Ein rotes Haus am Meer

Skandal hoch 3.

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In der Nähe von Abadés, auf der Halbinsel des Leuchtturms von El Poris, steht ein roter Palast, in der Mitte von Nirgendwo. Eine einsame, verlassene Ruine im Wind. Niemand weiß, warum sie leer steht, noch, was damit passieren soll. Jedenfalls steckt ein handfester Skandal dahinter.

1605048_2Es handelt sich um das Gelände der in den 40er Jahren geplanten Leprastation, die nie in Betrieb ging. Darüber wurde schon viel geschrieben. Das ganze 900 000 Quadratmeter große Gebiet gehörte bis 2002 dem Verteidigungsministerium, dort wurden Soldaten trainiert und Schießübungen durchgeführt. Der italienische Investor Alberto Giacomini kaufte die riesige Fläche für rund 17 Millionen Euro und hatte vor, dort einen Tourismuskomplex mit zwei Golfplätzen und 3000 Hotelbetten zu errichten. Der damalige Bürgermeister von Arico, Eladio Morales, beglückwünschte sich, dass nun endlich auch seine Gemeinde an der touristischen Entwicklung der Insel teilhaben könne. Doch vor der touristischen Nutzung sind noch Sonderpläne, Übergangspläne und Schutzpläne auszuarbeiten, an denen seit Jahren gearbeitet wird.

Skandal Nr. 1: Die Gemeinde Arico hatte schon 6 Mio Euro in Planung und Infrastruktur investiert. Hier ist ein Artikel zur Geisterstadt – mit mehr Infos dazu – und ein Wandervorschlag: Sanatorio de Abades.

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Jetzt soll es aber nicht um das ganze Gelände der Geisterstadt gehen, sondern nur um das rote Haus am Meer. Weithin sichtbar steht es auf einer Halbinsel oberhalb des Strandes Los Cardones. Hier war einmal die Militärverwaltung untergebracht. Was danach mit dem Haus geschah, ist nicht mehr im Detail zu erkunden. Sicher ist, dass im Jahr 2011 dort eine wohltätige Organisation einzog, die sich „Amigos de Lourdes“ nannte. Ob sie das Haus nur gemietet oder von dem Italiener abgekauft hatten, weiß niemand.

Amigos de Lourdes_ecooceanosblogspotcomDie „Freunde von Lourdes“ betrieben dort eine Sozialstation und widmeten sich der Resozialisierung von Drogenabhängigen. Die dort untergebrachten Männer und Frauen halfen mit bei einer Aktion der Vereinigung EcoOcéanos und säuberten die Strände von Müll. Sie beseitigten fast zwei Tonnen Metall und Stacheldraht, die die Militärs zurückgelassen hatten.

1902063_1Doch gleichzeitig beschwerten sich Strandbesucher über die zahlreichen Hunde der „Freunde von Lourdes“, deren Hinterlassenschaften das Baden am Strand unmöglich machten. Zudem sollen die Bewohner des Hauses sich am Strand mit Seife gewaschen haben, Berge von Schaum waren die Folge.

Dies alles war in den Jahren 2012 und 2013. Doch der eigentliche Skandal kam, als die „Freunde von Lourdes“ im September 2015 das Haus verließen. Aus welchem Grund, ist unbekannt.

 

Sicher ist, dass die „Freunde“ ziemlich überraschend aus dem roten Haus auszogen. Alles, was sich im Haus befand, wurde zurückgelassen. Besonders befremdlich ist, dass auch sämtliche Lebensmittel und Essensvorräte dort blieben, die eigentlich zur Verpflegung der Insassen gedacht waren. Fleisch, Obst, Milch, Dosen und Flaschen, teilweise angebrochen oder mit längst abgelaufenem Haltbarkeitsdatum, umgestürzte Regale, offene Tiefkühltruhen. Schmutzige Kleidung, kaputte Möbel, es muss ein fürchterliches Durcheinander gewesen sein, verbunden mit einem schrecklichen Gestank. Dass in der Hitze der Wüste alles schnell verdirbt, kann man sich vorstellen. Welches Chaos im Oktober 2015 dort herrschte, hat ein Team von El Día gefilmt:

Skandal Nr. 2: Eine wohltätige Organisation lässt Tonnen von Nahrungsmitteln für Bedürftige einfach vergammeln.

Natürlich reagierte auch die Stadtverwaltung von Arico. Die Bürgermeisterin hatte keine Erklärung für die Vorkommnisse und wollte zunächst nicht einschreiten. Öffentliche Gelder zu verwenden, um ein Privathaus zu säubern, sei dem Steuerzahler nicht zu vermitteln. Außerdem sei das Haus weit genug von der Wohnsiedlung Abades entfernt, eine Belästigung durch Ratten oder Ungeziefer sei deshalb unwahrscheinlich.

1902056_1Heftiger Widerspruch kam von der Opposition, die eine große Gefahr und ein gesundheitliches Risiko für Strandbesucher oder Spaziergänger sah, und die Haltung der Bürgermeisterin als Ausrede bezeichnete, um nicht einschreiten zu müssen. Zudem hätten die „Freunde von Lourdes“ vermutlich gegen Gesetze verstoßen, denn im Haus fand man auch zahlreiche Sozialversicherungskarten, Ausweise und Führerscheine, die den dort untergebrachten Drogenabhängigen gehörten.

Schließlich einigte sich die Gemeinde aber doch mit den „Freunden,“ die dann zumindest die Reste der verdorbenen Lebensmittel entfernten. Doch alles andere blieb im Haus.

 

Ein weiterer ungeklärter Umstand ist, dass noch im Juli 2015 eine Gruppe der offiziellen Nahrungsmittelhilfe von Teneriffa dort im Haus war und offenbar alles in bester Ordnung vorfand. Die „Banco de Alimentos de Tenerife“ hatte etwa 1000 kg Lebensmittel an die „Freunde von Lourdes“ gespendet, die dort gehortet wurden. Eine viel zu große Menge für eine Handvoll Bewohner, die diese nicht verwenden konnten.

Skandal Nr. 3: Die staatliche Nahrungsmittelhilfe liefert einer dubiosen Vereinigung Spenden im Übermaß und unter zweifelhaften Umständen.

1902061_1Lügner, Diebe, Heuchler mit der Bibel in der Hand; solche Kommentare finden sich im Internet über die „Amigos de Lourdes“. Ihr Hauptsitz ist in Las Palmas, wo sie schon Jahre zuvor ein Hilfsprojekt für Drogenabhängige betrieben, im Stadtteil San José del Álamo. Mehr als 20 Personen lebten dort, zusammen mit Hunden, Enten, Ziegen, Hühnern und einer Herde vietnamesischer Schweine. Es gibt auch eine Adresse, eine Telefonnummer und eine Steuernummer. Amigos_LasPalmas

Man könnte also vielleicht juristische Schritte unternehmen. Doch wer hätte ein Interesse daran, und wem würde es etwas nützen?

 

Das rote Haus hat sich verändert. Im Inneren wurde immer mehr zerstört. Die Wände, die eines Tages mal liebevoll, fast schon künstlerisch bemalt waren, wurden mit Farbe übersprüht. Auch die Außenwände zieren nun Graffiti zweifelhafter Qualität. Natürlich bietet so ein verlassenes Haus auch Raum für Vandalismus und Zerstörungswut, die man hier ungestört ausleben kann. Denn es ist weit genug entfernt von der Zivilisation. Und es wird wohl keine Zukunft mehr für das Gebäude geben.

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Es ist unwahrscheinlich, dass die Gemeinde Geld ausgeben wird, sei es für eine Restaurierung oder für einen Abriss. Vermutlich darf sie das gar nicht, so lange es sich in Privatbesitz befindet.

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Artikel-Nr. 3-5-145

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