst und Kultur, was es sonst noch für Feste gibt.



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