Der Milchmädchenweg

Durch die Berge in die Stadt.

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Ganz bequem und doch überraschend wild – der alte Handelsweg von La Laguna nach Santa Cruz ist traumhaft schön und trotzdem ziemlich wenig begangen – glücklicherweise. Der historische Weg der Milchträgerinnen gehört zum kulturellen Erbe der Insel. Ein großes Stück davon führt durch stille Täler und Schluchten mit herrlichen Aussichten.

Jedes Jahr ruft der Club Montañeros de Nivaria eine große Zahl von Wanderern zusammen, um an die alte Tradition zu erinnern. Angeführt von einer Gruppe Sennerinnen in ihrer alten Tracht gehen sie den Weg, auf dem früher Milch, Butter und Käse in die Hauptstadt transportiert wurden. Aus dem fruchtbaren Tal von La Laguna brachten Frauen und Mädchen die frischen Milchprodukte in die Großstadt. Mit Körben auf dem Kopf, mit Milchkannen und Rucksäcken trugen sie ihre Ware über mehr als zehn Kilometer auf den Markt von Santa Cruz. Sie waren Händlerinnen, die bei Bauern und Molkereien die Produkte kauften und sie in der Stadt wieder verkauften.

lecheras_eldia (Foto: El Día)

Vor der großen Markthalle Nuestra Señora de Africa in Santa Cruz steht ein Denkmal für die Milchfrauen, deren Arbeit nicht zu unterschätzen war. Sie mussten schon vor Tagesanbruch losgehen und hatten einfache Lampen bei sich. Jeden Tag und bei jedem Wetter liefen sie oft barfuß und mit mehr als 15 kg Milch oder Käse auf dem Rücken, oder auf dem Kopf, über felsige und unbefestigte Gebirgspfade. Auf dem Weg muss früher einmal viel los gewesen sein, denn es waren nicht nur die Milchträgerinnen unterwegs. Natürlich auch Bauern, die Obst und Gemüse verkaufen wollten und ihr Vieh zum Markt trieben. Handwerker mit selbst gefertigten Gegenständen, Kinder, die in die Schule gingen, alle benutzten sie denselben Weg, der im Laufe der Zeit breiter, bequemer und besser ausgebaut wurde.

lecheras_diariodeavisos (Foto: Diario de Avisos)

Sicher ist, dass bereits Anfang des 16. Jahrhunderts dieser Weg regelmäßig benutzt wurde. Es gibt auch Hinweise darauf, dass bereits in der vorspanischen Zeit hier häufig frequentierte Verbindungswege zwischen den Tälern existierten, die zum Guanchen-Königreich von Anaga gehörten. In den Höhlen am Barranco de Santos gibt es auch eine Grabstätte der Guanchen. Man weiß auch, dass Beziehungen zum benachbarten Königreich Aguere, dem heutigen La Laguna, existierten.

monumento_lecherasDem spanischen Eroberer Francisco Jiménez wurde am 30. Januar 1501 das Tal von Araguygo zugeteilt, das heute Valle Jiménez heißt. Er war eine der besonders hoch stehenden Persönlichkeiten in der spanischen Adelsgesellschaft, denen die besten Ländereien der Insel zur Verfügung gestellt wurden. Die Fruchtbarkeit der Böden, die gute Verfügung von Wasser, die Nähe zur neu gegründeten Stadt La Laguna und die zahlreichen Handelswege waren Gründe dafür, dass dieser Landstrich so wertvoll eingeschätzt wurde. Auch ein Grund dafür, warum genau hier ein Denkmal für die Milchträgerinnen aufgestellt wurde.

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Der Weg, den die Wandergruppe alljährlich – in wechselnder Richtung – geht, verbindet die beiden Mutterkirchen von Santa Cruz und La Laguna, die beide den Namen La Concepción tragen. Er verbindet also beide Stadtzentren und ist insgesamt 16 km lang. Die hier vorgestellte Route ist das Mittelstück davon und vermeidet so die anstrengenden Wege durch die Stadt und auf Straßen. Nur ein kurzes Stück in Valle Jiménez muss man auf der Straße laufen, alles andere sind wunderschöne Wanderwege, vor allem im unteren Drittel auch überraschend wild.


Wanderbeschreibung

1901103_1Die Wanderung beginnt im Ortsteil Jardina von La Laguna, auf der Hauptstraße Camino Jardina 300m oberhalb der Kirche, bei der Bushaltestelle „El Mago“ der Linie 271. Dort geht nach rechts ein Feldweg ab, der leicht ansteigt und auf einen Höhenrücken zu läuft. Er trifft oben auf einen Fahrweg, dem man nach rechts folgt. Auf diesem geht man in einigen Kurven bis zur höchsten Stelle des Höhenrückens hinauf. Hier hat man herrliche Ausblicke über das Tal von Jardina und die Gartenlandschaft von Las Mercedes. In der Ferne sieht man die Stadt La Laguna und, wenn man Glück hat, zeigt sich auch der große Teide.

An der höchsten Stelle hält man sich links und steigt in ein Tälchen hinunter, wo man leicht auf der andere Talflanke einen schönen Wanderweg entdeckt, der nun fast ohne Steigung am Hang entlang verläuft. Hier ist es wunderbar grün und man genießt die stille Natur. Nach einer scharfen Linkskurve durchsteigt man einen kurzen Hohlweg und hat gleich wieder einen neuen Blick in das nächste Tal.

Wieder spaziert man fast eben und hangparallel weiter, bis man bei einem Gittertor auf Fahrwege stößt. Dort nimmt man den Weg, der nach rechts bergab führt – und ist schon wieder in einem neuen Tal. Dieser Fahrweg führt in mehreren Serpentinen bergab, zuerst eine Linkskurve, dann eine Rechtskurve. Danach kann man die nächste Rechtskurve auf einem steileren Pfad abkürzen und trifft in der nächsten Linkskurve wieder auf den Fahrweg.

Wer sehr bequem weiter gehen möchte, biegt hier rechts ab und folgt einem Wanderweg, der auf die andere Seite des Tals zu einem Gehöft hinauf führt und an einem alten Dreschplatz vorbeikommt. Nach dem alten Bauernhof geht man dann auf der Höhe und immer auf einem bequemen Fahrweg weiter. Siehe Variante „braun“ in der Karte.

1901116_1Die spannendere Route folgt ab der Kurve noch ein Stück dem Fahrweg, biegt dann aber kurz vor dessen Ende nach links ab. Hier beginnt ein Steilabstieg, den man ein bisschen suchen muss. Aber bald erkennt man unten im Tal einige schwarze Felsen, über die nach Regenfällen auch ein Bach fließen kann. Diese Felsen überquert man und steigt auf der anderen Seite wieder ein kurzes Stück auf. Danach ist der Wegverlauf wieder einfach, es geht immer auf der rechten Talseite und fast eben weiter, bis man wieder auf den Fahrweg trifft, der bei der Variante „braun“ beschrieben ist.

250 m weiter sieht man einen einzeln stehenden Baum. Dort geht der Fahrweg nach rechts, aber der Grundstücksbesitzer hat deutlich sichtbar ein Schild angebracht, dass der Durchgang hier verboten ist. Deshalb muss man nach links abbiegen und einen schmalen Pfad suche, der kurz danach wieder deutlicher wird und in einem Rechtsbogen zu einem Haus hinab führt. (Wer das „Durchgang verboten“ Schild missachtet, kann trotzdem gefahrlos weitergehen, wird aber weiter unten auf ein massives Eisentor treffen, das nur mit Mühe zu überklettern ist!)

1901119_1Nun kommt man zu einer kleinen asfaltierten Straße, die immer an einem Bachbett entlang ins Ortszentrum von Valle Jiménez führt. Nach 600m verlässt man den Bachlauf nach links und trifft auf die Hauptstraße TF-111. Knapp 100m weiter unten zweigt die Straße Camino El Toscal nach links ab. Hier ist nun auch der Camino Las Lecheras offiziell ausgeschildert. Man befindet sich jetzt rechts des Bachlaufs und steht nach weiteren 400m überrascht am Rande einer tiefen Schlucht. Der kleine Bach stürzt hier in einen Abgrund. Die Straße verläuft am Rand dieses Abgrunds entlang, einige Häuser sind auf abenteuerliche Weise an die Felsen geklebt.

Leider geht es dann noch einmal etwa 50 Höhenmeter steil bergauf. Aber der kurze Anstieg lohnt sich. Oben, nachdem die Straße zu Ende ist, kommt man zu dem sagenhaften Aussichtsfelsen San Roque. Der runde Hügel gegenüber ist die Montaña Guerra. Einen Bericht über eine kurze Wanderung dort hinauf findest du hier: Über den Dächern der Stadt. Die Schlucht dazwischen ist eine Seitenschlucht des großartigen Barranco de Santos, der hier beschrieben ist: Barranco de Santos (3 Teile). Dahinter liegt der Stadtteil La Cuesta von La Laguna. Und in der anderen Richtung erblickt man schon das Häusermeer von Santa Cruz. Wer mag, kann auf die Felsen des San Roque hinaufklettern, es ist weniger gefährlich als es aussieht.

Hier ein kurzes Panorama-Video von diesem Adlerhorst aus:

Weiter geht es links von den Felsen, und nun beginnt überraschenderweise ein spannender Abschnitt des Wegs. Er ist gut erkennbar und ausgeschildert, und nach einem kurzen Stück über ehemalige Ackerterrassen steht man erstaunt vor einer Schlucht und geht an Felswänden entlang, wo der Weg durch Geländer und Stahlseile gesichert ist. An mehreren Punkten sind Schilder mit den traditionellen Namen dieser Orte angebracht: Boca del Andén, Barranco de las Goteras, Terrero de la Brujas (Kultplatz der Hexen), Hoya del Muerto (Totengrube), Hoya Honda, und zum Schluss, Lomo Colorado( farbiger Rücken). Ein Panorama-Schild erklärt auch, was es in der Ferne alles zu sehen gibt.

Immer wieder muss man stehen bleiben – sicherheitshalber – um die fantastischen Ausblicke zu genießen, oder um einen Blick nach oben zu werfen, um zu sehen wie hoch die Felswände aufragen. So nah an der Hauptstadt und doch so eine wilde Landschaft! Zu guter Letzt, auf dem Lomo Colorado, ist der Blick auf Santa Cruz perfekt.

(Galerie anklicken zum Vergrößern)

Direkt unter dem farbigen Rücken befindet sich die rote Höhle, Cueva roja. Wenn man die letzten Stufen zur Straße hinuntersteigt, sieht man gleich den Eingang in das Gewölbe, das eigentlich keine Höhle ist, sondern nur ein alter Steinbruch, in dem das rote Lavagestein als Baumaterial abgebaut wurde. Die Zufahrt von der Straße aus wurde für Autos gesperrt, nachdem Jugendliche hier des öfteren wilde Besäufnisse veranstaltet hatten. Nun ist die „Höhle“ wieder „sauber“.

In diesem Steinbruch gab es am 18. Juli 1936 ein trauriges Ereignis. Hier trafen sich 19 Männer, um über den Militärputsch Francos gegen die demokratische Regierung zu reden und welche Maßnahmen möglich wären, den zivilen Frieden wieder herzustellen. Sie wurden von Milizen des Franco-Regimes überrascht und als Anarchisten erschossen. Im Jahr 2008 haben Nachkommen der Opfer und Anwohner dieses Stadtteils eine Gedenktafel angebracht.

Der weitere Weg führt nun durch einen ganz besonderen Stadtteil von Santa Cruz. Cueva Roja ist ein ungewöhnlicher Ort. Geradeaus weiter geht eine Straße, die hier Camino Las Lecheras heißt, hinauf zu einer Aussichtsplattform, wo man sieht, dass dieses Gewirr von Häusern auf einem steilen Felsrücken liegt. Alle Häuser, die überwiegend mit dem roten Lavastein aus der Umgebung erbaut wurden, sind regelrecht an die steilen Abhänge geklebt. Viele nutzten noch einen vorhandenen Felsüberhang oder eine kleine Höhle als natürlichen Wohnraum.

Hier gab es keine Stadtplanung und keine Bauvorschriften. Im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts erfuhr Santa Cruz einen großen Bevölkerungszuwachs. Viele dieser Menschen konnten sich kein Grundstück im neu entstandenen, teuren „Barrio Nuevo“ leisten, und zogen hinauf auf den Bergsporn, um sich dort ein einfaches Haus zu bauen. Sie holten viele Verwandte nach, und noch heute sind drei Familiennamen vorherrschend, die Espinosas, die Martínez und die Morales. Es gibt sogar eine so genannte Avenida de los Morales, weil alle hier denselben Namen haben.

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1703128_1Die Wanderung verläuft nun weiter auf dem „Weg der 100 Stufen“, offiziell Camino La Loma. Diese ruhige „Fußgängerzone“ führt, wie man leicht vermutet, steil bergab bis zu einer Straßenkurve, dann noch einmal ein paar Treppen abwärts. Danach folgt man der Straße abwärts (TF-111), die eine scharfe Linkskurve macht, und nach einer Kurve weiter die Calle Febles Campos hinab. An deren Ende befindet sich 50m nach rechts die Brücke Zurita über den Barranco de Santos. Dort ist eine Straßenbahnhaltestelle. Wer mag, kann auch noch etwa 1 km weiter hinunter gehen bis ins Stadtzentrum.

 

Karte:

KarteMilchmädchenweg

Entfernung: 9,1km
Zeitbedarf: 4 Std., ohne Hin- und Rückfahrt
Höchster Punkt: 805m, tiefster Punkt: 130m

Anfahrt: Ab Busbahnhof La Laguna mit der Linie 271 bis nach Jardina, Haltestelle El Mago. Es fährt jedoch nicht jeder Bus dort hin, Fahrplan beachten. Alternativ nach Las Mercedes, Haltestelle Vereda del Llano und auf der gleichnamigen Straße etwa 400m nach Jardina.
Rückfahrt: Mit der Straßenbahn nach La Laguna. Auf der TF-111 fährt auch die Linie 902 zum Busbahnhof Santa Cruz, ab Cueva Roja allerdings nur selten.

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Artikel-Nr. 17-13-139

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