Entdeckungstour

Zu den Wasserstollen von La Guancha

In den Wäldern oberhalb von La Guancha liegen die wichtigsten Wasserquellen der Insel. Es ist eine unbekannte, weit abgelegene Gegend, in die sich kaum ein Urlauber verirrt. Wer bereit ist, auf staubigen Waldpisten zu fahren, kann eine bezaubernde, ruhige Waldlandschaft erkunden und erwandern und die für die Wasserversorgung so wichtige, alte Technik entdecken.

Auf Teneriffa gibt es keine ständig fließenden Oberflächengewässer. Rund 84% des Wassers für die Versorgung der Bevölkerung und der Hotels und für die Landwirtschaft kommt aus unterirdischen Wasserstollen, so genannten Galerías, die tief in den Berg getrieben wurden. Dort sammelt sich das Wasser, das vor langer Zeit im Vulkangestein versickert ist. Es wird über Rohre und Kanäle in die Siedlungen geleitet, oft über erstaunlich große Entfernungen.

Im Waldgebiet von La Guancha befindet sich die ergiebigste Wassergewinnungsanlage der Insel. Die Galería Vergara I lieferte früher eine Fördermenge von 1500 pipas pro Stunde. Im Jahr 2017 wurde sie durch einen Seitenast erweitert und fördert nun 2000 pipas pro Stunde. Hinzu kommt die Menge der Galería Vergara II mit etwa 200 pipas pro Stunde.

Auch heute wird die Wassermenge noch in der traditionellen Einheit „Pipa“ gemessen. Auf Teneriffa entspricht 1 pipa 480 Liter (außer in Buenavista del Norte, dort sind es 482 Liter). Rechnet man das um, so kommen die beiden Stollen zusammen auf die unvorstellbare Wassermenge von über 1 Million Liter pro Stunde oder rund 25000 m³ pro Tag. In weniger als 17 Stunden könnte man damit alle Einwohner der Kanaren mit einer 8-Liter-Flasche Wasser versorgen.

Die Stollen verlaufen etwa in südöstlicher Richtung in den Berg und zapfen das Wasserreservoir unter den Cañadas an. An ihren Endpunkten liegen sie rund 600m unter der Erdoberfläche. Das Wasser fließt in zwei Richtungen. Etwa 80% der Wassermenge werden über zwei gemauerte Kanäle von etwa 70km Länge um die halbe Insel herum bis nach Guía de Isora geleitet, 20% fließen in Rohren Richtung Norden.

Auf Teneriffa verteilt sich der Wasserverbrauch etwa so: 46% für die Landwirtschaft, 38% öffentliche Trinkwasserversorgung, 12% Tourismus und Freizeit. Überall ist das Wasser in Privatbesitz. Früher sprach man von den „Wasserherren“, denn dem Landbesitzer gehörte traditionell auch das Wasser. Heute gehören 82% der Wasservorräte der Insel so genannten Wassergemeinschaften (comunidades), davon gibt es rund 1000, mit insgesamt mehr als 30 000 Aktionären. Zahlreiche Wassergemeinschaften haben ihre Aktien aber an die großen Wasserversorgungsunternehmen, wie Canaragua oder Aqualia, verkauft. Im Falle von Vergara sind sind sie aber noch in Privatbesitz, mehr als 70 Eigentümer teilen sich 3410 Aktien. Sie entscheiden bei ihren Aktionärsversammlungen über die Verteilung, den Verkauf und den Preis des Wassers. Die „Cámara Insular de Aguas“ übt aber eine gewisse Kontrolle aus, die Preise liegen zwischen 60 und 70 Cents pro Kubikmeter.

Mehr Informationen über die Wasserstollen gibt es in der Entdeckungstour.

Die Entdeckungstour

Sie beginnt beim Campamento Barranco de la Arena (Anfahrt siehe unten). Direkt unter dem „Eingangstor“ geht man etwa parallel zur Piste geradeaus hinein, der Picknickplatz bleibt links. Nach 150m kommt man zu einer Schranke und biegt kurz danach links ab auf die Pista las Nieves. Sie ist ein schöner Waldweg, der ganz gemächlich ansteigt. Gelegentlich öffnet sich der Blick zum Teide.

Nach 1,3 km (oder 15 min ab Campamento) darf man eine scharfe Haarnadelkurve nach links nicht verpassen, geradeaus würde eine kleine Waldpiste weiter gehen. Der Weg steigt weiter in vielen Kurven an. Nach 2,8 km (ca. 45 min ab Campamento) erreicht man die Galería las Nieves. Dort fällt zuerst die verrostete Metallbrücke auf, die den Weg überquert. Dort wurden früher die Loren darüber geschoben, um den Abraum wegzukippen.

Wenige Meter weiter oben steht das verfallene Haus, in dem einst der Canalero mit seiner Familie wohnte. Es ist nur noch eine Ruine. Im oberen Stockwerk findet man die Küche und das Badezimmer, allerdings total verschüttet. Im Erdgeschoss waren die Arbeitsräume. Neben dem Haus ist der verschüttete Stolleneingang. Die Galería ist heute nicht mehr in Betrieb.

Der Platz vor dem Haus eignet sich hervorragend für eine kleine Rast.

Der Weiterweg ist nun sehr bequem, man geht auf dem gemauerten Kanal unter der Brücke durch und für die nächsten 10 min ganz eben. Immer wieder plätschert das Wasser unter den Füßen. Man geht gegen die Fließrichtung des Wassers, aber auf den nächsten 700m steigt der Kanal nur um 2m an. Erstaunlich, wie perfekt er angelegt und an das steile Gelände angepasst ist! Nach einer deutlichen Linkskurve wird das Rauschen immer stärker. Es kommt aus dem Wasserhaus, wo das Wasser aus den von oben herunter kommenden Rohren in die Kanäle verteilt wird.

Ein paar Meter unterhalb des Wasserhauses sieht man eine alte Cantonera, wo früher die Wassermengen gemessen und aufgeteilt wurden.

50m hinter dem Wasserhaus trifft man auf die Pista Vergara, auf der man nach rechts oben geht, die nächsten 200m sind etwas steil. Doch dann steht man mitten in dem kleinen „Dorf“ der Comunidad Barranco Vergara. Es besteht aus mehreren Gebäuden. Wie man sieht, sind sie auch bewohnt. Mehrmals im Monat halten sich hier die Arbeiter auf, um die ganze Technik zu überwachen. Sie müssen auch regelmäßig den Wasserfluss messen. Dazu wird der Zulauf zum Kanal geschlossen, damit das Wasser in einen Tank fließt. Mit einem einfach Holzstock, in den ein paar Nägel geschlagen sind, wird der Wasserstand nach einer bestimmten Zeiteinheit gemessen. So kann man einfach die Wassermenge berechnen.

Es gibt Obstbäume, Weinreben, Kohlpflanzen und Blumen hier. Vor dem etwas höher gelegenen Gebäude, dem Arbeitsraum, ist sogar ein perfekter Tisch für ein Picknick, mit Ausblick über den Barranco. Wer mag, kann noch die grüne Treppe hinaufgehen, aber oben geht es nicht weiter. Keine Sorge! Die bellenden Hunde sind eingesperrt.

Im Barranco selbst folgt man einfach den verrosteten Schienen und kommt zum Stolleneingang der Galería Vergara I in 1462m Meereshöhe. Der Stollen geht 3305m tief in den Berg, bei 2492m gibt es einen Seitenast mit ursprünglich 328m Länge, der aber 2017 auf über 1100m verlängert wurde. Die Stollen sind in der Regel etwa 2m breit und 1,80m hoch, das Wasser fließt seitlich in einem gemauerte Kanal, neuerdings auch in Rohren.

Mit dem Bau des Hauptstollens wurde 1944 begonnen. Damals musste noch das gesamte Material mit Eseln und Pferden herauf transportiert werden. Die „Cabuqueros“, die Bergmänner, mussten es normalerweise 3-4 Stunden im Stollen aushalten und die Sprengladungen anbringen. Eine gefährliche Arbeit, denn sie mussten nach dem Zünden der Lunte schnell Richtung Ausgang rennen, um nicht von der Explosion erwischt zu werden. Gefährlich ist auch die deutliche Zunahme des CO2-Anteils der Luft, je tiefer man in den Stollen kommt. Ist dieser zu hoch, wird man müde. Wer einschläft, wacht nicht mehr auf. Deshalb wird während der Arbeiten durch ein Rohr Frischluft hineingepumpt, der Ventilator wird mit einem Dieselmotor betrieben. Der Motor erzeugt auch Druckluft für die Meißelhämmer. Nach der Sprengung musste der Abraum hinaus transportiert werden. Die Arbeiter waren glücklich, wenn ein Esel die Loren ziehen konnte. Erst später kamen auch kleine Diesellokomotiven zum Einsatz, die aber wiederum zusätzlich Abgase produzierten. Eine dieser Loks kann man hinter dem Stolleneingang sehen. Elektromotoren kamen wegen des Wassers und der hohen Luftfeuchtigkeit nicht in Frage. Die Betriebsgenehmigung erfolgte erst 1963, damit ist die Galería Vergara eine der jüngsten Teneriffas.
Zu der Anlage gehört auch ein kleines Wasserkraftwerk mit einer Leistung von 416kW.

Auf dem Gelände davor kann man im Mai und Juni sogar blühende Tajinasten sehen (siehe: Die Kerzen des Teide). Dort beginnt ein Rohr, dem man im weiteren Verlauf der Wanderung nun etwa 1km folgen muss. Unterhalb der aufsteigenden Piste beginnt direkt neben dem Rohr ein Weg, nach der ersten Kurve geht es ziemlich steil bergab. Der Weg ist etwas unbequem zu gehen. Es gibt viele rutschige Kiefernnadeln und lockere Steine. Man muss weiter unten das Rohr einmal kurz überqueren. Linker Hand verläuft parallel der tief eingeschnittene Barranco de Vergara. Nach rund 20 min kommt von links, von der Galería Vergara II, ein weiteres Wasserrohr herüber. Beide Rohre verlaufen etwa 150m lang nebeneinander.

Dann erreicht man die Pista Fuente Pedro, der man nach rechts folgt. Nach 100m steigt die Piste rechts an (VM17, Piedra Los Pastores), dort beginnt geradeaus ein ebener Waldweg, auf dem man bequem weiter spaziert, wieder neben einem Wasserrohr. Er ist mit BC 1.9 (Las Raices, Chio) beschildert. Nach einer Linkskurve verläuft der Weg am Hang entlang. Rund 800m später bemerkt man auf dem Hügel eine gemauerte Konstruktion. Eine Hinweistafel erklärt, worum es sich handelt.

Es ist ein Löschwasserbecken, wo im Falle eines Waldbrandes die Hubschrauber Wasser aufnehmen können. Ein paar Meter weiter oben, hinter der Schranke, kommt man direkt zum Becken. Dort ist auch ein schöner Aussichtspunkt. Man sieht, wenn es keine Wolken hat, den Teide und weite Bereiche der Nordküste.

Nun beginnt ein steiler, aber zum Glück kurzer Aufstieg, es sind nur 40 Höhenmeter. Dies ist eigentlich kein Weg, sondern eine extra angelegte, breite Feuerschneise. Oben trifft man hinter einer Schranke wieder auf die Piste VM17, geht nach rechts hinunter und kommt wieder zu der vorigen Abzweigung.

200m danach gibt es eine auffällige Kreuzung, wo man links abzweigt. Ein Holzschild weist den Weg zur Galería Vergara II, wo man nach 250m erneut auf Entdeckungstour gehen kann. Oberhalb der großen Abraumhalde steht das Arbeitshaus, dahinter ist der Stolleneingang. Vergara II ist 2285m lang und hat eine wesentlich geringere Schüttung. Spannend sind hier die rostigen Gleise, ein Drehteller und die Loren. Der Kanal führt noch etwa 100m hinüber zu einem anderen Gebäude, wo man noch Tanks und Messstellen entdecken kann.

Ein interessantes Video in 3D zeigt, wie es im Innern eines Stollens aussieht:

Der Rückweg ist nun schnell geschafft. 100m vor der Kreuzung kann man links auf einem mit Steinen begrenzten Pfad abkürzen und direkt zum Campamento hinunter gehen.

Entfernung: 8,5km, Gehzeit 3,5 Std
Tiefster Punkt: 1265m, höchster Punkt: 1460m

Karte Wanderung

Aus Zeitgründen oder bei schlechtem Wetter kann die Wanderung abgekürzt werden. Dann geht man von Vergara I auf der Pista Vergara (grün) direkt hinunter zu Vergara II und dem Campamento. Wer nur einen kleinen Spaziergang machen will, kann vom Campamento die paar hundert Meter hinauf zu Vergara II gehen.

Anfahrt

Zum Campamento Barranco de la Arena kommt man nur auf einer 8,6km langen, staubigen Schotterpiste. Sie ist zwar bei trockenem Wetter mit jedem Auto befahrbar – sofern es nicht tiefer gelegt ist – aber bei einigen Querrinnen muss man vorsichtig sein, und man sollte auf größere Steine achten.

In La Guancha fährt man am kleinen Kreisverkehr von der TF-342 ab und in einer Rechtskurve die Calle Cruz de los Claveles hinauf. Nach 350m muss man scharf rechts abbiegen. Dort beginnt die TF-344, es gibt keine Beschilderung! Man kommt in den Wald, bei km 8,8 gibt es eine Hütte, dort zweigt rechts die Pista El Lagar ab. Sie führt in 4,6km zum großzügigen Picknickplatz El Lagar. Weit im Wald verstreut sind Tische, Feuerstellen, ein Kinderspielplatz und sogar ein „Trimm-Dich-Pfad“ für Hunde.

Direkt links des gelben Hauses beginnt die Pista Barranco de la Arena (VM 17), auf der man nach weiteren 4km den Campamento erreicht.

Anfahrt TF 344
Anfahrt El Lagar
Anfahrt komplett

Gehe zu Google Maps

Ein großes Problem mit dem Wasser von La Guancha ist der hohe Gehalt an Fluoridsalzen. In diesem Artikel aus der Zeitung El Día kannst du mehr über die Vergara-Stollen und die Wasserförderung lesen:

Weitere Artikel zum Thema Wassergewinnung und Galerías findest du hier: Ans Ende der Welt, Geschichten von Wald und Wasser, Spurensuche, Barranco de Añavingo.

Diese Wanderung als pdf und als kmz für Google Earth: Lies nach auf der Seite SERVICE und schreib mir eine Mail.

Artikel-Nr. 16-3-187

Ein Gedanke zu “Entdeckungstour

  1. Pingback: Barranco de Añavingo | Mein Teneriffa - Mi Tenerife

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