Kunst am Bau

Die Auferstehung des Neptun

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HOTEL ZU VERKAUFEN mit 92 Zimmern, 27 Bungalows und unvergleichlichem Meerblick an der Küste von Bajamar, mit Gärten, Swimmingpool, Parkplätzen, 11000 m² Gesamtfläche, zum Sonderpreis von nur 3 000 000 Euro.

Mit dieser Anzeige ging die lange Geschichte des Hotels zu Ende, das nach dem Meeresgott benannt war. Doch Neptun versinkt seit 2007 im Meer der Vergessenheit. Vom einstigen Wirtschaftsmotor und touristischen Flaggschiff bleibt für den Badeort Bajamar nur noch eine traurige Erinnerung.

Neptun ist aber noch nicht tot! Namhafte Künstler haben ihn wiederbelebt – wenn auch auf eine unerwartete Art. Doch zuerst einmal die Geschichte ganz der Reihe nach.

Neptuno1978(todocoleccion.net)Als in den 1960er Jahren der Massentourismus begann, war der kleine Küstenort Bajamar nach Puerto de la Cruz das zweitwichtigste Ziel der internationalen Besucher Teneriffas. Hier traf sich nicht nur die Urlauberschar, auch reiche Inselbewohner feierten hier mondäne Hochzeiten, Geburtstagsfeiern und üppige Bankette.

1705097_1Ein beliebtes Ziel war das Hotel Neptuno in traumhafter Lage über der Küste. Bajamar wurde im April 1964 von den zuständigen Ministerien zum touristischen Gebiet von nationalem und internationalem Interesse erklärt, und eben in diesem Hotel Neptuno wurde das „Centro de Iniciativas Turísticas (CIT) del Nordeste de la Isla de Tenerife“ gegründet, ebenso wie die erste Schule für Tourismus der Kanaren. Anwohner beschrieben das Hotel wie „einen Leuchtturm an der Küste“, immer hell erleuchtet und immer gut besucht.

Zwei Jahrzehnte lang florierte das Geschäft. Doch mit dem Bau der Autobahn nach Los Cristianos und der Eröffnung des Südflughafens begann der langsame Zerfall des Touristenzentrums Bajamar. Die Touristikmanager priesen die Vorzüge des Südens von Teneriffa an und verkauften dem internationalen Reisepublikum Hotelzimmer und Appartements an den sonnigen Stränden von Playa de las Americas.

In Bajamar wurden triste Reihenhaussiedlungen gebaut, nur noch die Liebhaber des Ortes kauften dort Zweitwohnungen. Aber das große Geld blieb aus, mit spürbaren Folgen: Straßen in schlechtem Zustand und ohne Bürgersteige, fehlende Beleuchtung, keine Einkaufsmöglichkeiten, kaum Grünflächen und keine Unterhaltungsangebote für die Touristen. Nur Wochenendausflügler kommen noch in den Ort und bewundern die Brecher an der Kaimauer. Der Strand und die Meeresschwimmbecken sind oft nicht benutzbar. An der Promenade häufen sich die Hundehäufchen.

Neptun hat sich erstaunlich lange über Wasser gehalten. 1999 kostete eine Nacht 2850 Pesetas (17 €). Ein gewisser Herr Massoth weilte vom 23. bis 30.Juli im Zimmer 618 und bezahlte einschließlich Verpflegung und aller Dienstleistungen 79800 Pesetas (479 €). Das einstige Vorzeigehotel wurde in den folgenden Jahren mehr und mehr zur Billigabsteige. Die Einnahmen sanken, repariert wurde nichts mehr. Im Jahr 2007 war der Betreiber pleite und das Hotel wurde versteigert, aber auch der neue Eigentümer weigerte sich zu investieren.

Und so begann der langsame Zerfall des einstigen Luxushotels. Scheiben wurden eingeschlagen, Plünderer räumten die gesamte Kücheneinrichtung aus und alles was sonst noch von Wert war, Saufgelage waren an der Tagesordnung. Die Nachbarn beschwerten sich über Lärm und Belästigungen. Eines Tages brach im vierten Stock ein Feuer aus.

1705095_1Im September 2015 interessierte sich eine russische Unternehmensgruppe für eine Wiederbelebung des Hotelkomplexes, und im Stadtbauamt vom La Laguna keimte die Hoffnung. Doch es wurde leider nichts aus dem Deal. Die Stadt wollte dann den Zugang im März 2016 mit einer Mauer versperren und alle Fenster und Türen zumauern, ein Kostenvoranschlag belief sich auf 31000 €. Aber es gab rechtliche Probleme, weil es sich ja um ein Privatgelände handelt. Schließlich erklärte sich der Eigentümer bereit, diese Sicherheitsmaßnahmen auf eigene Kosten durchzuführen. Er bietet für 2,4 Mio. € die Ruine immer noch zum Verkauf an. (Die Anzeige bei milanuncios ist hier noch zu finden: https://www.milanuncios.com/venta-de-edificios/hotel-neptuno-137759937.htm , beim Immobilienmakler selbst allerdings nicht mehr.) Die Partei Democrácia Participativa fordert von der Stadt, das Gebäude zu kaufen, es wären umgerechnet nur 15 € pro Einwohner, so viel gäbe die Stadt an anderer Stelle für viele unnütze Dinge aus. So z.B. wurden im Jahr 2015 für den Parkplatz Las Quinteras nahe der Altstadt von La Laguna allein 3,3 Mio. € bezahlt, der größte Teil davon als Abfindung an den seitherigen Besitzer.

In der Mauer entlang der TF-13 gibt es heute einen Durchgang, auch die Tür zum Hauptgebäude ist wieder offen. So kann jeder hinein spazieren, oder auf dem gefährlichen und abgestürzten Weg hinunter zum Strand klettern.

Nun scheint der untergegangene Neptun aber zurückzukommen. Seit einigen Jahren schon begannen Graffiti-Sprayer, ihre Bilder und Schriftzüge an die Wände zu malen. Nach und nach entstanden raffinierte Gemälde und mit der Zeit interessierten sich auch namhafte Künstler für die vielen freien Flächen. Vor allem die 27 frei stehenden Bungalows eigneten sich hervorragend als avantgardistische Kunstobjekte.

Bekannte Namen aus der Street Art Szene tauchen auf: Txemy, Iker Muro, 3ttman, KOB, Mikko, und andere. Jeder Künstler hat einen der Bungalows verschönert, eigenartige und farbenprächtige Kunstwerke sind dabei entstanden. Bei einem Spaziergang zwischen den Häuschen hat man immer wieder den Blick aufs blaue Meer und auf Punta de Hidalgo in der Ferne.

Wenn jetzt die Wege noch etwas gepflegt würden, das Gebüsch geschnitten und das Unkraut entfernt, dann könnten Neptuns Bungalows zu einem begehbaren Gesamtkunstwerk werden. Vielleicht sehen die Politiker der Stadtverwaltung doch eines Tages noch eine Chance, Neptuns Auferstehung zu verwirklichen.

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Hinweise: Ein Vordringen in das Innere der Hotelruine ist nicht ratsam! Es gibt marode Treppen und offene Aufzugschächte, Glassplitter und allerlei andere Gefahren. Die Flure und Zimmer sind dunkel, da alle Fenster zugemauert sind. Die Graffiti an den Bungalows kann man jedoch gefahrlos bei einem Spaziergang besichtigen.

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Werke der genannten Künstler sind auch in anderen Orten zu bewundern, in La Laguna, Santa Cruz oder Puerto de la Cruz. Lies hierzu den Artikel Puerto Street Art. In Puertito de Güímar gibt es auch ein begehbares Straßenkunstwerk: Pflastermaler.

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Aktualisierung September 2018:

Ein von der Fundación Canaria de la Construcción (Funcac) in Auftrag gegebener technischer Bericht über das Hotel Neptuno in Bajamar schließt die Möglichkeit der Sanierung der bestehenden Gebäude aus. Die vor einigen Jahren untersuchte Alternative eines Umbaus wird entschieden abgelehnt.

Konkret würde eine Renovierung mit Gewährleistung der Bewohnbarkeit und Anpassung an die baulichen Gegebenheiten in Bezug auf Isolierung, Sicherheit, Brandbekämpfung, Lärmschutz, Energieeinsparung und Gesundheit eine Investition von weit über 50% des Wertes als Neubau erfordern.

In dem Dokument wird darauf hingewiesen, dass ein Umbau auf Grund des schlechten Allgemeinzustandes des Gebäudes nicht in Frage kommt. Darüber hinaus würden sowohl das Hauptgebäude als auch die Bungalows den heutigen Vorschriften nicht mehr entsprechen, sowohl was den Bodennutzungsplan angeht, als auch die Regelungen für touristische Gebäude. Aus diesem Grund wäre es notwendig, einen Teil der Gebäude abzureißen. Damit wäre aber eine touristische Nutzung nicht mehr möglich. „Eine Anpassung an die heutigen Vorschriften ist durch die konstruktiven Eigenschaften eines Gebäudes, das vor mehr als 50 Jahren geplant und gebaut wurde, nicht mehr möglich,“ so der Bericht.

Wann die Immobilie endgültig verschwinden wird, bleibt aber unklar.

Aktualisierung Mai 2019

Das Amt für Städtebau von La Laguna hat nun endlich das alte Hotel Neptuno in Bajamar zur Ruine erklärt. So wurde es nun im Amtsblatt veröffentlicht. Dort ist auch festgelegt, welche Schutzmaßnahmen die Besitzer unverzüglich zu ergreifen haben.

Dieseumfassen das Entfernen von zerbrochenen Fenstern und Jalousien, die Reparatur Öffnungen im Mauerwerk (sowohl des Hotels als auch der Bungalows), den Austausch oder die Versiegelung der Haustür, Arbeiten an den äußeren Metallzäunen und den Abriss der Pergola am Pool.

Sollten die Eigentümer dem nicht nachkommen, kann die Verwaltung die Zwangsvollstreckung durchführen. Es gibt auch eine Frist von einem Monat, damit die Eigentümer entscheiden können, ob sie sich für eine vollständige Sanierung oder einen Abriss der Immobilie entscheiden.

Aktualisierung August 2019

Die Geschichte nimmt plötzlich eine andere Wendung. Die Eigentümer der Immobilie haben nun eine zukünftige neue Nutzung des Hotels beschlossen, und deswegen eine Sanierung eingeleitet. Dazu müssen zunächst Zufahrtswege geschaffen und viel Wildwuchs und Unkraut beseitigt werden. Deshalb wurde der Zugangsweg zum Strand El Arenal gesperrt.

Dies wiederum ärgert Bürger und Unternehmer von Bajamar. Einerseits sind es die Surfer, die nicht mehr zum Strand kommen und andererseits die Besitzer von Surf-Läden, die nun ihr Geschäft gefährdet sehen, einer davon will Anzeige erstatten. Nun muss aber erst geklärt werden, ob ein zivilrechtliches Vorgehen überhaupt möglich ist, oder ob es sich bei dem betreffenden Abschnitt des Wegs um einen Bereich der öffentlichen Dienstbarkeit handelt. Dann nämlich wäre die Stadt in Absprache mit der Küstendirektion zum Handeln verpflichtet.

Die Eigentümer des Hotels betonen, dass es sich um Privatgelände handelt und die Sperrung eine Sicherheitsmaßnahme ist, denn wenn dort schweres Gerät arbeitet, dürfen keine Passanten durchlaufen. Sie erklären sich jedoch bereit, bei der Schaffung eines anderen Strandzugangs mitzuarbeiten.

Aktualisierung August 2020

Bei der Stadtverwaltung La Laguna ging im Juli ein Antrag der aktuellen Eigentümer für eine Machbarkeitsstudie ein. Diese sieht den Umbau der Hotelruine zu einem Seniorenheim vor.


Artikel-Nr. 17-8-70

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