Schlucht der Legenden

Geschichten aus dem Nebel

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Die steilste und tiefste Schlucht der Insel auf der Ostseite der zentralen Bergkette ist ein Ort, um den sich allerlei Erzählungen ranken. Der Barranco de Badajoz in den meist von Wolken verhüllten Bergen von Güímar ist ein geheimnisvoller Riss in der Landschaft, in dem seltsame Dinge passieren.Einige dieser Geschichten möchte ich hier erzählen.

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Nach der spanischen Eroberung wurde dieser Landstrich im Jahr 1497 an den Edelmann Juan de Badajoz vergeben, daher der Name. Bei den Guanchen hieß diese Landschaft Chamoco, die 10 km lange Schlucht ist deshalb auch heute noch als Barranco de Chamoco bekannt. Auf dieser Satellitenaufnahme kann man sehen, welch gewaltiger Einschnitt in der Landschaft hier vom fließenden Wasser geschaffen wurde. Im oberen Abschnitt, wo sie auf 1850m Höhe beginnt, trägt die Schlucht auch noch den Guanchen-Namen Tegüigo.
Eine Rundwanderung mit einem Abstecher in die Schlucht gibt es im Artikel Spurensuche.

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BarrancoBadajoz

Aber hier soll es nicht um Natur und Wissenschaft gehen, sondern um die Legenden, die in diesem finsteren Barranco entstanden sind. Die wohl bekannteste und beliebteste Erzählung ist die von dem verschwundenen Mädchen, sie soll sich zwischen 1890 und 1910 abgespielt haben:

Das Birnenmädchen

Eines Tages schickten die Eltern ihre kleine Tochter ins Barranco hinauf, um dort Früchte zu sammeln. Es gab dort wilde Birnen, die ganz köstlich schmeckten. Als das Kind am Abend nicht zurückkam, beunruhigten sich die Eltern sehr und suchten sie am nächsten Tag. Vielleicht war das Kind ja gestürzt und konnte nicht mehr laufen. Alle Dorfbewohner zogen mit und suchten hinter jedem Busch und zwischen allen Felsen, aber das Mädchen war wie vom Erdboden verschluckt, keine Spur von ihr war zu finden.

1705052_1Doch es geschah ein Wunder. Nach 30 Jahren kam das Mädchen unversehrt und fröhlich zurück und klopfte an der Tür der Eltern. Es sah noch genau so aus und trug dieselben Kleider wie beim Weggehen. Die Eltern erkannten sie sofort, aber das Mädchen wunderte sich, warum seine Eltern und alle Menschen, die sie kannte, so alt aussahen.

Ser blanco y niña de las peras

Sie erzählte, dass sie wie es die Eltern geheißen hatten in die Schlucht hineinging und Birnen sammelte. Sie ruhte sich unter einem Baum aus und schlief ein. Später wurde sie durch ein großes Wesen in weißen Kleidern geweckt. Sie erschreckte sich nicht, denn die Gestalt war freundlich und lustig, ohne Bedenken folgte sie dem Unbekannten in eine Höhle, in die man über Stufen hinunter steigen musste. Unten kam sie in einen Garten, wo sich noch mehrere der seltsamen Wesen aufhielten, alle ganz in weiß gekleidet. Sie unterhielten sich mit dem Mädchen, sie spielten und tanzten mit ihr eine Weile. Danach ließ sie sich wieder ins Freie führen und ging vergnügt nach Hause. Es waren für sie nur ein paar Stunden vergangen.

Für alle anderen Menschen aber drei Jahrzehnte.

Allerdings hat der bekannte Meister und Kenner der Gegend, Pedro Benítez, nachgewiesen, dass diese Geschichte gar nicht hier spielte, sondern im benachbarten Barranco de Agua, und das Mädchen sei auch gar nicht sooo lange verschwunden gewesen.

Das ganze Märchen im Detail auf spanisch:

Lichtgestalten

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Im Jahre 1912 befanden sich zwei Arbeiter im Wasserstollen von Izaña, ganz am Ende der Schlucht, als die Wand, an der sie arbeiteten, einstürzte. Dahinter öffnete sich ein sehr weiter Tunnel, und sie sahen drei weiße Wesen, die offensichtlich nicht zur Arbeitertruppe gehörten. Sie kamen leicht über dem Boden schwebend näher.

Ab hier gibt es zwei Versionen der Geschichte:

Einerseits sagt man, dass die beiden Arbeiter einen Riesen Schreck bekamen und so schnell wie möglich zur Polizei nach Güímar liefen, um den Vorfall anzuzeigen. Auf der Polizeistation ist jedoch keine solche Anzeige bekannt, sei es, weil sie nie stattfand, oder die Akten auf geheimnisvolle Weise wieder verschwunden sind.

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Foto: isladetenerifevivela.com

Die andere Version ist, dass sie sich mit den drei Lichtgestalten unterhalten konnten und diese ihnen sogar die richtige Stelle zeigten, wo sie nach Wasser graben sollten. Das taten sie, und das Wasser sprudelte aus dem Felsen. Doch als man später die Stelle wieder aufsuchte, konnte man die eingestürzte Wand nicht mehr finden und auch kein Wasser, alles war wie vorher. Und seit dieser Zeit will niemand mehr im Barranco wohnen.

Vielleicht waren die Männer ja auch nur etwas benommen vom Sauerstoffmangel im Tunnel.

Die Kristallinsel

Es gibt einige Berichte aus den 1990er Jahren über eine Insel, die man aus dem Barranco heraus sehen könnte, wenn man Richtung Meer blickt. Doch es kann nicht die Nachbarinsel Gran Canaria sein. Zeugen beschrieben diese Insel als sehr hell, wie aus Glas, und sie sahen ein Licht in Form eines Schiffes, das von dieser Insel ablegte, sich mit großer Geschwindigkeit den Felswänden der Schlucht näherte und sich dann auflöste. Über diese Vorfälle wurde sogar in einigen Zeitschriften berichtet, die sich mit übernatürlichen Phänomenen beschäftigten. Anwohner, die oft in der Nähe des Barranco arbeiten, bestätigen ebenfalls, dass sie ein helles Licht auf dem Meer beobachten, das sich wie eine gläserne Insel aus dem Wasser erhebt. Darauf folgt ein starker Luftstrom, begleitet von heftigen Geräuschen, der in die Schlucht hineinbläst.

Die Höhle mit dem Gestell

An einer der Felswände befindet sich in 100m Höhe die völlig unzugängliche Cueva del Cañizo, eine Höhle, an deren Eingang ein Gestell aus 12 Holzstangen deutlich auszumachen ist.

Cueva Canizo

Es handelt sich vielleicht um ein Gestell, an dem die Guanchen ihren Ziegenkäse zum Trocknen aufhängten. Der Höhleneingang ist schattig und luftig, das wäre ein guter Ort dafür. Allerdings gibt es keinen Zugang zur Höhle. Als Speisekammer ist sie recht unpraktisch. Doch ein schmaler Pfad in der Felswand könnte ja durch einen späteren Felssturz verschüttet worden sein.

Der Forscher Francisco Remedios behauptet, dass die Guanchen dort ihre besonders zu ehrenden Verstorbenen aufhängten. Die Vögel konnten das Fleisch von den Knochen lösen und so den Körper in die Ewigkeit tragen. Grabstätten in Höhlen sind auch von anderen Schluchten bekannt, aber nie in so großer Höhe. Und wie wurde der Leichnam dort hinauf transportiert?

Die Nazis

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Am 28. Juli 1991 wurde in einer Höhle in der Schlucht der Griff eines Dolches gefunden, der die Form eines geflügelten Wesens hat. Solche Symbole wurden auch in der Ideologie der Nationalsozialisten verwendet, da ihnen besondere Kräfte und Fähigkeiten zugeschrieben wurden. Der Dolch soll einem SS-Mann gehört haben, der vielleicht auf der Suche nach magischen Kräutern war. Sicher ist, dass Einheiten der deutschen Wehrmacht während des Zweiten Weltkriegs auf Teneriffa waren. Aber ob tatsächlich die Nazis im Barranco de Badajoz herumstöberten, das ist nur eine Vermutung und gehört ins Reich der Legenden.

Flatternde Flügel

Im Jahr 2005 machten drei Freunde eine Exkursion in den Barranco zur Naturbeobachtung. Sie gingen spät zurück und es wurde schon dunkel. Da hörten sie ein lautes Flattern über ihren Köpfen, sie duckten sich und schützten sich mit den Armen, weil sie Angst hatten, mit etwas zusammenzustoßen.

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Foto: Teyo Bermejo

Sie leuchteten mit ihren Taschenlampen nach oben, aber es war nichts zu sehen. Es kam das leise Schluchzen eines Kindes dazu und ein tiefes, geheimnisvolles Krächzen, da sie gehörig in Schrecken versetzte. In einem Reflex drückte einer von ihnen, der Fotograf Teyo Bermejo, auf den Kameraauslöser, obwohl nichts zu sehen war. Aber auf dem Bild fand er nachher dieses Gespenst mit zwei Flügeln.

Es gibt viele Zeugen, die fest behaupten, eine ähnliche Erfahrung gemacht zu haben. Oder haben wir es einfach nur mit Fledermäusen zu tun?

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Das Kindergesicht

An einer der Felswände oberhalb der Mina de Acaymo erscheint ganz klar das Gesicht eines Kindes.

Ist es das Birnenmädchen?

Beobachtet uns eine der Lichtgestalten?

Flattern von dort die Gespenster heraus?

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Der Retter

Spannend sind auch die Geschichten einer besonders rätselhaften Persönlichkeit, Manuel Bethencourt alias el Andarín, der als Kanalarbeiter häufig an diesen Ort kam. Ihm wurde nachgesagt, dass er als Folge einer Wette um einen Esel den Marsch vom Grund der Schlucht nach San Juan – die Entfernung beträgt etwa 6 Kilometer – in kürzerer Zeit unternommen hat als ein Stöckchen, das den Kanal hinunter schwimmt. Niemand wusste jemals, wie er zu einer solchen Leistung fähig war. Diese Figur ist auch mit den Ereignissen verbunden, die zur Geschichte des oben genannten Birnenmädchens führen, denn es wurde herausgefunden, dass es einen wahren Ursprung gibt und er derjenige war, der ein Mädchen aus einer Höhle im Barranco de Agua gerettet hat, nachdem es fünf Tage lang verschwunden war.

Der verschwundene Hund

Eine Frau aus der Gegend erzählte, dass sie mit ihren Freunden eines Tages in der Schlucht spazieren ging, und während des Spaziergangs wurden sie plötzlich von einem Hund mit hellbraunem Fell begleitet. Er war sehr verspielt und folgte ihnen bis zu einem Punkt in der Schlucht folgte, wo es einen großen Mispelbaum gibt. Der Baum ist allen bekannt und ein beliebter Treffpunkt und Rastplatz während der Wanderungen. Dort, am Fuße des Obstbaums, beschlossen sie, ein Gruppenfoto mit einer analogen Kamera zu machen. Als sie ihren kleinen Ausflug beendet hatten, kehrten sie zurück und erinnerten sich daran, dass der Hund mit ihnen zurück lief, genau bis zu der Stelle, wo er beim Hinweg aufgetaucht war. Als sie Tage später den Film entwickelten, erkannten sie, dass am Schnappschuss etwas seltsam war. Alle Anwesenden lachten, und man sah ihren Verlobten in einer Haltung, als ob er einen Hund streichelte. Aber der Hund war nicht auf dem Bild!

Eines ist klar: Diese tiefe Schlucht bietet mit ihren wabernden Nebelschwaden, den imposanten Felswänden und dem undurchdringlichen Gebüsch wahrlich Anlass genug dafür, dass aus einfachen Geschehnissen geheimnisvolle Legenden entstehen können. Es lohnt sich allemal, auf einer Wanderung den Barranco zu erforschen. Wie man dort hin kommt, ist ausführlich beschrieben im Artikel Spurensuche.

Wer noch mehr darüber lesen will, findet die Geschichten (auf spanisch) in dem kleinen Buch von Juanca Romero Hasmen: „Barranco de Badajóz, Entre leyendas y misterios“, ISBN 978-1-4092-2564-5.

Eine ähnliche Schlucht (ohne Legenden!) kannst du in der Nähe von Candelaria erwandern: Ans Ende der Welt.

Gehe zu Google Map:

Der Barranco de Badajoz sieht im unteren Teil ganz anders aus, dort ist die Landschaft durch Bergbau nachhaltig zerstört: 168 423 159,13 Euro.


Artikel-Nr. 13-2-66

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