Wildnis bequem

Der Barranco Tágara

Selten kommt man auf einem bequemen Weg so weit in die wilde Natur. Eine der größten Schluchten auf der Westseite der Insel ist in ihrem unteren Teil bequem zu erwandern. Einsamkeit und Ruhe kann man hier erleben, alte Wasserstollen entdecken, und nebenbei auch noch eines der schönsten Dörfer der Insel erkunden. Dort gibt es auch ein phantastisches Panorama.

Chirche ist ein malerisches Dorf auf 880m Meereshöhe oberhalb von Guía de Isora. Es hat rund 200 Einwohner, viele davon reiche Insulaner oder Ausländer, die hier die alten Häuser gekauft und restauriert haben. Man sieht erstaunlich viele gut gepflegte Anwesen, alle mit schönen Ausblicken ins Tal, zur Küste und hinüber nach La Gomera. Auch einige Landhotels und hübsche Ferienwohnungen gibt es hier.

Das beste Panorama hat man aber oberhalb des Ortes vom Mirador de Chirche, einer Aussichtsplattform, wo es auch ein Restaurant gibt. Man erreicht ihn am besten von der TF-38 aus, wo bei km 25 ein Seitensträßchen abzweigt. Dieses führt in ein paar schmalen und steilen Kurven hinunter in den Ort. An der ersten Kurve findet man einen alten Dreschplatz, weiter unten gibt es noch zwei weitere. Sie sind Zeugen dafür, dass früher einmal der Getreideanbau eine der landwirtschaftlichen Säulen des Dorfes war.

Unterhalb der Dreschplätze, bevor die Straße ins Dorf abbiegt, beginnt ein Schotterweg zwischen Mäuerchen. Dort kann man parken und man sieht das breite Tal, in das die Wanderung hinein führen wird. In diesem breiteren Teil heißt das Tal auch Barranco Pilón, erst weiter oben wird der Name dann zu Barranco Tágara.

Auf dem staubigen Fahrweg geht man etwa 200m und hält sich dann links auf die Felswand zu. Dort ist die Galería Trinidad, ein noch aktiver Wasserstollen, aus dem das Wasser in einen Kanal plätschert. Er ist 3417m lang, fördert aber relativ wenig Wasser, nur etwa 4 Liter pro Sekunde. Der Stolleneingang ist natürlich verschlossen. Neben dem Arbeitsgebäude liegt ein Wasserbecken, dahinter sieht man Gärten und Weinfelder.

Man geht zurück zum Fahrweg und folgt diesem weiter in das Tal hinein. Beiderseits liegen weitere Weinfelder und Obstanlagen, aber alles sieht hier nicht nach einer besonders intensiven Nutzung aus. Die Landwirtschaft spielt in Chirche nur noch eine sehr untergeordnete Rolle. Der Weg geht dann nach rechts zu einer steilen Felswand. Dort steht ein verkrüppelter Kastanienbaum, der hier sicher viel zu wenig Wasser bekommt.

Der Fahrweg wird immer steiniger und ist irgendwann auch mit Geländewagen nicht mehr zu befahren. Nach einem weiten Rechtsbogen, etwa 800m nach der Galería Trinidad, sollte man links des Wegs auf eine große, überhängende Felswand achten. Dort liegt eine weitere Galería, zu der man sich aber etwas durchs Gebüsch und über die egemaligen Abraumhalden schlagen muss. Es ist die Galería de Chirche oder El Pilón, die 2678m tief in den Berg vordringt, aber schon in den 1980er Jahren wegen zu geringer Wasserführung aufgegeben wurde. Die Mühe, dort hin zu gehen, lohnt sich trotzdem, denn in dem verfallenen Gebäude entdeckt man noch die alte, abenteuerliche und komplett verrostete Maschinerie, mit der vor 50 Jahren gearbeitet wurde.

Danach kommt man am allerletzten Weinfeld vorbei, und nun folgt der Weg einfach dem Bachbett. Verlaufen kann man sich nicht. Die steilen Felswände beiderseits des Tals rücken immer näher zusammen und man befindet sich bald in einer richtigen Schlucht. In dem Wasserrohr neben dem Weg rauscht und gluckert es, also muss weiter hinten im Tal noch ein weiterer aktiver Wasserstollen sein. Es ist die Galería Aguavista, 900m hinter der Galería Chirche. Man entdeckt das Förderhaus rechts oben auf einer Anhöhe, aber dort hinauf zu klettern ist unbequem und nicht ganz ungefährlich. Aguavista ist mit weniger als 2 Liter pro Sekunde eine ziemlich unbedeutende Wasserquelle, der Stollen ist 2050m lang.

Jetzt wird es richtig wild und der Weg auch etwas steiler. Man muss öfters über größere Felsen klettern. Links oberhalb liegt eine steile Felswand, darüber würde ein Seitenast der Schlucht weiter in Richtung Berge führen, aber diese Schlucht ist unzugänglich. Ebenso wie der obere Teil des Barranco Tágara. Die Wanderung endet unterhalb des beeindruckenden Salto de Tágara, ein Steilabfall, über den nach starken Regenfällen auch ein Wasserfall herunter kommt. (In so einem Fall sollte man die Wanderung NICHT unternehmen!)

Da, wo es schon fast nicht mehr weiter geht, befindet sich hinter einer Mauer die Galería San Felipe y Sauces. Aber die Gebäude sind von so dichtem Gebüsch zugewuchert, dass man nicht hineinkommt. Der Stollen war einmal 1720m lang, ist aber seit etwa 1980 nicht mehr in Betrieb.

Auf dieser Karte erkennt man, wie die vier beschriebenen Stollen verlaufen und wie viele andere es noch in dieser Gegend gibt.

Wenn man sich hier einmal zum Ausruhen auf einen Felsen setzt, dann hört man … einfach nichts. Im Zentrum der Wildnis, in der Schlucht zwischen Felswänden, gigantischen Felsblöcken und Gestrüpp ist die Zivilisation ganz weit weg, und das nach nur einer Stunde Weg. Vielleicht flattert mal ein Vogel vorbei …

Für den Rückweg nach Chirche braucht man etwa 40 Minuten. Dort lohnt sich auf jeden Fall noch ein Rundgang durch das malerische Dorf, auch wenn die Gassen steil sind. Viele Häuser sind noch in ihrem originalen Zustand erhalten oder wurden wieder hergerichtet.

Man trifft vielleicht mehr vierbeinige als zweibeinige Dorfbewohner. Im unteren Teil kommt man dann zu der kleine Dorfkirche und dem Dorfplatz.

Das Dorf wurde im Jahr 2008 zum nationalen Kulturgut erklärt. In der Umgebung gibt es auch archäologische Fundstätten, deshalb weiß man, dass dieser Raum schon zur Guanchenzeit besiedelt und genutzt wurde. Ziegelöfen, Dreschplätze und Wasserbecken belegen die intensive Nutzung. Im 19. Jahrhundert war hier der Anbau von Feigenkakteen zur Zucht von Cochenille-Läusen ein wichtiger Erwerbszweig. Jedes Jahr im Sommer wird hier der „Día de las Tradiciones“ gefeiert (ist 2020 allerdings ausgefallen).

Zum Abschluss bietet sich natürlich noch das Restaurant Mirador de Chirche für ein Mittagessen an, einen Kaffee oder auch für ein Abendessen, bei dem dann der grandiose Sonnenuntergang hinter La Gomera inklusive ist.

Entfernung: 4,5km, hin und zurück
Zeitbedarf für die Wanderung: knapp 2 Stunden
Tiefster Punkt: 900m, höchster Punkt: 1075m

Karte

Bemerkung: Der Weg ist am Anfang bequem, aber staubig. Weiter oben im Bachbett felsig. Im Sommer sollte man die Tour nicht nachmittags machen, dann wird das Tal zu einer heißen Hölle. Nicht nach Regenfällen gehen, es können Steinlawinen oder Felsbrocken von den Steilwänden herunterfallen! Der Weg ist nicht gesichert und kein offizieller Wanderweg!

Wer noch etwas mehr laufen will, kann auf einer Rundwanderung von Chirche auf der Straße hinunter gehen nach Aripe und auf dem Wanderweg PR TF-70, auf alten Saumtierpfaden wieder hinauf, oder umgekehrt.

Entfernung: 2,6km
Höchster Punkt: 900m, tiefster Punkt: 730m

Karte (grün)

Etwas anstrengender ist der Aufstieg von Guía de Isora nach Chirche. Der Wanderweg PR TF-70 ist ausgeschildert. Leider gibt es keinen Bus nach Chirche, aber ein Taxi kostet auch nicht viel.

Entfernung: 3km
Tiefster Punkt: 590m, höchster Punkt 900m

Karte (gelb)

Karte komplett

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Wanderung als pdf und Track für Google-Earth? -> Lies nach auf der Seite SERVICE und schreib mir eine Email

Spannende Schluchtenwanderungen, aber nicht ganz so bequem, findest du hier:
Barranco Chacorche
Barranco de Badajóz
Barranco Añavingo


Artikel-Nr. 14-1-195

4 Gedanken zu “Wildnis bequem

  1. Pingback: Ans Ende der Welt | Mein Teneriffa - Mi Tenerife

  2. Pingback: Barranco de Añavingo | Mein Teneriffa - Mi Tenerife

  3. Danke für die stets akribisch recherchierten Artikel, das Beleuchten der Umstände, die tollen Wandertouren, Tips , Fotos und das Wissenswerte ..einfach die interessanten Artikel Ich freue mich sehr darüber

    Mit freundlichen Grüssen Sabine Michael Sabinemichael7@gmail.com

    >

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