Allein im Wald

Kiefern, Lava, Höhlen und ein Kanal.

Die Waldgebiete auf der Westseite der Insel oberhalb von Guía de Isora sind ein wenig bekanntes Wandergebiet. Dort führen fast keine offiziellen Wege hindurch. Trotzdem kann man schöne und leichte Wanderungen machen und ist meistens dabei ganz allein. Es lohnt sich, denn zu entdecken gibt es einiges.

Die TF-38 von Chio hinauf in den Nationalpark ist eine Straße, auf der die meisten Besucher ohne zu halten durchfahren bis zu den beeindruckenden Landschaften oberhalb der Waldgrenze. Eine Wanderung weiter unten im Kiefernwald ist eine entspannende Alternative zu den viel begangenen Strecken.

Zum Beginn der hier beschriebenen Rundwanderung fährt man auf der TF-38 bis zum Kilometer 18,3. Genau dort mündet von links eine Waldpiste mit einer breiten Einfahrt, die nicht zu übersehen ist. Dort kann man am Rand das Auto abstellen.

Zunächst einmal empfiehlt es sich, auf der Straße etwa 20 m aufwärts zu gehen. Dort entdeckt man direkt neben der Straße die Cueva de los Pájaros, den Ausgang einer Lavahöhle. Vom Auto aus ist nur ein halbrunder Lavabogen zu sehen, aber wer ein paar Schritte von der Straße weg geht, steht überrascht von einem langen, hohen Tunnel, der schräg nach unten verläuft und dessen Ende in einem schwarzen Loch verschwindet. Die Höhle geht 80m in die Tiefe. Man kann ein paar Meter hinein klettern, aber nicht bis zum Ende.

Solche Lavaröhren entstehen, wenn ein Lavastrom an der Oberfläche abkühlt und verhärtet, während im Innern noch flüssige Lava weiter fließt. Kommt der Strom zum Versiegen, kann ein langer hohler Tunnel entstehen. Teneriffa verfügt über das zweitlängste Tunnelsystem der Welt mit dieser Entstehung. Auf der Nordseite bei Icod de los Vinos wurden die Röhren auf mehr als 17 km Länge vermessen, ein Stück davon ist in der Cueva del Viento für Besucher zugänglich.

Der Beginn der Wanderung geht nun zunächst einmal 700m abwärts auf der Straße. Nach etwa 150 m entdeckt man links einen weiteren kleinen Ausgang einer Lavahöhle. Kurz nach der Kilometermarkierung km 19 überquert ein Wanderweg die Straße. Es ist der SL TF-203, der von Chio herauf kommt, er ist mit einem Holzpfosten und einer grün-weißen Markierung gekennzeichnet. Dort geht man nun abwärts.

Der mit Steinen begrenzte Wanderweg kreuzt gleich danach eine Piste und nach weiteren 170m die Piste zum zweiten Mal. 500m später trifft der Weg zum dritten Mal auf die Piste. Dort hält man sich rechts und bleibt auf der Piste, die sofort wieder rechts abknickt. Hier ist ein grün-weißes Kreuz, das anzeigt, dass der Wanderweg nicht hier weiter geht. Die Piste ist mit BC 3 bezeichnet. Auf ihr geht man gemütlich weiter und kommt nach 300m zur Cueva Grande de Chio.

Dies ist ebenfalls eine gewaltige Lavahöhle. Der Zugang ist mit einem Steinwall geschützt und der Höhleneingang ist vergittert. Der Tunnel hat im Innern eine Höhe von 10m. Im Jahr 2018 wurden hier zufällig zwei Skelette von Kleinkindern entdeckt. Ein Jäger und ein Fotograf waren auf der Suche nach einer Albino-Spinne in die Höhle hinein geklettert, und als sie einen Stein zur Seite schoben, entdeckten sie den Schädel eines Kindes. Sie dachten zuerst, es handele sich um eine Puppe, aber dann fanden sie auch Knochen, die in einen vernähten Lederbeutel eingewickelt waren, vermutlich aus Ziegenhaut. Ein klares Zeichen, dass es sich um eine Begräbnisstätte der Guanchen handelte. Das Baby muss etwa 35 Wochen alt gewesen sein. Bei späteren Untersuchungen fand man Teile eines zweiten Kinderskeletts. Der Fund erregte großes Aufsehen unter den Archäologen, denn seit 1969 hatte man keine menschlichen Überreste der Ureinwohner mehr auf der Insel gefunden. Erstaunt waren die Forscher auch darüber, dass diese Grabstätte so weit abgelegen von allen anderen Fundorten war. Die Inselregierung hat danach für 15 544 € eine Untersuchung genehmigt, um durch weitere Ausgrabungen, Radiographien und Vermessungen mehr über diesen Ort ans Tageslicht zu bringen.

Oberhalb der Piste gibt es einen zweiten Höhlenausgang, der ebenfalls mit einem Gitter versperrt ist. Dort kann man hingehen und hineinsehen, aber außer Steinen gibt es nichts zu sehen.

Die Piste geht nun noch etwas bergab. Unterhalb sieht man schon den Kanal, den man 550m nach der Höhle erreicht.

Es ist der Kanal Vergara, mit 34km Länge der längste der Insel. Er transportiert Wasser aus den Galerias von Vergara im Wald von La Guancha bis hier her. Es ist spannend, dort die Wasserstollen und Förderungsanlagen anzuschauen. Lies dazu den Artikel Entdeckungstour. Der Kanal endet etwas weiter unten im Ort Aripe. Von nun an wandert man direkt auf dem Kanal bergauf, aber man bemerkt die Steigung kaum, denn auf den nächsten 3,7km steigt der Kanal nur um 115m, das entspricht einer durchschnittlichen Steigung von nur 3,1%. Die Wasserstollen in La Guancha liegen in 1460m Höhe, und hier an dieser Stelle befindet man sich auf 1095m Höhe. Der Kanal hat eine Kapazität von 400 Liter pro Sekunde.

Das Laufen auf dem Kanal ist bequem, aber er ist schmal. Unter den Füßen plätschert immer wieder das Wasser. Man benötigt etwas mehr als eine Stunde für diese Strecke. Gleich neben dem Kanal verläuft parallel eine Piste. Wer es satt hat, auf dem Kanal hintereinander her zu laufen, kann jederzeit auf die Piste wechseln. Besonders mit Kindern sollte man nicht zu lange auf dem Kanal gehen, denn es erfordert etwas Konzentration, weil man leicht stolpern kann. An manchen Stellen verläuft er auch zwei Meter über dem Grund.

Nach etwa 45 Minuten bemerkt man bei aufmerksamer Beobachtung, dass der Wald etwas lichter, die Bäume niedriger und die Lavafelsen etwas kahler werden. Man kommt an einem auffälligen Lavastrom vorbei. Ein paar Minuten später wird es noch spannender, dann durchquert der Kanal ein großes Lavafeld. Es ist ein fast schon pharaonisches Bauwerk in dieser unwirtlichen Landschaft. Ingenieure und Bauarbeiter haben ein großes, erstaunliches Werk geschaffen.

Dort wo der Kanal in einem weiten Bogen nach links schwenkt, kreuzt wieder eine Waldpiste. Es ist immer noch die BC 3, dort gibt es auch eine Beschilderung „Cueva de los Pájaros, 3,4km“. Auf dieser Piste geht man nun scharf nach rechts und beginnt den Rückweg oberhalb des Kanals. Kurz darauf durchquert man wieder das Lavafeld und hat noch einmal einen Blick von oben auf den Kanal. Es ist immer wieder erstaunlich, dass zwischen den schroffen Felsen die kleinen Kiefern sprießen und nach langer Zeit dann doch zu großen Bäumen werden.

Der restliche Weg verläuft nun immer auf der Piste, die in einigen Kurven langsam bergauf steigt. Immer wieder entdeckt man kleine Reste von Lavahöhlen, von denen nur noch eine überhängende Decke übrig ist. Manchmal sind auch eindeutig Vertiefungen zu erkennen, die auf eine eingestürzte Höhlendecke hinweisen.

Wie vielen Menschen sind wir nun begegnet? Es ist eine erstaunlich einsame Gegend hier. Allein im Wald.

Entfernung: 9,5km
Höchster Punkt: 1285m, tiefster Punkt: 1095m
Zeitbedarf: 3 Std.

Karte

Mögliche Abkürzung: Sollte ein unvorhergesehener Wetterumschwung oder ein anderes Ereignis eintreten, kann man die Wanderung etwas verkürzen. Bei dem erwähnten ersten Lavastrom kann man über denselben nach rechts oben steigen, ein steiniger Weg geht dort hinauf. An der Abzweigungsstelle liegt neben einem kaum erkennbaren Steinmännchen ein verrostetes Eisenkabel, direkt rechts neben dem Kanal. Wer die Abkürzung geht, verpasst allerdings das besonders interessante Stück des Kanals im Lavafeld.

Gehe zu Google Map:

Diese Wanderung als pdf und als kmz für Google Earth: Lies nach auf der Seite SERVICE und schreib mir eine Mail.


Artikel-Nr. 14-2-210

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