Afrika am Kraftwerk

Otto und seine Kunst.

Nein, es ist kein Flohmarkt, es ist auch kein Sperrmüll. Was Otto dort neben dem Kraftwerk geschaffen hat, ist das Ergebnis von Fleiß, Beharrlichkeit, Überlebenswille und erstaunlicher künstlerischer Begabung. Es ist auch kein Zufall, dass Otto dort gelandet ist. Er ist überzeugt, dass dahinter eine höhere Macht steckt, die Götter und Geister seiner Ahnen.

Es ist kein Flohmarkt, denn Otto will nichts verkaufen. Er sammelt einfach alles und verwandelt es in Kunst. Und er hat ein großes Ziel: Was er nicht verwerten kann, das soll nach Afrika kommen, eines Tages. Denn dort wird alles gebraucht, repariert und wieder verwendet, nicht weggeworfen, wie hier. Es fehlt ihm nur noch ein Container und das Geld für den Transport. Er verkauft nichts, freut sich aber trotzdem über einen kleinen Beitrag zu seinem Leben und verschenkt dann auch gerne eines seiner einzigartigen Kunstwerke.

Otto stammt aus Ghana und lebt seit über dreißig Jahren in Spanien, mehr als die Hälfte seines Lebens. Er spricht perfekt spanisch und ein bisschen deutsch und englisch. Damals, als er 1989 auf einem Holzfrachter von der Elfenbeinküste ankam, „das war kein Flüchtlingsboot“, wie er betont, sagte er, dass er Südafrikaner sei, und bekam politisches Asyl, weil er „36 000 Pesetas an Felipe González bezahlt“ habe. Dann lebte er auf La Gomera, wo sie ihn Yaya nannten, später in Tacoronte bei seinem Freund Luis, und seither kennt man ihn als Otto. Wie er zu diesem deutschen Namen kam, weiß er selber nicht.

Er bedauert nichts. Trotz seines einfachen Lebens und seiner Einsamkeit ist er ein glücklicher Mann. „Niemand schreibt mir etwas vor, nicht einmal Gott.“ Aber insgeheim glaubt er an das Schicksal, das von den Göttern und den Ahnen bestimmt wird. Über seinem Lieblingssessel klebt ein vergilbtes Bild der drei Heiligen, die er verehrt. Otto kennt auch die Bibel gut, aber er fühlt sich keiner Religion zugehörig. Er schätzt die Natur, insbesondere die Steine. „Denn auch wenn du sie noch so zerschlägst, es bleiben doch immer Steine.“

Aus den Steinen vor seiner Haustüre macht er Kunstwerke, bemalt sie, klebt sie auf Teller, schmückt sie mit Glasscherben, alten Münzen und mit Perlen, die in Afrika als Zahlungsmittel verwendet wurden. Es gibt nichts, was Otto nicht in ein Kunstwerk verwandeln könnte, und seien es alte Badelatschen.

Otto ist ein gebildeter Mann. Er besitzt nicht nur die Bibel, sondern viele andere Bücher, und er möchte sie nach Afrika bringen, denn es sei wichtig, die Bildung dort hin zu bringen, „damit die Jungen nicht ihr Leben auf einem Flüchtlingsboot riskieren“. Sie seien nicht gescheit und wüssten gar nicht, welche Schätze ihr eigenes Land bietet, Öl, Gold, Diamanten, aber sie wüssten nicht wie sie sie nutzen könnten und ließen sich nur ausbeuten. Er würde seinen Landsleuten gerne helfen. Es gibt nur ein Problem: Er hat noch keinen Container.

2016 kam Otto hier her nach Candelaria und ist heute der einzige Bewohner in den einfachen Hütten direkt neben dem Kraftwerk. Nachdem die Stadt wegen Einsturzgefahr einer Felswand die Räumung aller Häuser im Stadtteil Bajo La Cuesta angeordnet hatte, bauten sich die Bewohner provisorische Behausungen aus Holz, gedeckt mit Plastikplanen und Metallplatten. Mehr als 50 Familien mussten damals ihre Häuser verlassen, viele sind bis heute noch ohne Zuhause. Einige jedoch konnten in ihre Wohnungen zurückkehren oder kamen anderswo unter, und dann kam Otto und zog dort ein.

Er hat es sich bequem gemacht in seiner Hütte, geschmückt mit allerlei Kunstwerken, Teppichen, Sesseln und Vorhängen. Er hat eine Badewanne mit Meerblick und holt das warme Wasser aus dem Ablauf des Kraftwerks. Er hat auch ein altes Auto, voll mit Gerümpel, ein paar Hühner, ein Mobiltelefon und eine Emailadresse. Er kommt mit weniger als 200 € im Monat aus und hat alles, was er braucht. Nur keinen Container.

Natürlich ist das alles illegal. Er lebt auf einem Grundstück, das unter der Aufsicht der Küstenbehörde steht. Die Guardia Civil kam auch schon vorbei, aber sie lassen ihn in Frieden. Die Stadt Candelaria kann ihm nichts anhaben, denn das private Gelände gehört der Endesa, der Betreiberfirma des Kraftwerks, und die kann nichts unternehmen, weil die Küstenbehörde zuständig ist. Glück für Otto, der immer wieder Geschenke erhält von Leuten, die etwas nicht mehr brauchen oder ihre Wohnung auflösen. Matratzen, Paletten, alte Fahrräder, Bilder, Möbel, … er selbst sammelt alles, was er am Straßenrand findet. Sein Sperrmüll, nein, sein Flohmarkt wächst Tag für Tag. Eines Tages soll das alles nach Afrika kommen.

Er hat „sein“ Gelände mit einem einfachen Zaun gekennzeichnet und Masken aufgehängt, die ihn vor dem Bösen schützen. Er hat die Blattrippen von Palmwedeln bemalt mit phantasiereichen Gesichtern und kann zu jedem eine eigene Geschichte erzählen. Aber das Gelände wächst, und schon hat er außerhalb neue Gebilde erschaffen, neue Räume und neue Perspektiven.

Otto erschafft aus einem verlassenen Raum einen neuen, er ist ein Künstler. Im Schatten des Kraftwerks lebt Afrika.

Wer ausgefallene, einzigartige Kunstwerke liebt, sollte Otto mal besuchen und ihn mit einem kleinen Schein unterstützen. Er bedankt sich mit einem herzhaften Lachen.

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Artikel-Nr. 6-4-209

Ein Gedanke zu “Afrika am Kraftwerk

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