Das Leuchtfeuer von Igueste

Erstaunliches Bauwerk in luftiger Höhe

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Zu diesem kuriosen Ort zu kommen, erfordert einige Anstrengung. Die Ruine liegt in 220m Höhe oberhalb von Igueste de San Andrés. Ein steiler, in den Fels gehauener Pfad führt dort hinauf. Es ist ein Aufstieg bis auf 400m Höhe erforderlich, bevor man zur Ruine wieder ein Stück hinunter geht. Die Anstrengung wird belohnt mit einem phänomenalen Ausblick.

Aktualisierungen siehe unten

Auf diesem herausragenden Bergsporn der nördlichen Küste des Anaga-Gebirges steht “El semáforo”, „der Leuchtturm“, der, wie der Name schon sagt, dazu diente, dem Hafenpersonal in Santa Cruz die Ankunft von Schiffen aus dem Norden anzuzeigen. Es handelte sich aber nicht um einen Leuchtturm, sondern um eine Signalstation. Nach der Fertigstellung im Jahr 1884 hielt diese „Ampel“ durch ein Flaggensystem die visuelle Kommunikation mit dem Marinekommando von Santa Cruz aufrecht, das sich am Eingang zum Südkai befand und über einen entsprechenden Aussichtsturm und Fahnenmasten verfügte. An dieser Stelle gab es aber davor schon einen militärischen Beobachtungspunkt.

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Das heute stark zerfallene Bauwerk wurde 1886 von der englischen Firma Hamilton & Co errichtet, die 1895 die kleine Anlegstelle in Igueste, den Weg und das Gebäude an den Staat übergab. Die Hamiltons waren eine einflussreiche Familie und hatten Grundbesitz an vielen Stellen der Insel, unter anderem in Tacoronte, dort gibt es noch einen Parque Hamilton.

Es gab bei der Signalstation einen Mast, der heute teilweise eingestürzt ist. Auf diesen musste ein Arbeiter klettern, um eine Fahne zu hissen, oder, falls ein Schiff sich bei Nacht näherte, ein Leuchtfeuer zu entzünden. Agustín Gil aus Igueste und sein Sohn führten diese Arbeit dort oben 12 Jahre lang aus, von 1886 bis 1898. Von hier aus besteht direkte Sichtverbindung zum Hafen von Santa Cruz. So konnten sich die Hafenbehörden und -arbeiter auf die Ankunft der Schiffe vorbereiten.

Der weithin sichtbare, 16m hohe Mast wird von weitem oft mit einem Kreuz verwechselt. Er wurde aus mit Eisen armierten Betonteilen gefertigt und enthält leiterartige Eisenstufen. Der obere Teil des Masts war aus massivem Eisen.

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Ein pharaonisches Werk, ein Zeugnis der bedeutenden Ingenieurkunst der damaligen Zeit. Der sehr steile, aber meisterhaft angelegte Weg wurde direkt in die Felsen gehauen und windet sich auf über zwei Kilometer Länge den steilen Abhang hinauf. Die Anstrengungen, das für den Bau erforderliche Material mit Arbeitern und Tieren dort hinauf zu schaffen, ohne moderne Transportsysteme, sind schier unbegreiflich.

Obwohl das Gebäude sehr zerfallen bzw. zerstört ist, kann man sich vorstellen, wie das Personal dort oben in einsamer Abgeschiedenheit leben musste, zu einer Zeit, als es weder Strom noch Telefon gab.

Das Haus wurde aus rotem Tuffstein gebaut, der hier vor Ort vorkommt, und hatte einen rechteckigen Baukörper mit zwei Wohnungen mit jeweils zwei Räumen, Küche und Toilette, einen weiteren rechteckigen Körper, der an den vorherigen angebaut war und als Haus für die Vorgesetzten diente, und einen dritten sechseckigen Körper für das Observatorium mit Panoramablick. Es verfügte außerdem über zwei Zisternen, die mit dem vom Dach gesammelten Regenwasser gespeist wurden, und einen Brotbackofen im Freien.

Da im Laufe der Jahre und der Fortschritte in der Seekommunikation die Ampel von Anaga überflüssig wurde, übergab das Marineministerium sie am 2. Juli 1970 an das Finanzministerium und damit wurde sie Teil des staatlichen Erbes.

Das auf den Kanaren einzigartige Bauwerk wurde jedoch von der örtlichen Verwaltung aufgegeben, obwohl es ein wichtiges geschichtliches Zeugnis für den Hafen von Santa Cruz darstellt. Es befindet sich in einem bedauernswerten Zustand, Türen, Fenster und sämtliche Einrichtungen wurden zerstört. Anwohner und Wanderer haben schon oft gefordert, dieses Bauwunder wiederherzustellen, liegt es doch außerdem an einem ganz hervorragenden Aussichtspunkt. Sogar eine Wanderherberge wäre denkbar. Doch es fehlt auf allen politischen Ebenen am Willen und an den finanziellen Mitteln.

Der Semaforo de Igueste ist eines der kuriosesten und wenig bekannte Ziele der Insel und auf jeden Fall einen Besuch wert. Der Aufstiegsweg von Igueste aus ist in das Netz der offiziellen Wanderwege der Insel integriert und hat die Bezeichnung PR-TF 5.1. Wer noch mehr Energie hat, kann auf dem PR-TF 5 bis zum Strand von Antequera weiter wandern.

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Auf diesem Bild ist der ungefähre Verlauf des Wegs eingezeichnet. Ganz rechts am Hang liegt der Friedhof von Igueste.

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Hier ein schönes Video von Noacopter:

Es lohnt sich auch, dem Dorf Igueste noch einen Besuch abzustatten, das bis 1922 nur mit dem Schiff zu erreichen war. Der von steilen Hängen flankierte Barranco ist wahrer Garten Eden. Kunstvoll angelegte Terrassen sind üppig bepflanzt mit Obstbäumen wie Avocado, Mango, Papaya oder Bananen. Kartoffeln, Wein oder Mais werden hier im Gegensatz zu anderen Teilen der Insel weniger angebaut. Warum ausgerechnet hier so viele tropische Früchte? Viele Einwohner von Igueste sind nach Kuba oder anderen Ländern Mittelamerikas ausgewandert und brachten als Rückkehrer diese Früchte mit, die bis heute dort kultiviert werden. Durch das ruhige Dorf führen schmale Wege und Treppen, die einen idyllischen Eindruck vermitteln und einen kleinen Rundgang wert sind. Igueste hat heute nur noch 500 Einwohner, im Jahr 2000 waren es noch 1200.

Aus Igueste stammt auch der Pirat Cabeza de Perro, der nach unzähligen brutalen Greueltaten angeblich reumütig in seine Heimat zurückkehrte. Doch hier wurde er sofort verhaftet. Bei seiner Erschießung soll er ironisch gelächelt haben, mit einer kubanischen Zigarre im Mund und einem roten Kopftuch.

Hier gibt es noch mehr Piratengeschichten.

Aktualisierung April 2018

Die Signalstation von Igueste soll nun unter Denkmalschutz gestellt werden. Dies ist der Wunsch einer Bürgerinitiative, unterstützt von der Vereinigung „Unser Erbe“. Der Antrag wurde bei der Inselregierung eingereicht und muss – sollte diese zustimmen – dann noch vom Kanarischen Parlament genehmigt werden.

Das Gebäude hat bereits umfassenden Schutz im städtischen Katalog des historischen Erbes von Santa Cruz, ist aber in einem schlechten Zustand, und mit dieser Maßnahme soll erreicht werden, mit der höheren Kategorie, dem Denkmalschutz, eine Restaurierung und Aufwertung zu fördern.

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Aktualisierung Dezember 2018

Am 2. Dezember 2018 entzündeten verschiedene Interessengruppen Leuchtfeuer auf der Signalstation. Sie wurden mit Morsesignalen von Santa Cruz aus beantwortet. Der übermittelte Text lautete: „Herzlichen Glückwunsch zum 123. Jahrestag der Ampel von Igueste de San Andrés vom Marine-Kommando von Teneriffa.“ Mit dieser Aktion sollte daran erinnert werden, dass das Gebäude schon seit 2015 auf der Roten Liste der gefährdeten Kulturgüter steht, und dass eine Einstufung in den Denkmalschutz immer noch aussteht.

(Foto: Diario de Avisos)

Gehe zu Google Map:

Hier ist ein kompletter Blog (auf spanisch), der alle Ereignisse dokumentiert: https://semaforodelaatalaya.blogspot.com/

Track für Google-Earth oder Wanderung als pdf ? -> Schreib mir eine Email.


Artikel-Nr. 26-3-26

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