Der zersägte Berg

Was übrig bleibt von einem Vulkan

Er wartet immer noch darauf, dass er zu einem Stadtpark wird, doch der Berg Taco zwischen Santa Cruz und La Laguna bleibt ein schlimmer ökologischer Alptraum: Unkontrollierter Abbau von Gestein, zahllose Müllablagerungen aller Art, die Katzenschwanzplage, illegale Bauten und ganz allgemein eine der schändlichsten Landschaftszerstörungen, die man auf der Insel finden kann. Das bleibt von einem Vulkan.

Was am 360m hohen Berg Taco passiert, an der Grenze zwischen Santa Cruz und La Laguna, kann ohne Übertreibung als einer der schwerwiegendsten Angriffe auf die Umwelt auf den Kanarischen Inseln angesehen werden. Denn sein heutiger Zustand ist das Ergebnis fast aller Übel, die sich gegen die Natur der Insel verschworen haben.

Der Name Taco kommt aus der Sprache der Guanchen, die mit ‚taku‘ Bergen und Höhenrücken bezeichneten, und es bedeutete so etwas wie ‚Berg für alle‘. Im Nordwesten der Insel bei Buenavista gibt es einen zweiten Berg mit dem Namen Taco.

Der Vulkan von Taco ist einer sehr jungen vulkanischen Phase zuzuordnen, die mit einem Alter von ca. 200 000 Jahren etwa mit dem Entstehen des Teide zusammenfällt. Mit den Vulkanen von Ofra und Guerra gehört er zu einer Serie von Ausbrüchen die in gerader Linie längs einer Spaltenöffnung stattfanden. (Die Montaña de Guerra kann man auf einer leichten Wanderung erkunden Über den Dächern der Stadt. Von dort sieht man perfekt die beiden anderen Vulkane.)

Die Liste der Umweltsünden gegen das, was einmal ein die Landschaft beherrschender Vulkan war, ist lang: illegaler Abbau von Gestein als Baustoff und ohne jegliche Restaurierung, Deponierung von Abfällen aller Art im Freien, illegale Bebauung und die Unfähigkeit aller aufeinanderfolgenden Regierungen in den Rathäusern, dies zu verhindern. Den bemitleidenswerten Zustand kann jeder von weitem sehen. Wer es genau sehen will, kann sogar auf einer Straße mitten durch den Berg fahren, denn er ist in zwei Teile zersägt.

Nicht nur Hausmüll liegt dort herum, auch Ölfässer, Asbestrohre und Bauschutt wird man finden. Überall fühlt sich das invasive Katzenschwanzgras wohl, das man andernorts verzweifelt versucht einzudämmen. (Lies hierzu den Artikel Der Katzenschwanz.)

Seit Jahren ist die Umwandlung dieser Zone in einen Stadtpark im Gespräch, der mit europäischen Mitteln finanziert werden soll, doch die Umweltzerstörungen gehen unvermindert weiter. Ab und zu beseitigt die Stadt ein paar neue Müllablagerungen, aber das Panorama mitten im Stadtgebiet bleibt gruselig. Der Cabildo und die beiden Stadtverwaltungen schätzten Anfang 2019, dass die Fertigstellung des Stadtparks fünf Jahre dauern würde. Die Vollversammlung des Inselrates billigte dann den Beginn des Projekts „von insularem Interesse“, dessen erste Phase mit europäischen Mitteln finanziert werden soll. Im Laufe des Jahres 2019 wurde sogar die Ausschreibung für die Ausarbeitung des Projekts mit einem Betrag von 815.000 Euro angekündigt, in dem verschiedene Alternativen festgelegt werden, einschließlich eines Prozesses der Bürgerbeteiligung. Die großen Linien sind seit Jahren klar: der Vulkankegel muss restauriert und ein großer Park um ihn herum angelegt werden. Ein bisschen mehr grüner Raum, an dem sich die Bürger erfreuen können, größer sogar als der beliebte Stadtpark García Sanabria. (Lies hierzu den Artikel Ein Sonntag im Park.)

Die europäische Finanzierung, die dieses Projekt erhalten hat, beläuft sich auf (vorläufig) 5,5 Millionen Euro im Rahmen des Fonds für integrierte nachhaltige Stadtentwicklung. Die Inselregierung hat noch bis 2023 Zeit, die Verwendung dieser Gelder zu rechtfertigen und die Pläne ausarbeiten zu lassen, sonst verfallen die Mittel. Doch bislang ist es bei den blumigen Versprechungen vom Mai 2019 geblieben. „Um alle Aktionen abzuschließen, werden weitere fünf Millionen Euro benötigt, so dass sowohl der Cabildo als auch die Gemeinden Santa Cruz und La Laguna sich verpflichten müssen, mehr Mittel zur Verfügung zu stellen,“ erklärte damals Miguel Becerra, Direktor für Mobilität und Entwicklung, und meinte, dass „die Ausarbeitung des Projekts im Januar 2020 abgeschlossen sein wird“. Das war wohl ein Traum.

Der alte Vulkan ist weiterhin nur eine Müllhalde von 100.000 Quadratmetern, für deren Umgestaltung man im Jahr 2016 noch von einer Investition von 17 Millionen Euro ausging, davon sollten 14,6 Millionen Euro aus europäischen Mitteln kommen. Warum vier Jahre später viel geringere Zahlen genannt werden, ist rätselhaft.

Für die Durchführung dieses Projekts gibt es zwei verwaltungstechnische Alternativen: die Enteignung der Grundstücke oder die Vereinbarung mit den Eigentümern, Wohnbebauung neben dem zukünftigen Park zu erhalten. Ideen für die Umgestaltung gibt es viele: Ein Amphitheater für kulturelle Aktivitäten und große Musikveranstaltungen, für Rockkonzerte oder Konzerte des Symphonieorchesters. Es ist auch geplant, diese große Grünfläche mit einem speziellen Bereich für sportliche Aktivitäten zu versehen, wie z.B. einem Skatepark oder Mountainbike-Rundstrecken. Der Vorschlag der Verwaltung sieht Erholungs- und Freizeitbereiche sowohl für Kinder als auch für Erwachsene vor.

Die für die Umgestaltung bereitgestellten Mittel kommen aus dem EU-Fonds für regionale Entwicklung, Abteilung nachhaltige Stadtentwicklung (Desarrollo Urbano Sostenible Integrado, DUSI). Im Strategieplan der Inselregierung von 2016 finden sich auch Zeitfenster für die Realisierung. Ausschreibung in 2017, Baubeginn in 2018. Alles nur ein Traum…?

Die Stadtgrenze zwischen La Laguna und Santa Cruz geht mitten und schräg durch den Berg, was die Planung und Entscheidungsfindung nicht einfacher macht. Erschwerend kommt hinzu, dass die Grundstücke am Vulkan nicht im Besitz der Gemeinden sind und sich auf viele einzelne Eigentümer verteilen. Eine Abgrenzung des Sonderplans von Seiten der Stadt La Laguna gibt es bereits. Der Sonderplan von Santa Cruz wurde 2016 vom Obersten Gericht für nichtig erklärt, weil der Besitzer zweier Parzellen von etwa 1000 m² Größe dagegen geklagt hatte.

Die großen, senkrechten Wände der ehemaligen und aktuellen Steinbrüche sind nicht ganz ungefährlich. Sie sind teilweise über 50m hoch. Im März 2011 kam es nach starken Regenfällen zu einem spektakulären Bergsturz, bei dem eine Industriehalle und mehrere Lastwagen zerstört wurden, glücklicherweise war es nach Feierabend, und niemand wurde verletzt. Sicherheitshalber wurden aber einige Familien aus nahegelegenen Häusern evakuiert. Schon im Jahr davor gab es eine Anzeige gegen die Stadt wegen unterlassener Sorgfaltspflicht im Zusammenhang mit den instabilen Steilwänden.

Seit den 1970er Jahren wird am Berg genagt, rund die Hälfte davon ist bereits weg. Zwei Bergbauunternehmen bauen heute dort Picón ab, das rotbraune Lavagestein, das gerne als Streumaterial im Bau oder in Gärten verwendet wird. Excavaciones Machín S.L. tut dies seit Jahren und mit Wissen der Stadtverwaltung ohne offizielle Genehmigung. Das andere Unternehmen, Alsaca del Castillo S.L., verfügt lediglich über eine Lizenz zum Schreddern von Gestein und Schutt, aber nicht zum Abbau.

Mehrfach hat der Bürgerverein „Parque Urbano Montaña de Taco“ auf diese Sachverhalte hingewiesen und die Untätigkeit der Stadt angeprangert. Die beklagenswerte Aktionslosigkeit der beiden Stadtverwaltungen gefährdet nicht nur die umliegenden Anwohner, sondern bringt auch den versprochenen Stadtpark nicht einen Schritt weiter.

Unten am Berg klebt der Stadtbezirk Las Moraditas von Santa Cruz. Es sind ein paar schmale Gassen mit einfachen Häuschen und einfachen Menschen. Hausfrauen schleppen ihre Einkaufstaschen die steilen Treppenwege hinauf bis zu den riesigen Reklametafeln. „Ein Stadtpark?“ sagt eine junge Frau, die schnaufend stehen bleibt. „Den werde ich nicht mehr erleben.“ Weiter unten triste Reihenhäuser, so eng wie möglich aneinander gebaut, mit Aussicht auf eine nicht fertig gestellte Brücke und eine nicht fertiggestellte Schnellstraße, die nur als Joggingstrecke taugt. Der Wind durch den Einschnitt im Berg wie durch einen Kamin, und die Staubwolken sind unerträglich. Ein bisschen Farbe gibt es nur am Spielplatz, wo man bunte Häuschen an die Wand gemalt hat und den Berg als Hintergrund, fast so, als sei er ein Wahrzeichen des Viertels.

Oben am Berg Taco liegt Taco, ein wilder Stadtbezirk von La Laguna, wild und ungeplant gewachsen entlang der Hauptausfallstraße nach Süden, Wohn-Gewerbe-Mischgebiet würde der Fachausdruck dafür lauten. Der Stadtbezirk Taco wurde etwa ab 1950 bebaut und besiedelt und ist der drittgrößte der Gemeinde La Laguna mit etwa 24500 Einwohnern und einem hohen Anteil von Einwanderern, auch von anderen Inseln. Die Straßen La Palma, La Gomera, El Hierro sind schmale Gassen mit winzigen Häusern, die kaum einen Sonnenstrahl erhalten. Breite Avenidas durchschneiden den Stadtteil, der durch zwei Straßenbahnlinien erschlossen wird.

Nur auf den Luftbildern erkennt man das volle Ausmaß der Landschaftszerstörung.

Hässlich ist er, der zersägte Berg. Aber fantastisch ist der Ausblick vom Gipfel. Von einem Parkplatz in der Calle San Nicolas, im Westen des Bergs, kann man in etwa 15 Minuten auf einem steinigen Trampelpfad hinauf steigen zur Spitze, wo eine steinerne Säule als Vermessungspunkt steht. Der Rundblick ist perfekt und bietet ein ganz ungewöhnliches Panorama der Stadtlandschaft. Im Nordosten Santa Cruz, mit dem Hafen und dem Anaga-Gebirge im Hintergrund, im Nordwesten das Häusermeer von La Laguna. Nach Süden geht der Blick weit über die Küste bis nach Güímar, und mit viel Glück kann man über dem Meer die Berge Gran Canarias erkennen.

ACHTUNG: Wenige Schritte neben der Steinsäule geht es rund 100m senkrecht nach unten. Hier ist äußerste Vorsicht geboten!

Gehe zu Google Map:

Einen anderen Artikel zum illegalen Gesteinsabbau bei Güímar findest du hier: 168 423 159,13 Euro.


Quelle, u.a.: Damián Esquivel Sigut: Información geográfica de cambios en usos y cobertura del suelo: Montaña de Taco, Trabajo de fin de grado, septiembre 2015

Luftbilder: fotosaereasdecanarias.com


Artikel-Nr. 17-18-186

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